Hinter Vorhängen verborgen

Rund 30.000 historische Stoffe und Designs hat die Schauweberei Braunsdorf geschenkt bekommen. Das Museum lässt künftig die Besucher ins Musterarchiv blicken. Es öffnet aber auch die Tür für Kreative, die Neues im bekannten Stil schaffen wollen.

Braunsdorf.

Eine rote Kordel trennt die Ausstellung in der Historischen Schauweberei Braunsdorf vom Lager. Die Museumsbesucher ahnen nicht, was in den massiven Regalen dahinter liegt. Es ist das Musterarchiv der 1990 aufgelösten Weberei Tannenhauer, die Möbel- und Dekostoffe hergestellt hat und für ihren Biedermeierstil bekannt ist. Die Sammlung ist ein Stück Textilgeschichte: Sie umfasst die Entwürfe und Muster der Firma, die ab 1883 in Chemnitz und ab 1910 in Braunsdorf produziert hat. 2015 hat das Museum sie von Nachfahren der Familie Tannenhauer geschenkt bekommen. "Damit sind wir dem Schenker verpflichtet, Arbeit und Geld zu investieren", sagt Textilhistorikerin Evelyn Schweynoch. Die Schenkung sei ein großes Glück für das Museum. Als Dankeschön soll sie öffentlich zugänglich werden.

Dank der Spende des Besitzers des Fabrikgebäudes konnte die Wissenschaftlerin für drei Jahre angestellt werden, um mit dem kleinen Team des Museums alle Objekte zu inventarisieren. Aktuell lagern rund 30.000 Papiere, Entwürfe und Stoffstücke in Kartons, verborgen vor den Augen der Besucher. Verborgen auch vor der Sonne, denn sie kann ihnen gefährlich werden, sagt Evelyn Schweynoch, während sie die schwarzen Vorhänge zuknöpft, die vor Ausbleichen und Austrocknen schützen. Bis zum Frühjahr 2022 leitet sie das Projekt, aus dem ein Ausstellungsraum für das Museum und eine Datenbank entstehen sollen. "Eine Mammutaufgabe", sagt Museumsleiterin Andrea Weigel.


Ordnen: Ursprünglich wollten sie sich das Vorsortieren sparen, jedes Objekt nur einmal in die Hand nehmen. "Doch je weiter wir in die Tiefe vorstoßen, merken wir: Wir müssen eine Grundsystematik erstellen", erklärt Schweynoch. Die Gegenstände ließen sich rund 3000 unterschiedlichen Designs zuordnen. Von 1945 bis 1990 war Eva Humburg Hauptentwerferin für Tannenhauer, vorher wurden Entwürfe eingekauft - von welchen Künstlern sei unklar. In den 1960ern kam Sigrid Kölbel dazu, die Bauhaus-Einflüsse vom Studium in Weimar mitbrachte. Zum Ordnen brauchen Evelyn Schweynoch und Simone Mende, freiberufliche Mitarbeiterin, Platz und Zeit. Sie wollen die Kantine, die als Empfang dient, ab Ende Juli zu einer gläsernen Werkstatt machen.

Konservieren: Von einem "erstaunlich guten Zustand" der Schenkung spricht Schweynoch. Viele Textilien müssten nur mit einem Spezialgerät abgesaugt, die wenigsten nassgereinigt werden. Mottenlöcher gebe es wenige, mal sei eine Maus in die Kisten gelangt. Das Papier leide indes unter Knicken, feuchtem Klima und rostenden Büroklammern. Insgesamt sei eher konservatorische als restauratorische Arbeit von Nöten. Auch den Restauratorinnen - eine für Papier, eine für Textil - sollen Besucher über die Schulter schauen können.

Inventarisieren: Vom Entwurf bis zum Gewebe müssen dann alle Objekte Inventarnummern erhalten, die sie einem Design zuordnen. Die vielen Notizen, die am Stoff haften, sind Fluch und Segen: Sie liefern Infos, müssen aber von Hand in die Datenbank übertragen werden. Diese soll auch die Standorte verwalten, an denen die Objekte abgelegt sind.

Digitalisieren: Ohne Optik nützt die Datenbank wenig, und genutzt werden soll sie - etwa von Kreativen, die alte Muster aufleben lassen wollen, so Schweynoch. "Das Interesse der Fachwelt ist groß", sagt Museumschefin Weigel. Die Stoffe wollen die Mitarbeiter, um Geld zu sparen, nach Anleitung selbst fotografieren. Das Einscannen der Papiere übernimmt die Sächsische Landesbibliothek. "Damit sind wir eins der ersten Museen im Landesdigitalisierungsprogramm", so Schweynoch.

Lagern: Seidenpapier, säurefreier Karton und UV-Schutz gehören zu den Hilfsmitteln. "Textilien und Grafiken sind am schwersten zu lagern", erklärt die Kunsthistorikerin. Besucher sollen auch etwas zu sehen bekommen: "Wir wollen das Zimmer, in dem Eva Humburg gearbeitet hat, wieder einrichten."

Vorschau: Einen Vorgeschmack soll die Sonderausstellung "Im Garten der Fäden" liefern, für die die Kuratorinnen Eva Howitz und Lena Seik in den Fundus eingetaucht sind. Sie ist bis 5. Januar zu sehen.

Das Museum ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen nach Anmeldung unter:www.historische-

 

schauweberei-braunsdorf.de

 

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