"Im Winter ist das Arbeitspensum enorm"

Nach langer Suche hat die Freiberger Kinderärztin Inge Weigl einen Nachfolger gefunden - Sorgen macht sie sich um das Gewicht vieler Kinder

Freiberg.

Inge Weigl ist in Freiberg stadtbekannt. Seit 43 Jahren versorgt die Ärztin Kinder und Jugendliche. Nun will sie sich zurückziehen und hat zum 1. Januar ihre Praxis an Sebastian Weise übergeben. Im Interview mit Cornelia Schönberg blickt die 66-Jährige noch einmal zurück.

Freie Presse: Frau Dr. Weigl, seit 1975 sind Sie Kinderärztin in Freiberg. Was zählt zu Ihren schönsten Momenten?

Inge Weigl: Das Schönste ist immer ein gesundes Neugeborenes, die Freude und der Stolz der Eltern. Die Familie zu begleiten und die Eltern zu beraten, dass sie ihr Kind gesund aufziehen, das ist mein Beruf.

Was schätzen Sie, wie viele Kinder Sie in 43 Jahren behandelt, beraten, geimpft und getröstet haben?

Oh, da hab ich keine Ahnung. Unsere Kartei reicht bis etwa 20.000, aber da sind auch Namen von Kindern dabei, die nur einmal zur Notfallbehandlung da waren. Aber es ist schön, Familien über Generationen zu begleiten. Heute kommen Mütter und Väter mit ihren Kindern in die Sprechstunde, die früher selbst als Kind bei mir waren.

Inwiefern ist das für Sie als Ärztin von Vorteil?

Die Kinderheilkunde ist eine Fachrichtung, in der fachübergreifend gearbeitet wird. Ob ein Kind Husten, Bauchschmerzen oder eine Verletzung hat, der Kinderarzt ist Anlaufpunkt für alles. Deshalb finde ich Kontinuität sehr wichtig. Durch die Häufigkeit der Untersuchungen im ersten Lebensjahr lernt man das Kind und die Eltern kennen.

Was gehört zu den traurigen Momenten in Ihrer Zeit als Kinderärztin?

Wenn man ein Kind verliert, das ist sehr traurig. Das ist zum Glück selten vorgekommen. Traurig finde ich auch, wenn Eltern Ratschläge nicht annehmen, zum Beispiel wenn ein Kind Förderung braucht und Eltern das einfach nicht annehmen. Wo soll es denn hinführen, wenn Kinder schon mit Defiziten in die Schulzeit starten?

Was können Sie in solchen Fällen tun?

Der Vorteil in Freiberg ist, die Gewerke kennen sich untereinander. Kinderärzte, Therapeuten, Kitas, das Geburtenhaus, die Frühförderstelle der Diakonie. Dieses Netzwerk zu haben und zu pflegen, ist sehr wichtig. Wir versuchen alles, damit kein Kind unter seinen individuellen Entwicklungsmöglichkeiten bleibt.

Woran messen Sie Erfolg?

(Denkt nach.) Erfolg ist, wenn ich freundliches Feedback bekomme und wenn Eltern zufrieden sind. Eine große Praxis funktioniert nur mit guten Mitarbeitern. Ich muss mich auf sie verlassen können. Und das hat super geklappt. Ich hatte die besten und engagiertesten Helferinnen. Anders hätte man die Arbeitsintensität nicht ausgehalten. Im Sommer ist alles gut, aber im Winter, wie bei der Grippewelle voriges Jahr, ist das Arbeitspensum enorm.

Was bereitet Ihnen Sorgen in Hinblick auf die Gesundheit von Kindern?

Das Übergewicht bei Kindern! Das Wissen zu gesunder Ernährung ist da, gesundes Essen auch. Aber manche ignorieren das einfach. Außerdem haben wir heute eine neue Morbidität in der kindlichen Psyche.

Das heißt?

Das heißt, Kinder leiden heute häufiger unter psychischen Störungen.

Worin sehen Sie Ursachen?

Ich denke, die Reizüberflutung spielt da schon eine Rolle. 15 bis 20 Prozent der Schulanfänger brauchen heute irgendeine Therapie und Fördermaßnahme. Aber ich meine, nicht jeder Schulanfänger, der den Stift nicht richtig halten kann, ist krank. Ich frage mich dann: Kann er es nicht oder ist mit ihm nicht geübt geworden? Und wer übt mit dem Kind: die Eltern oder der Therapeut?

Die Rolle der Eltern hat sich über die Jahre verändert. Was beobachten Sie bei Müttern und Vätern?

Das gesunde Bauchgefühl, das ist bei manchen verloren gegangen. Wenn das Kind krank ist, wird erst mal gegoogelt. Die Eltern lassen sich verunsichern durch die vielen Informationen, die sie von allen Seiten bekommen. Früher hat mich nie jemand gefragt, ob ich bei einem Kind vorsorglich einen Allergietest machen könnte. Das ist schon neu. Gut ist, dass mehr Väter in die Praxis kommen und die Kinder betreuen.


Sieben Ärzte für 19.855 Kinder

Sieben niedergelassene Kinderärzte arbeiten aktuell im Raum Freiberg, darunter auch in Oederan und in Flöha. Damit liege der Versorgungsgrad bei 84,4 Prozent. "Es ist noch Luft nach oben", sagt Katharina Bachmann-Bux von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Es bestünden noch Zulassungsmöglichkeiten für zwei Vollzeitstellen. Bei 75Prozent liegt die Grenze zur Unterversorgung; Ziel sind 110 Prozent.

19.855 Kinder und Jugendliche leben im Raum Freiberg (Stand: Herbst 2018). Die Zahlen werden von der Kassenärztlichen Vereinigung überwacht. Sie muss die ärztliche Versorgung sicherstellen. Die Anzahl der Ärzte wird im Bedarfsplan des Gemeinsamen Bundesausschusses festgelegt. (cor )

kvs-sachsen.de/arztsuche


Arzt sucht Praxis - Praxis sucht Arzt: Wie die Nachfolge gelang

Zum 1. Januar übernimmt Sebastian Weise die Arztpraxis samt Patientenstamm und Schwesternteam von der Freiberger Kinderärztin Inge Weigl. "Für Kinder und Eltern wird sich nichts ändern, die Sprechzeiten bleiben, wie sie sind", sagt der 34-Jährige. Zunächst nimmt er nur Neugeborene und Säuglinge als neue Patienten an, "da diese eine kontinuierliche Versorgung im ersten Lebensjahr zwingend brauchen", sagt er. Familien, die ihren Kinderarzt wechseln wollen oder zugezogen sind, müssen vorerst warten.

Gut zweieinhalb Jahre lang hat Inge Weigl jemanden gesucht, der ihre Praxis übernimmt, wenn sie in den Ruhestand geht. "Aufzuhören, ohne einen Nachfolger zu haben, der Gedanke hat mir einige schlaflose Nächte beschert", sagt die 66-Jährige. Derweil arbeiteteKinderarzt Sebastian Weise (34) am Uniklinikum Leipzig. Dort behandelte er zuletzt Kinder und Jugendliche, deren Nervensystem erkrankt ist. Dazu zählen Stoffwechselstörungen, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen sowie Epilepsien. Als dreifachem Familienvater wurde ihm die Belastung im Klinikdienst zu groß. Er schaute sich um, wo er sich als Kinderarzt niederlassen könnte.

Der Zufall brachte die beiden Ärzte zusammen: Sebastian Weise, der in Freiberg aufgewachsen ist, bekam den Tipp, sich an Inge Weigl zu wenden. Monatelang haben sie zusammengesessen, geplant, organisiert. Jetzt ist er mit Familie nach Freiberg gezogen. "Ich bin sehr froh", sagt Weigl sichtlich erleichtert. (cor)

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