In der Knolle liegt die Kraft

Die "Freie Presse" begleitet übers Jahr Landwirte in der Region. Maxim Steinhardt von der Agrargenossenschaft Memmendorf setzt auf Kartoffeln und Direktvermarktung.

Memmendorf.

Maxim Steinhardt jammert nicht. Aber auf die derzeitige Lage der Landwirte und die politische Unterstützung ist er nicht gut zu sprechen. Doch der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Memmendorf ist ein Kämpfer und bereit, der Krise zu trotzen: "Die in den Medien angepriesene Liquiditätshilfe aus der EU in Höhe von 58Millionen€ für Deutschland macht am Ende nur eine Einmalzahlung von rund 800 Euro pro Hof aus. Dieser Betrag wird mit Bundesmitteln in gleicher Höhe aufgestockt. Der Auszahlungszeitpunkt steht noch nicht fest, aber es lässt sich vermuten, dass diese Beihilfe frühestens 2017 an die berechtigten Betriebe fließt. Der Verlust beträgt in den letzten zwei Jahren aber mindestens 4 Milliarden Euro für die Milchviehhalter in Deutschland."

Ihre Frühkartoffeln haben die Memmendorfer in diesen Tagen zum größten Teil eingefahren. Steinhardt ist mit dem Ernteertrag durchaus zufrieden. Ungefähr 20 Tonnen der Sorte Solist konnten bereits geerntet werden. Das entspricht in etwa der Vorjahresmenge. Jetzt muss nur noch die Sorte Valisa unter Dach und Fach gebracht werden.

"Was dem einen Bauer der kostbare Spargel, ist für uns die Frühkartoffel. Wollen wir eine hochwertige Kartoffel ernten, müssen wir auch die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Deshalb arbeiten wir schon seit drei Jahren mit einer Vliesabdeckung, die die Kartoffel auf dem Feld vor Kälte schützt und die Temperatur hält." Steinhardt schmunzelt: "Als andere ihre Ostereier suchten, haben wir am Ostersonntag die Kartoffeln gelegt und am Montag mit Vlies eingepackt."

Neben den beiden Frühsorten Solist und Valisa werden auf den Feldern der Genossenschaft acht weitere Arten mit solch klangvollen Namen wie Wendy, Goldmarie, Afra oder Adretta angebaut. Diese sind als Spätkartoffel das ganze Jahr über zu haben und bis weit ins Frühjahr hinein lagerfähig. Zum Kartoffelfest am 1. Oktober können die erntefrischen Kartoffeln dann verkostet und natürlich auch gekauft werden.

Doch auch der Erdapfel hat es nicht leicht, wie so viele regionale Frischeprodukte, sich gegen seine ausländischen Mitbewerber durchzusetzen. Die Memmendorfer Anbaufläche schrumpfte von 550 Hekt- ar zu DDR-Zeiten auf gerade einmal 19 Hektar. Zum einen wird in den Privathaushalten weniger eingekellert. Aber auch die Niedrigangebote in den Supermärkten sind eine Ursache dafür. "Wenn man bedenkt, dass bis zur Ernte eines Kilos Kartoffeln 150 Liter Wasser benötigt werden und der Handel ausgerechnet aus Ägypten die Ware zum Billigpreis anbietet, kann ich einfach kein Verständnis für diese Art der Politik aufbringen", sagt Maxim Steinhardt entschieden. Er möchte das Bewusstsein unter der Bevölkerung für regionale Produkte schärfen.

Die Erzeugnisse der Agrargenossenschaft Memmendorf direkt zu vermarkten und dem Kunden damit Sicherheit und Transparenz zur Lebensmittelherkunft zu vermitteln, ist für Steinhardt ein wesentlicher Faktor. Landmarkt, Fleischerei und Imbissangebot sind feste Bestandteile des Unternehmens, in dem 100Menschen in Lohn und Brot stehen. Fünf mobile Verkaufswagen sind über 7000 Kilometern im Monat in den Landkreisen Mittelsachsen und Erzgebirge unterwegs.

Der Landmarkt besteht seit 18Jahren und beschäftigt sechs Arbeitskräfte. Unter etwa 3000 Artikel von A wie Aroniaprodukte bis Z wie Ziegenkäse kann der Kunde wählen. Von der Agrargenossenschaft kommen Kartoffeln, Fleisch- und Wurstkonserven, eigener Honig sowie Futtergetreide. 50 Lieferanten, überwiegend aus Sachsen, bereichern das Sortiment. Auch kleinere sind gelistet, um das Angebot möglichst abwechslungsreich zu gestalten.

Rinder, Kälber und Lämmer werden im eigenen Schlachthaus geschlachtet und in der eigenen Fleischerei verarbeitet, in der 33 Leute beschäftigt sind. Die Agrargenossenschaft Laas aus der Nähe von Belgern liefert zweimal wöchentlich frische Schweinehälften.


Genossenschaft geht neue Wege

Stolz verweist Maxim Steinhardtauf die GVO-Zertifizierung bei Milch. "Wir füttern seit 2011 sojafreies Futter und werden ab Oktober als einer der ersten Milchproduzenten an das Müllermilch-Unternehmen gentechnikfreie Milch liefern." Dafür gibt es gerade mal einen Cent mehr, doch es sei ein klares Signal an die Umwelt, dass hohe Qualitätsstandards vom Feld über den Stall bis hin zur Vermarktung im Interesse des Verbrauchers eingehalten werden. Ab Oktober ist das GVO-Siegel auch für die Produktion von Lammfleisch und ab Mai 2017 für die Rinderproduktion geplant.

Neu ist auch die Herstellung und Vermarktung traditionell haltbar gemachter Fleisch- und Wurstspezialitäten ohne Konservierungsstoffe, sogenannter Convenience-Produkte, die ungekühlt aufbewahrt werden können. Es wird ausschließlich Fleisch aus artgerechter Aufzucht und Haltung verarbeitet. Für die Aufzucht der Tiere unterliegen die Futtermittel ständiger Kontrollen. Eigene Futtermittel werden generell gentechnikfrei angebaut.

Der Bedarf an Auszubildenden in allen Bereichen des Unternehmens ist hoch, doch Mindestlohn und Negativschlagzeilen über die Landwirtschaft machen es schwer, Lehrlinge für einen Beruf in dieser Branche zu begeistern. (anpö)


Bauern wollen Steuergeld

Werner Bergelt, Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Erzgebirge sagt: "500 Millionen Euro will die EU der europäischen Landwirtschaft zur Verfügung stellen. Für Sachsen hochgerechnet beträgt der Betrag aus dem Hilfspaket zirka 2,66 Millionen Euro. Das sind gerade einmal 14 Euro je Kuh. Aber bei einem Verlust von fast 100 Euro je Monat und Kuh ist das viel zu wenig, um von einer wirksamen Hilfe zu sprechen. Der Landesbauernverband erwartet deshalb von der Bundes- und der Landesregierung, dass die Zusagen einer möglichen Kofinanzierung dieser Mittel sowie weiterer wirksamer Unterstützung der Milcherzeuger verwirklicht werden." (anpö)


Region soll mit EU-Fördermitteln zukunftsfähig werden

18 Kommunen aus dem Landkreis

Mittelsachsen und dem Erzgebirgskreis mit 113.000 Einwohnern vereint

der Verein zur Entwicklung der Erzgebirgsregion Flöha- und Zschopautal.

Das sind Augustusburg, Börnichen,

Deutschneudorf, Eppendorf, Flöha,

Frankenberg, Gornau, Großolbersdorf, Grünhainichen, Heidersdorf,

Leubsdorf, Marienberg, Niederwiesa,

Oederan, Olbernhau, Pfaffroda, Pockau-Lengefeld und Zschopau.

Mit Fördermitteln der Europäischen

Union soll die ländlich geprägte Region in der Förderperiode 2014 bis

2020 lebenswerter und zukunftsfähig

gestaltet werden. Der Verein wurde

2013 gegründet. (anpö)

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