Kreis: Stadt hätte alte Baumwolle auf Tiere untersuchen müssen

Eigentlich sollte der Abriss der Industriebrache in Erdmannsdorf längst laufen. Doch vorerst ist er gestoppt. Ob etwa Falken auf dem Areal sind, hätte die Kommune laut Landratsamt vorab prüfen müssen. Bürgermeister Neubauer hält dagegen.

Augustusburg.

Wäre alles nach Plan verlaufen, würden die Abrissbagger auf dem Areal der alten Erdmannsdorfer Baumwolle schon rollen. Die Untere Naturschutzbehörde hat die Arbeiten aber kurz vor Beginn bis auf weiteres unterbunden.

Der Grund: "Ein Falke wurde gesichtet, und plötzlich braucht es ein Artenschutz-Gutachten ... Unser Terminplan ist damit Geschichte", schreibt der Augustusburger Bürgermeister Dirk Neubauer (SPD) auf seiner Facebookseite. Der Abriss-Stopp besteht, bis ihn die Behörde aufhebt. Nötig geworden war er, nachdem am 24. April im Landratsamt die Sichtung von Turmfalken angezeigt wurde - von wem, gibt die Behörde nicht bekannt. Darüber informierte nun die Pressestelle des Kreises. Am 25. April hatte das Amt die Kommune unterrichtet, sagte Bürgermeister Neubauer am gleichen Tag in der Stadtratssitzung.

Wann der Abriss-Stopp aufgehoben wird, hänge von den Ergebnissen des Artenschutz-Gutachtens ab, für das Vor-Ort-Begehungen erforderlich sind, so Cornelia Kluge aus dem Landratsamt. Diese Aussage bestätigt auch der ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte Volkmar Kuschka. Dabei werde, laut Kluge, nicht nur nach Falken, sondern auch nach anderen Tieren Ausschau gehalten. Die Untersuchung, die die Stadt als Bauherr in die Wege leiten muss, soll zeigen, ob - und wenn ja: welche - Tiere in welchen Umständen auf dem Areal leben. In dieser Woche will die Kommune sie laut Neubauer in Auftrag geben.

Zwischen Kreis und Stadt ist nun aber ein Streit entbrannt, wer für den Aufschub des Abrisses, der Mehrkosten verursachen dürfte, die Verantwortung trägt. Aus dem Landratsamt heißt es, Augustusburg hätte vor Abrissbeginn prüfen lassen müssen, ob Tiere auf dem Areal leben, die das Vorhaben behindern können. Diese Prüfung hätte bis Abrissbeginn fortgeführt werden müssen. Über die "erforderlichen Handlungen, die sich aus den artenschutzrechtlichen Vorgaben ergeben", sei die Stadt in einer E-Mail mit Merkblatt in Kenntnis gesetzt worden, so Cornelia Kluge.

Bürgermeister Neubauer widerspricht auf Facebook: "Ende 2015 haben wir die Maßnahme beantragt. Da wollte die Naturschutzbehörde nichts von uns." Dabei sei derzeit noch "nicht klar, ob es den Falken wirklich gibt". Der Gahlenzer Tobias Mehnert hingegen sagt in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Naturschutzverbandes Sachsen: "Falken hat es auf dem betreffenden Gelände immer gegeben." Erdmannsdorfs Ortsvorsteher Dietmar Katzorreck wiederum ist nicht bekannt, dass die Raubvogelart auf der Industriebrache lebt: "Ich habe auch noch keines der Tiere da gesehen."

Neubauer reagierte auf die Auskunft des Kreises zur Frage, wer für den Abriss-Stopp verantwortlich ist, auch deshalb mit Unverständnis, da die Genehmigung des Rückbaus erst nach umfangreicher Prüfung erfolgt sei."Hätte die Kommune allein die Abrissanzeige eingereicht", von der Kluge sprach, wäre dies, so Neubauer weiter, schlicht widerrechtlich gewesen. Das Verfahren sei viel umfangreicher gewesen und habe zu Auflagen geführt - "unter anderem wurde uns vorgeschrieben, ... wie die Renaturierung zu erfolgen hat."

Aber: "Von Artenschutz war keine Rede", schrieb Bürgermeister Neubauer am 27. April im sozialen Netzwerk Facebook. Mit dem Abriss-Verzug verbundene Mehrkosten müsste zudem nun die Kommune schulten. "Das trifft uns voll ... Wir haben nichts falsch gemacht und sollen nun den Kopf hinhalten."


Turmfalken in Sachsen

Die Raubvögel sind eine eher kleinere Falkenart mit langem Schwanz. Männchen tragen schwarz geflecktes, rotbraunes Gefieder, den Schwanz mit schwarzer Endbinde. Kopf, Rücken und Schwanz sind grau. Weibchen und Jungvögel sind matter gezeichnet, ihnen fehlt die graue Färbung; der Schwanz ist bräunlich und durchgehend gebändert. Typisch ist der Rüttelflug bei der Jagd, bei dem Schwanz und Flügelspitzen gespreizt werden. Als Nistplätze dienen etwa Gebäude, Steilwände, Felsen, einzeln stehende Masten. Nester werden nicht gebaut, sondern vorhandene Nischen genutzt und Brutstätten anderer Vogelarten oder Nistkästen.

Brutplätze liegen bis über 100 Meter hoch. Die in Sachsen flächig verbreitete Art steht mit konstant 2500 bis 4000 Brutpaaren im Freistaat nicht auf der Roten Liste. Der strenge Schutz rührt daher, sie als höhere Lebewesen besonders vor Quälerei zu bewahren. Raubvogel-Populationen sind von Natur aus verhältnismäßig klein, Vorsicht ist somit geboten, sagt Holger Lueg vom Artenschutz-Referat des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. (mick)

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