Liebe ist ... werbewirksam

Auf die Hochzeit kommt es an - und vieles hängt von ihr ab, auch in der Region. Ein Rückblick auf den August.

Martina Hartwig hat eine Engelsgeduld. Noch immer erträgt die Standesbeamtin der Stadt Flöha Woche für Woche die immer gleichen Antworten auf ihre immer gleichen Fragen. Ob sie ihn will? "Ja, ich will". Und er sie auch? "Ja, ich will." Anfang August hörte sie diese drei Worte bereits zum 1200. Mal - und das nur in der Villa Gückelsberg, wo seit einiger Zeit auch geheiratet werden kann. 600 Eheschließungen hat Frau Hartwig dort schon durchgeführt, noch nie ist einer oder eine der zu Vermählenden getürmt. Wohin auch? Auf der einen Seite ist der Fluss im Weg, auf der anderen Seite blockiert das prächtig geschmückte Hochzeitsauto den Fluchtweg und in die dritte Richtung will niemand wirklich laufen. Dort stehen die Ruinen der alten Baumwollspinnerei, zudem wuchert das Unkraut auf eine holprige Straße. Dann lieber doch heiraten und der zahlreich angereisten Verwandtschaft den Stress beim Umtausch der teuren Geschenke ersparen.

Wir merken: Was auf den ersten Blick nach einem Problem für die Stadt Flöha aussieht, ist in Wirklichkeit geniale Strategie. Die Ruinen stehen nämlich an der einzigen Zufahrt zur Villa Gückelsberg und befinden sich in Privatbesitz. Man habe den Besitzer mehrmals aufgefordert, dort etwas Ordnung reinzubringen und generell mal mitzuteilen, was denn nun aus den Bruchbuden werden soll, sagt Flöhas Oberbürgermeister Volker Holuscha, Klammer auf, Die Linke, Klammer zu. Erzählen kann der viel. In Wahrheit wird es ihm ganz gelegen kommen, dass Gäste aus aller Welt - ja, sogar aus Neuseeland sind bereits Menschen angereist, um Trauungen in der schicken Villa mitzuerleben - erst durch eine trostlose Landschaft fahren müssen, ehe sie Ehe schließen.


Da kann die Braut noch einmal darüber nachdenken, wie trist es doch war, bevor sie ihren Göttergatten traf. Und der Göttergatte kann sich noch einmal genau anschauen, wohin ihn ein Leben ohne gelegentliche weibliche Zurechtweisungen führen kann. Zudem wird allen Hochzeitsgästen - bei 600 Eheschließungen in der Villa waren das in den vergangenen Jahren Tausende - während der kurzen Fahrt, vorbei an Disteln und eingestürzten Dächern, noch einmal bewusst, wie gut es ihnen doch geht. Und dass sie gleich nach der Rückkehr in die eigene, viel schönere Heimat ein Schreiben an die Stadtverwaltung Flöha aufsetzen, in dem sie fragen, wie hoch denn die Spende sein darf, die sie unverzüglich überweisen werden.

Touristenmagnet Hochzeit - das gibt es so wohl auch nur in Flöha. Schicke alte Villa, Eheschließungen im Grünen. Dazu eine Standesbeamtin, die jede Hochzeit individuell gestaltet und sogar mit der einen oder anderen Anekdote über die Brautleute um sich wirft. Das kommt an und holt Jahr für Jahr mehr Stadtfremde in die Stadt als jedes Stadtfest, auf das man in Flöha eh verzichtet. Eigentlich sollte eines dieser großen braunen Schilder an die A 4 nahe der Abfahrt Frankenberg gewuchtet werden. Mit dem Spruch "Flöha - Stadt des Ja" drauf (genitiviert wird auf den Schildern ja nicht. Fragen Sie mal in Oederan, der Stadt des Klein-Erzgebirge nach!). OB Holuscha soll gerüchteweise schon in der weiteren Region unterwegs sein und bei abendlichen Tanzveranstaltungen als Kuppler agieren, um dann Hochglanzprospekte für Hochzeiten in Flöha zu verteilen. Wenn diese auf Begeisterung stoßen, stellt sich der Rathauschef allerdings immer ganz schnell schlafend, sollte die Frage nach Übernachtungsmöglichkeiten in der Stadt kommen.

Ja, es ist leider ein Fakt. Flöha hat bis auf ein rundes Gymnasium auf Stelzen und einen neuen Supermarkt in einer ehemaligen Baumwollspinnerei (einer anderen als der nahe der Villa) nicht allzu viel zu bieten, was für Touristen interessant sein könnte. Doch - halt! Gehört nicht auch Falkenau zu Flöha? Der Ort mit dem selbstbetriebenen Konsum, der in den vergangenen Wochen durch sämtliche Medien ging? Der Ort mit dem großen Hotel auf dem Berg? Der Ort mit dem Freibad? Der Ort mit dem nördlichsten Skihang der Welt Deutschlands? Der Ort mit dem Sommertheater? Ja, natürlich. Und so könnte Flöha doch auch mit dem geliebten einverleibten Nachbarn die Werbetrommel hämmern. Am kommenden Wochenende würde es wieder passen, wenn die Flöhaer Laiendarsteller des Flöhaer Sommertheaters im Freibad Flöha ihr neues Stück präsentieren. "Alles nur Show" heißt das. Kommen Sie und staunen Sie, was diese Stadt alles zu bieten hat.

Zu guter Letzt wird es noch einmal politisch. Es soll ja hier und da die eine oder andere politische Diskussion gegeben haben, im vergangenen Monat. Manch einer beließ es aber nicht bei Diskussionen. Er fand es besser, seine politische Meinung auf die Plakate von Leuten mit anderen politischen Meinungen zu schmieren oder zu kleben. In Eppendorf und Gahlenz war dabei jemand unterwegs, der offensichtlich wunderschön ist. Mehr noch. Die Schönheit derjenigen oder desjenigen, der Zettel auf die Plakate von CDU-Frau Susan Leithoff geklebt hat, muss schon atemberaubend sein. Anders ist der aufgeklebte Spruch "Schönheit schützt vor Dummheit nicht" jedenfalls nicht zu erklären.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...