Morgner-Ehrung: Premieren für Literatur-Preis und Film

Wie Texte und Bilder zur Bereicherung von Kunst und Stadthistorie beitragen können, zeigen zwei Frauen mit ihren Werken. Die eine schreibt über die DDR, die andere dokumentiert die Leistung von Chemnitzerinnen.

Chemnitz.

"Die haltlose Gestalt der Erde hat keine Ränder, kennt weder oben noch unten, weder Anfang noch Ende und lässt eine Seite immer im Verborgenen ... Auf der endlosen, kugelförmigen Erde kann jeder Punkt zum Zentrum werden." Das schreibt Judith Schalansky in ihrem mehrfach preisgekrönten Buch "Atlas der abgelegenen Inseln."

Es ist ein Buch über winzige, kaum erreichbare, kaum bewohnte Eilande, gefüllt mit fantastischen Geschichten über das Fremde, das dem Fremden doch das Eigene ist - das Eine so wertvoll wie das Andere. Auch für ihren kunstvollen Exkurs auf abgelegene Inseln - noch dazu, wie alle ihre Bücher - außergewöhnlich schön und von der Autorin selbst gestaltet - bekam Judith Schalansky am Freitagabend den ersten Irmtraud-Morgner-Preis der Stadt Chemnitz. Mit 2500 Euro deutlich geringer dotiert als der Stefan-Heym-Preis, ehrt er eine Autorin, die Form und Inhalt gelungen verbindet, wie Carola Hilmes, Literaturprofessorin aus Frankfurt am Main, in ihrer Laudatio lobte. Sie beglückwünschte die Preisträgerin als eine Autorin, "die mit ihren Romanen an eine glückliche Kindheit in der DDR erinnert und Einblicke gibt in die Provinz der Nachwendezeit. Mit der eigenwilligen Kartografie abgelegener Inseln bezieht sie ... eine relevante gesellschaftliche Position", sagte Hilmes. Die "individuelle Gestaltung ihrer Bücher bringt deren inhaltliches Engagement für einen sorgsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, der eigenen Vergangenheit und mit fernen Welten überzeugend zur Geltung."

Was ganz sicher auch der Namensgeberin des Preises, der 1933 in Chemnitz geborenen, 1990 in Berlin gestorbenen Irmtraud Morgner, gefallen hätte. Ihr zu Ehren hat der gleichnamige Arbeitskreis unter dem Dach des Frauenzentrums "Lila Villa", in Kooperation mit der Stadtbibliothek, dem Tietz, der Technischen Universität und der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt den Preis gestiftet. Er erinnert an eine der originärsten Schriftstellerinnen der DDR, die - gemeinsam unter anderem mit Maxi Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf - zu einem realistischen Frauenbild ihres Landes ebenso beitrugen wie zu fantastischen Utopien einer tatsächlich gleichberechtigten, diskriminierungsfreien Gesellschaft.

Die Preisträgerin selbst gestand nach der Preisverleihung, dass sie nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben in Chemnitz sei, sondern dass sie zuvor Irmtraud Morgner auch gar nicht gekannt habe. "Man kann also auch von einer Autorin beeinflusst sein, von der man gar nichts gelesen hat", zog sie sich wortgewandt aus der Affäre. Sie sei aber froh, sich nun mit diesem "unfassbar unerschrockenen Werk" beschäftigen zu können. Wenn sie nicht gerade an ihrem neuen Buch, einem "Verzeichnis einiger Verluste" arbeitet, aus dem sie eine Passage über einen "Naturführer der Monster" las. Eine andere übrigens, als die, die sie im Zug geübt hatte - zum Erstaunen ihrer Mitfahrgäste, die ganz besorgt gefragt hätten: "Haben Sie eine Prüfung?" "Ja, so etwas Ähnliches. Die Sachsen fragen eben - und sie wünschten mir Glück." Glücklich kann sich nun auch Chemnitz schätzen mit einer würdigen, originellen ersten Morgner-Preisträgerin.

Die Ehrung von Schalansky fand innerhalb der Irmtraud-Morgner-Festtage statt, zu denen auch Lesungen, Vorträge sowie die Premiere des Films "Hurra! Es ist ein Mädchen" gehörten, den die Regisseurin Beate Kunath gemeinsam mit Ursel Schmitz vom Frauenzentrum "Lila Villa", das auch Auftraggeber war, gedreht hat. Porträtiert werden 25Frauen, die die 875-jährige Geschichte von Chemnitz beeinflusst haben. Neben der Eiskunstlauftrainerin Jutta Müller wird sich etwa mit der Ärztin Dr. Gertrud Korb beschäftigt, die 1947 in Karl-Marx-Stadt eine Operation am offenen Herzen durchführte, oder mit Marie Tilch, der Stenotypistin der linken Arbeiterzeitschrift "Der Kämpfer".

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...