Projekt: Wenn Computerspiele das wahre Leben sind

Schüler der Eppendorfer Oberschule brachten ihre Ideen in das Stück "Let's play: Reality" ein. Vom Ergebnis sind sie überrascht.

Freiberg/Eppendorf.

"Definitiv ein Highlight", "So etwas sollte es viel öfter geben", "Chillig." Das sagten Schüler der Klasse 9 b der Eppendorfer Oberschule "Heiner Müller" und der Klasse 10 b der Freiberger Ohainschule nach der Uraufführung des Jugendstücks "Let's play: Reality" von Thilo Reffert in Freiberg. Und die Oberschüler müssen es wissen: Seit Februar 2018 wirkten sie an der Entstehung des Stücks mit, in dem es um Computerspiele und ihre Wirkung geht. Autor Thilo Reffert und das Mittelsächsische Theater organisierten im Deutsch-/Ethikunterricht Workshops und andere Veranstaltungen (Kasten).

Johannes, Schüler der Freiberger Ohainschule, erinnert sich noch genau an die erste Stunde. Er wolle ein Stück über Computerspiele machen und brauche ihre Hilfe - so ging Autor Reffert auf die Schüler zu. Johannes grinst und sagt: "Am Anfang dachte ich, was ist denn das für ein Komiker." Sein Mitschüler Lino wiederum wunderte sich über Refferts betont jugendliche Sprache. Kennet sagt: "Es war für beide Seiten eine neue Situation." Erst sei es etwas merkwürdig gewesen. "Aber dann war es ganz cool", so Kennet. Auch Luisa aus Eppendorf sagt: "Ich fand es gut, wie der Autor und die Theaterleute mit uns geredet haben."

Tino Moritz und Kai Kollenberg

Sachsen 2019:Der „Freie Presse“-Newsletter zur Landtagswahl von Tino Moritz und Kai Kollenberg

kostenlos bestellen

Regisseur Reffert und Dramaturg Matthias Wolf schafften es in den ersten Gesprächen binnen fünf Minuten, die Schüler aufzuschließen. Das berichten Deutschlehrerin Petra Postmann von der Müllerschule sowie Klassenleiterin Anett Bolduan und Ethiklehrerin Susanne Peupelmann von der Ohainschule. Unbefangen hätten die Schüler gesagt, wie oft und welche Computerspiele sie machen. Anett Bolduan: "Diesmal hatten die leistungsschwächeren Schüler, die oft Computerspiele machen, mehr zu sagen als die leistungsstarken Schüler, die mehr Zeit mit dem Lernen verbringen."

Als einzelne Szenenfragmente fertig waren, kamen die Theaterleute wieder an die Schulen. Kennet las gemeinsam mit einem Mitschüler einen Teil davon vor. "Ich habe mich gewundert, wie holprig der Text teilweise noch war und, dass der rote Faden fehlte", sagt Kennet. Es habe zu viele Handlungsebenen gegeben. Auch Johannes meint, dass es schwer war, die Zusammenhänge zu erkennen. Ob sie das Reffert auch gesagt haben? "Na klar."

Bei der Uraufführung war Kennet überrascht: "Auf einmal hat es funktioniert." Reffert habe auch auf Einwände der Schüler reagiert, beispielsweise die unter Jugendlichen übliche Anrede "Alter" mit reingenommen. Auch die 15-jährige Luisa aus Eppendorf freut sich, dass Reffert teils Dinge umgesetzt hat, die die Schüler vorschlugen, so das Videospiel "Game over". Und die Schüler loben die schauspielerische Leistung von Peter Peniaska und Anna Bittner, die neun Charaktere spielt.

Durch die intensive Arbeit an dem Stück denken die Schüler mehr über ihre Freizeitgestaltung nach. Luisa sagt: "Ich persönlich habe kein Problem, dass ich zu viel Computerspiele mache." Bei anderen Schülern sei das der Fall. Lino erzählt, dass er inzwischen weniger Computerspiele macht: "Ich gehe jetzt mehr mit meinen Freunden raus."

Die Vorstellung am heutigen Donnerstag ist ausverkauft, weitere sollen folgen. In der "Freien Presse" erschien eine Rezension. www.freiepresse.de/reality


Flucht aus der Wirklichkeit in virtuelle Welten durch extremen Spielkonsum

Seit 2018 recherchierten Mittelsächsisches Theater und Autor Thilo Reffert gemeinsam zur Spiele- und Medienkultur unter Jugendlichen. Anstoß waren laut Dramaturg Matthias Wolf Erfahrungen des Landratsamtes Mittelsachsen und von Schulen, die Folgen des extremen Spielekonsums unter Jugendlichen beschrieben: Flucht aus der Wirklichkeit in virtuelle Welten, psychische Probleme und Schulverweigerung. Die zündende Idee hatte Intendant Ralf-Peter Schulze, der als Autoren Thilo Reffert vorschlug, den er von gemeinsamem Arbeiten in Mecklenburg-Vorpommern kannte.

Partner bei der Recherche waren die Ohainschule in Freiberg und die Heiner-Müller-Schule in Eppendorf. Aus Workshops wuchsen Szenenentwürfe, die gelesen und diskutiert wurden. Stückentwicklung und Inszenierung wurden gefördert vom Programm "Landaufschwung Mittelsachsen"; es gibt eine Kooperation mit der Mittelsächsischen Kulturgesellschaft und deren Medienpädagogischem Zentrum sowie dem Landkreis Mittelsachsen. (hh)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...