Tiziano entdeckt seine Welt

Der Vierjährige aus Altenhain kam blind zur Welt. Der Junge, dessen Entwicklung die "Freie Presse" begleitet, hat aufregende Wochen und Monate hinter sich.

Altenhain.

Langsam hat sich Tiziano wohl daran gewöhnt. Einmal im Jahr geht es zu einer größeren Untersuchung seiner Augen zu Professor Arne Viestenz nach Halle. Der kleine Junge, der gerade vier Jahre alt geworden ist, kam blind zur Welt - mit der sogenannten Peters-Anomalie. Das heißt, über seinen Pupillen liegt ein grauer Schleier.

Vor kurzem war es wieder soweit. Die Familie packte ihre Sachen und zog für drei Tage ins Krankenhaus. Nach langen Gesprächen in den verschiedenen Abteilungen fand am zweiten Tag die Narkoseuntersuchung statt. Die Ärzte überprüften Tizianos Augendruck und senkten ihn mittels Lasertherapie. Offen ist indes immer noch, ob Tiziano irgendwann eine neue Hornhaut eingesetzt wird. "Das ist eine schwerwiegende Entscheidung, denn im schlimmsten Fall könnte sie wieder abgestoßen werden. Das heißt, er würde das Auge ganz verlieren", sagt seine Mutter Peggy Dörffel. Denn im Moment macht Tiziano auch so große Fortschritte und entdeckt die Welt auf seine Art.

Geholfen hat ihm dieses Jahr dabei eine vierwöchige Rehamaßnahme, die die Familie, zu der noch Papa Marco und Schwester Henrica zählen, im Mai in Anspruch genommen hat. Diese hatte das Sozialpädia- trische Zentrum Chemnitz empfohlen.

In der Vamed-Klinik Hohenstücken in Brandenburg an der Havel hatte Tiziano bis zu sechs Behandlungen am Tag. Über Logopädie, Schwimmen, Krankengymnastik, Sehtraining oder Blindenstocktraining - dem kleinen Mann konnte es nicht wirklich langweilig werden. Doch die Anstrengungen haben sich ausgezahlt. Tiziano kann sich sehr gut orientieren und spricht nun in ganzen Sätzen. Er isst selbstständig mit Besteck, geht allein zur Toilette. Zieht sich aus und an. "Klar, das sind alles Selbstverständlichkeiten für Kinder, die zum Teil viel jünger sind. Aber wenn man blind ist, kann man es sich ja nicht von anderen abschauen. Man muss durch andere Reize lernen", erklärt die 35-jährige Mutter. Denn selbst die Eltern müssen lernen, durch welche Maßnahmen sie ihr Kind optimal fördern können.

Drei Jahre lang besuchte der Steppke den Inklusionskindergarten "Pusteblume" in Frankenberg. Anfang August wechselte er an die Blindeneinrichtung nach Chemnitz. Die Heilpädagogische Kindertagesstätte "Seh-Sterne" ist spezialisiert auf Kinder mit Sehbehinderung. In Tizianos Gruppe sind insgesamt acht Kinder, die von drei Erziehern betreut werden. Hauptaugenmerk ist im Moment die Erziehung zu Selbstständigkeit. Doch auch die Vorbereitung auf die Schule steht in den nächsten Jahren an. Ob Tiziano danach an die Blindenschule geht und inklusiv beschult wird - da möchten sich die Eltern noch nicht festlegen. "Wir haben jetzt einige Bekannte, die ebenfalls blinde Kinder haben. Sie möchten es mit inklusiver Beschulung versuchen. Mal sehen, wie das bei denen klappt. Danach entscheiden wir", sagt Tizianos Papa. Kennen gelernt haben sie die anderen Familien Ende April beim Familienwochenende der Regionalvertretung des Blindenverbandes Sachsen in Sehmatal, das einmal im Jahr stattfindet und die Familien miteinander vernetzen soll. Sie können gemeinsam Ausflüge machen und Zeit zusammen verbringen. Außerdem hat sich dort die Blindenbücherei Leipzig vorgestellt. Als Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB) versorgt sie blinde und sehbehinderte Menschen mit einem vielfältigem Informations- und Literaturangebot. "Wenn Tiziano später in die Schule geht, wird das Angebot der DZB sicher noch interessanter für uns." Nun freuen sich Dörffels erst mal auf ruhigere Zeiten und genießen mit ihren Kindern den Herbst, mit allem was dazu gehört.

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