Voll normal oder völlig hinüber

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Eine neue Normalität ist auch nicht besser als ein alter Wahnsinn.

Endlich herrscht wieder Ordnung. Der Ball rollt, die Kinder gehen (manchmal) zur Schule, und der Bürger bügelt seinen Mund-und-Nasen-Schutz. Auch die Wirtschaft kommt langsam wieder in Gang. Jedenfalls die Stadtwirtschaft in Freiberg (Die sich neuerdings in eine Tankstelle verwandelt hat. Man serviert Bier aus dem Tank - selbstverständlich umweltfreundlich unverbleit.) und manch anderes Lokal, in dem der Kurzarbeiter sein letztes Geld lassen kann.

Selbstverständlich sind aber nicht alle Leute in Kurzarbeit. Manche arbeiten auch in Vollzeit, in der Pflege zum Beispiel. Frühschicht wird aber zum Problem, denn seit die Kindergärten wieder offen sind, fehlt es manchmal an der Kinderbetreuung. Unlogisch? Nein, ganz und gar logisch: Die Erzieherinnen vermehren sich leider nicht so schnell wie die Viren. Es sind also nicht mehr von ihnen da als vor der Krise. Trotzdem muss jetzt früh nicht nur eine gemischte Gruppe betreut werden, sondern mehrere streng voneinander getrennte Gruppen. Funktioniert nicht. Also: Verkürzte Öffnungszeiten, wohin mit den Kindern? Man könnte sie ja auf den Balkon setzen, und sie können zuhören, wie die Nachbarn für die Menschen in systemrelevanten Berufen klatschen.

Wir sehen also: Mit der neuen Normalität kommen die Leute gut klar. Man darf sich ja inzwischen sogar wieder treffen, mit einem weiteren Hausstand ohne Personenzahlbegrenzung. Da sind prompt am Männertag die Männer-WGs wie Pils aus dem Boden geschossen und haben sich im Maiengrün mit jeweils einer weiteren Männer-WG getroffen.

Reden wir lieber über was Lustiges. Die Stadt Freiberg bereitet sich auf das Bergstadtfest am ersten Septemberwochenende vor. Ganz Freiberg? Nein, natürlich nicht. Eine kleine Gruppe von unbeugsamen Innenstadthändlern hört nicht auf, den Festapologeten Widerstand zu leisten. Dabei steht das Hygienekonzept schon fest: Zutritt zum Festgelände erhält nur, wer bereits als kleines Kind in den Zaubertrank, äh, ins Bierfass gefallen ist. Denn der hat dann ohnehin keinen Durst mehr und stellt sich deshalb in keine Schlange.

Ach ja, das Festgelände: Es ist ja noch nicht offiziell, aber die Dreckspatzen pfeifen es schon von den Dächern: Dieses Jahr wird nicht in der Altstadt gefeiert, sondern auf der neuen Umgehungsstraße! Bis dahin ist die längst fertig.

Und danach werden noch schwuppdiwupp alle anderen Bauprojekte umgesetzt, die mit Verweis auf die Ortsumgehung immer aufgeschoben wurden. Und dann werden die Coronapandemie, der Nahost-Konflikt und die Staatsverschuldung schlagartig auch beendet. Und dann kommt der Weihnachtsmann. Und wenn dann noch Außerirdische mit sieben Armen und Mund-Nasen-Schutz auf der Erde landen, wundert sich wirklich kein Mensch mehr.


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