Warum der Heulton ohne Not erklingt

Was vor drei Jahren Premiere hatte, wurde am Samstag erneut aufgeführt: Die Sirenen in Mittelsachsen heulten. Doch diesmal war nicht nur der Ton ungewöhnlich. Es gab auch etwas Neues.

Flöha.

Mit dem alljährlichen Probealarm kamen am Samstag alle Sirenen des Landkreises auf den Prüfstand. Erstmals löste die neue Integrierte Regionalleitstelle (IRLS) in Chemnitz den Probealarm aus. Damit wurden die Bürger für das Signal "Warnung der Bevölkerung" sensibilisiert. Dies besteht aus sechs Tönen von jeweils fünf Sekunden Dauer und fünf Sekunden Pause. Unterm Strich eine Minute Heulton.

Waren es zur Premiere 2016 noch 408 Sirenen in Mittelsachsen, ist deren Anzahl im Vorjahr laut Angaben des Landratsamtes auf 415 gestiegen. Betreiber der "Heulbojen" sind die lokalen Brandschutzbehörden. Laut sächsischem Gesetz über den Brandschutz, Rettungsdienst und Katastrophenschutz sind diese für Betrieb, Wartung und Sicherstellung der Alarmierung der öffentlichen Feuerwehren zuständig.


Seit Inbetriebnahme des neuen Alarmierungsnetzes im Jahr 2016 löst ein Funksignal per digitalem Steuerempfänger die Sirenen aus. Davor wurde auch noch per analoger Funktechnik ausgelöst, weshalb von "analogen Sirenen" die Rede war. Die IRLS alarmiert bei Notwendigkeit und nach Vorgabe der Brandschutzbehörden. Ob der Test am Samstag überall reibungslos über die Bühne ging, steht erst später fest. Die Sirenen senden kein Signal zurück nach Chemnitz. "Darum liegt am Wochenende weder uns noch der Leitstelle ein Test-Ergebnis vor", sagte Cornelia Kluge, Pressereferentin des Landratsamtes. "Sirenen werden in Deutschland für die Alarmierung der Feuerwehren und zur Warnung der Bevölkerung eingesetzt", so Kluge weiter. Es sei Sache der Brandschutzbehörden, die Anzahl der Sirenen gegebenenfalls aufzustocken. Ob Mittelsachsen mit den Alarmhelfern über- oder unterversorgt ist,dazu äußerte sich der Landkreis nicht. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr werden heute digital per Funkmeldeempfänger und zusätzlich per Telefon alarmiert.

Soll auf einem Haus oder Grundstück eine Sirene errichtet werden, müssen deren Besitzer damit leben. Laut dem Brandschutzgesetz besteht im Freistaat eine Duldungspflicht zur Anbringung von Feuermelde- und Alarmeinrichtungen. "Es wird aber empfohlen, nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen", so die Pressereferentin.

Sollte der eingetretene Schaden, über den die Bevölkerung per Sirene informiert wird, mit einem Stromausfall einhergehen, funktionieren nur noch die per Notstrom versorgten Melder. Wie viele der 415 mittelsächsischen Sirenen derart ausgestattet sind, darüber fehlt dem Landratsamt der Überblick, da die Brandschutzbehörden zuständig sind. Die örtlichen Angaben müssten für die Übersicht erfasst werden.

Die "Warnung der Bevölkerung" ist nicht das einzige Signal, welches Sirenen senden. Auch vor Feuer wird damit gewarnt, mit jeweils drei Tönen von je zwölf Sekunden Dauer mit zwölf Sekunden Pause. Zudem geht in der Region mittwochs ab 15 Uhr eine Signalprobe über die Bühne. Sie besteht aus einem zwölf Sekunden langen Ton.

Kommt es tatsächlich zu einem Ernstfall und das Signal "Warnung der Bevölkerung" ertönt, dann sollten Bürger ihr Radio einschalten und auf Durchsagen achten. Beim Probealarm am Samstag wurde darauf verzichtet. Im Radio gab es keine Durchsagen. Der Landkreis plant, den Sirenentest jährlich am ersten Samstag im Mai durchzuführen. Einzige Ausnahme: falls dieser Tag auf einen Feiertag fällt. Bei der Test-Premiere 2016 gab es gleich eine Panne: In der Region Döbeln wurden damals keine Sirenen ausgelöst.


An den Sirenen vor Ort

René Schröter, Stadt- und Gemeindewehrleiter in Mittweida, ist Herr über sechs Sirenen im Stadtgebiet. "Wir sind optimistisch, dass wir für alle Fälle gerüstet sind", sagte der Wehrleiter. Auch bei ihm gab es aber schon einen Defekt. "Die Sirene an der Campinganlage an der Aue war einmal ganz leise", erzählte Schröter. Vor Ort fanden die Kameraden Wespen, die sich in der Anlage eingenistet hatten. "Das Nest war hart wie Beton. Wir mussten es mit Hammer und Meißel entfernen."

Marco Schafferschick, Sprecher der Feuerwehr in Oederan, weiß auch ohne den Probealarm, dass sich die drei Sirenen im Stadtgebiet in gutem technischen Zustand befinden. Das war nicht immer so: "Vor ein paar Jahren lief eine Sirene minutenlang mit Dauerton. Da haben sich natürlich alle gewundert", erzählte der Oederaner. Ursache für den Ausfall war Wasser im elektrischen Anschluss der Sirene.

Michael Tatz, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Mittelsachsen, erinnert daran, dass nach Ende des "Kalten Krieges" viele Sirenen als überflüssig betrachtet wurden. "Doch nach den Hochwasserkatastrophen 2002 und 2013 haben sich einige Kommunen wieder Sirenen angeschafft", sagte er. "Moderne Sirenensysteme haben ihre Berechtigung." Digitale Medien seien zwar in aller Munde. Aber wenn diese nicht funktionierten, weil die Netze zusammengebrochen sind, helfen auch Smartphones und Apps nicht. (dahl)


Was tun, wenn die Sirene den Ernstfall verkündet?

Schalten Sie Ihr Rundfunkgerät ein und achten Sie auf Durchsagen. Informieren Sie Ihre Nachbarn und Passanten über die Situation. Helfen Sie älteren Menschen und Mitbürgern mit Behinderung sowie Ausländern. Befolgen Sie die Anweisungen von Behörden. Telefonieren Sie nur, falls dringend notwendig: Die Hilfskräfte benötigen für ihre Aufgaben freie Leitungen, vor allem im Mobilfunknetz. Sind Sie nicht selbst von Schäden betroffen: Bleiben Sie dem von dem Notfall betroffenen Gebiet fern. Schnelle Hilfe braucht freie Wege. (dahl)

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