Wenn der Barde die Bühne betritt

Man kennt sie aus der Zeitung, aus dem öffentlichen Leben. Für "Freie Presse" zeigen Macher aus Mittelsachsen ihre private Seite. Heute: Matthias Brade, Musiker, Erzähler, Schauspieler und "Vater August" auf Augustusburg.

Freiberg.

Es gibt sicher nicht viele Menschen, die dem DDR-Entertainer Heinz Quermann während einer Bühnenshow eine Schüssel mit Pudding in die Hand gedrückt haben - Matthias Brade gehört zu ihnen. Wenn der Künstler, in dessen Haus unzählige Saiten- und Tasteninstrumente die Zimmer säumen, erzählt, gehört diese Episode unbedingt dazu. Denn Heinz Quermann war es wohl auch, der Matthias Brade ein wenig auf den künstlerischen Weg "schubste", bevor dieser ihn sich selbst ebnete.

Doch von vorn: "Als Junge hatte ich stets die Gitarre meiner Mutter in der Hand - eine ganz einfache Wanderklampfe. Und im Lexikon las ich nach, wie man sie stimmt. Dann habe ich mir die ersten Akkorde rausgesucht - so ging es los", denkt Brade, 1950 in Wallroda bei Dresden geboren, zurück. Die Klavierausbildung während seiner Kinder- und Jugendzeit in Dresden auf der einen Seite, die Gitarre auf der anderen. Immer wieder klampfte der Heranwachsende den Rock-'n'-Roll-Klassiker "Tutti frutti" von Little Richard - an einem Tag schließlich auch in seiner Schule. "Das war der Startschuss für unsere Schulband", erinnert er sich. Musik machten die jungen Leute teils mit selbst gebauten Instrumenten. Das Schlagzeug bestand zunächst aus zwei Töpfen samt deren Deckeln. Damals schrieb er die englischen Liedtexte in Lautschrift auf, so wie er sie vom Spulentonband abhörte. Bands bestimmten seine Freizeit, später auch neben seiner Lehre als Werkzeugmacher und darüber hinaus. Bass- gitarre, Gitarre und Klavier wurden sein Metier.

Als er von Dresden nach Freiberg zog - wegen seiner damaligen Frau - arbeitete Brade im Brand-Erbisdorfer Press- und Schmiedewerk. Tätig als Ausbilder für Polytechnik, war es nebenher wieder die Musik - besser die Singegruppe "Solidarität", als deren Chef er musizierte. Zudem gehörte er der Freiberger Lyrikgruppe an und trat für das Kreiskabinett für Kulturarbeit als Sprecher auf.

In einem Talente-Ausscheid bei Heinz Quermann schaffte Brade es bis in die Endrunde. Er gewann sie zwar nicht, dennoch: "Das Gremium wollte mich fördern", erinnert sich Brade. Über die Konzert- und Gastspieldirektion erhielt der junge Künstler Auftrittstermine. "Ich tourte mit meiner Gitarre zu Soloauftritten durch die damalige DDR", erzählt der heute 66-Jährige. Ein privates Gesangsstudium, eine Sprachausbildung bei Gerda Röder in Dresden und Solistenkurse für Chanson an der Dresdner Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber" halfen, sein Talent in der Profession zu vervollkommnen. Bereits seit 1985 ist Matthias Brade als freischaffender Künstler unterwegs. Seine Programme bestritt er oft auch gemeinsam mit Berufskollegen - lernte dabei unter anderem die Künstlerin Birgit Lehmann als gute Mitstreiterin schätzen.

Als Clown Matti wurde Brade ebenfalls einer ganzen Generation von Kindern bekannt. Er setzte auf wenig Schminke und eigene Programme, in die er die Jüngsten gern einbezog. "Die Stunden mit Kindern haben am meisten Spaß gemacht", resümiert er. Es sei ihm nie auf großes Künstler- oder Stargehabe angekommen. "Ich wollte dem Publikum in meiner Heimatregion immer eine Botschaft vermitteln, die sie gern annimmt", sagt er. Gegenwärtig sind das beispielsweise die Veranstaltungen auf der Augustusburg, bei denen er im Gewand von Kurfürst Vater August gemeinsam mit Birgit Lehmann als Kurfürstin Mutter Anna über das Leben der Wettiner in der Mitte des 16. Jahrhunderts plaudert. Dafür hat sich Brade tief in die Geschichte eingelesen.

Insgesamt 24 Jahre gestaltete der Musiker und Barde - der heute noch gern vor Publikum singt und plaudert - die Veranstaltungsreihe "Brades Musikcafé" in der Chemnitzer Stadthalle. In seinen Veranstaltungen interviewte er unter anderem Heinz Florian Oertel sowie Heinz Quermann. Während Oertel ihm als Moderator ein plaudernder und fairer Gast war, der seine Fragen beantwortete, wollte Quermann auf der Bühne sein eigenes Ding machen. Das aber hatte Gastgeber Matthias Brade schon geahnt: "Ich wusste, Quermann liebt Pudding. Hinter der Bühne stand eine Schüssel davon parat. Als er redete, redete, redete und sich von mir nicht unterbrechen ließ, gab ich ein Zeichen. Der Pudding wurde gebracht, ich reichte ihn Quermann - er war sprachlos."

"Mittendrin" Teil 30 widmet "Freie Presse" dem Musiker und Künstler Jörg Kokott aus Hainichen. Alle Porträts im Internet.

www.freiepresse.de/mittendrin


Nachgehakt

Wann klingelt morgens der Wecker?

Nie, weil ich selbst aufwache.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Ein Buch über die Entstehung der sächsischen Mundart.

Welches Instrument spielen Sie?

Gitarre und etwas Klavier.

Was darf auf Ihrem Frühstückstisch nicht fehlen?

Das Salz.

Was sind Ihre Lieblingsziele im Urlaub?

Auf alle Fälle der Strand - der darf auch gern steinig sein.

Welche Jahreszeit lieben Sie?

Alle vier Jahreszeiten - ich liebe den Wandel.

Was ist Ihr Lebensmotto?

Richtsch oder gar ni (in tiefstem Sächsisch).

Wer ist Ihr Lieblingsschriftsteller?

Erwin Strittmatter, aber ich komme wenig zum Lesen.

Was wären Sie am liebsten geworden, wenn nicht freischaffender Künstler?

Ich hätte gern meine pädagogischen Anfänge weiterverfolgt.

Wofür können Sie schwach werden?

Das kann ich beim Klang der Großen Silbermannorgel im Freiberger Dom.

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