Wie Bilder eine Seele bekommen

Günter Wittwer musste in seinem Berufsleben Haken schlagen. Und doch hat er Kurs gehalten, sagt der Maler und Grafiker aus Oederan heute. Liegt vielleicht daran, dass er liebt, was er tut.

Oederan.

Zum aktuellen Augustusburg-Kalender hat Günter Wittwer einen kraftvollen, doch zugleich filigranen Gartenblick beigesteuert. "Das ist der Blick, der sich mir aus meinem Garten in Richtung Augustusburg bietet", sagt der Künstler. "Ich wollte das schon immer malen. Das Motiv hat mich interessiert." Es dauerte dann doch bis zu einem schönen Sonntag, vom Licht her fast schon zu spät. Doch der zweite Versuch klappte. Dass dabei die Natur im Vordergrund steht und die Burg eher wie nebensächlich im Hintergrund schimmert, hat weiter keine Wertigkeit. Der erste Versuch geriet "noch nicht so". Schließlich ist man nie perfekt. "Aber der innere Ansporn führt zu voranbringenden Ergebnissen", hat der 60-Jährige erfahren.

Eltern ebnen ihren Kindern den Berufsweg. Bei Günter Wittwer war es etwas anders: "Meine Eltern hatten eine Korbmacherei. Mein Vater saß von früh bis spät in der Werkstatt. Unter Abwägung aller Vor- und Nachteile wollte ich diesen Beruf damals nicht erlernen", sagt der Maler ehrlich. Ihre Kreativität gaben die Eltern ihrem Jungen aber doch mit. Von der Kunstfertigkeit des Flechtwerks zeugen heute Muster in der Werkstatt der Volkskunstschule in Oederan. Seit 1991 ist er hier als Kursleiter tätig. In Chemnitz, wo der Freiberufler dem Künstlerbund angehört, lehrt er seit 1998 an der Volkshochschule Ölmalerei. "Mir ist es sehr wichtig, dass meine Schüler dazu fähig sind, gestalterische Entscheidungen zu treffen und einen eigenen Stil auszuprägen. Manche wollen von mir eine Art Rezeptbuch. So klappt das aber nicht", weiß Günter Wittwer. Wie soll ein Bild da eine Seele bekommen?

Der Weg bis zur Lehrtätigkeit war für Wittwer ein verwinkelter. Und doch dreht sich immer alles um die Volkskunstschule: Das Haus mit dem wie gemalten Ausblick auf das historische Stadtzentrum sah den Schüler Günter schon, als er 1970 eine erste Federzeichnung schuf. Sein Einstieg war ein Kurs in den Winterferien. "Willst Du zum Zeichenkurs?", fragte der Gründer und erste Leiter der Schule Manfred Heßmann den auf der heutigen Chemnitzer Straße suchenden Schüler. "Ja? Dann komm mit." Ein Treffen mit Folgen: Heßmann verstand es, ein Verhältnis zu den Kursteilnehmern aufzubauen, sodass die sich frei fühlten, sich zu entfalten und Spaß dabei zu haben. "Er hat die Grundlagen gelegt", erinnert sich Wittwer. Bei einem Klappschnitt - ein Seeräuberboot und ein Schilfmotiv - guckte der Schulleiter bei Günter Wittwer aufs Blatt und sagte: "Wenn Du das hinkriegst, darfst Du in den Zeichenzirkel kommen." Wittwer schaffte es - und besuchte den Zirkel bis zum Schulabschluss 1974. In diesem Jahr entstand auch sein erstes Ölbild. Ein Abendstudium in den klassischen Techniken, Grundlagen und Theoriefächern schloss sich an, außerdem absolvierte er eine pädagogische Zusatzausbildung an der Hochschule in Dresden: Diese befähigte Günter Wittwer zur Lehrtätigkeit in Volkskunstkollektiven. Dass er 1974 auf dem besagten Ölbild die Oederaner Stadtkirche wegließ, hat ausschließlich kompositorische Gründe. Schließlich gehört Günter Wittwer seit Kindesbeinen der Kirche an. Es gehe bei der Kunst aber stets auch um Geschlossenheit, Rhythmus und Komposition.

Als Beruf lernte Günter Wittwer 1974 bis 1976 Zerspaner, arbeitete bis zur Wende bei Malimo in Karl-Marx-Stadt. "Für meine spätere Ausbildung als Formgestalter an der Burg Giebichenstein war das von großem Vorteil", sagt Wittwer über seine Anfangszeit. "Ich bin immer mit offenen Augen in der Produktion gewesen." Bis 1979 lernte er für sein Abitur an der Abendschule, in der Produktion blieb der Oederaner bis Mitte der 80er-Jahre. Dann folge der Wechsel zu seiner Tätigkeit als Gestaltungsmodellbauer bei Textima, dem Kombinat, unter dessen Dach auch Malimo wirtschaftete.

Nach der Wende war Wittwer froh, selbst Kunst lehren zu können, und ist seither Freiberufler. "Die Volkskunstschule ist bis heute meine zweite Heimat", sagt er. In seinen Kursen sitzen sowohl Ruheständler, die ihr "kreatives Lebensalter erreicht" haben, als auch Jugendliche. "Da gibt es junge Menschen, die beschäftigen sich kreativ. Aber es gibt auch welche, die kommen, weil sie am Ganztags-Unterricht teilnehmen müssen", sagt Wittwer. "Wie vieles ist auch die Kunst ein Spiegel der Gesellschaft. Es gibt Bauvorhaben, da wird noch Kunst am Bau eingeplant. Aber es gibt auch immer Gebäude, da kommt nur der Druck von der Stange an die Wand." Dabei zeigt ein Besuch in der Volkskunstschule, mit wie vielen Zungen Kunst spricht. Aber um die zu hören, müsste man unter Umständen auch ganz bewusst vom Kurs abweichen.

Serie Alle bishererschienenen Beiträge über Künstler, die am Kalender beteiligt sind, finden Sie im Internet. www.freiepresse.de/kalender2018

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