Zwischen Kunst und Entertainment

Mitten in Sachsen: Als Chefin der Schlossbetriebe verwaltet Patrizia Meyn kulturelles Erbe, stellt sich aber auch der Digitalisierung

Augustusburg.

Als der Landkreis vor zehn Jahren gegründet wurde, war Patrizia Meyn noch nicht vor Ort. Seit 2011 aber ist die Kulturmanagerin und Musikpädagogin Geschäftsführerin der Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde Schlossbetriebe gGmbH und schärft seither das Profil der Burgen und Schlösser auf ihre ganz eigene Art. Über ihre Ansprüche, aktuelle und künftige Ausstellungen sowie über die Arbeitsbedingungen in den Sehenswerten Drei sprach sie mit Ingolf Rosendahl.

Freie Presse: Was bedeutet Ihnen Mittelsachsen - fachlich und persönlich?

Patrizia Meyn: Ich habe im Laufe der Jahre die Menschen hier sehr zu schätzen gelernt. Sie sind ehrlich und halten Wort. Das gefällt mir. Und dann staune ich immer wieder, was dieser Landstrich alles zu bieten hat. Spontan fällt mir der Mittelsächsische Kultursommer ein. Der Verein schafft es, jedes Jahr viele Orte der Region kulturell zu verbinden.

Was sind Ihre Lieblingsorte in Mittelsachsen?

Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Mir sind viele Orte mit den Jahren ans Herz gewachsen. Ich mag das Zschopautal und die Mulde. Auf alle Fälle gehört Freiberg zu meinen Lieblingsorten, mit dem Dom und den vielen mittelalterlichen Gassen. Zu Weihnachten ist es dort besonders schön. Ich mag den Weihnachtsmarkt und den großen Umzug am ersten Advent.

Kultur verbindet, polarisiert aber auch. Welche Rolle spielt Kultur für die Identität Mittelsachsens?

Der Landkreis Mittelsachsen gehört mit seinen sehr unterschiedlichen Traditionen und seiner überdurchschnittlich hohen Anzahl an Kulturdenkmalen sicherlich zu den dichtesten Kulturlandschaften im Freistaat. Dieses kulturelle Erbe spürt man überall. Durch die Industrialisierung sind die alten Traditionen teilweise aufgebrochen, aber eine neue ist entstanden. Davon profitieren wir noch heute. Viele Vereine, Initiativen, Institutionen und Städte knüpfen an dieses uneinheitliche, reiche - letztlich an unser gemeinsames - Erbe an. Ich glaube, wir alle identifizieren uns damit.

Staatsminister Thomas Schmidt sagte eben, dass Bauten und Kulturangebote der Metropolen und die Kleinode der Dörfer und Kleinstädte nirgendwo in Deutschland so nah beieinander liegen wie in Sachsen. Wo stehen vor diesem Hintergrund Die Sehenswerten Drei?

Das kann ich nur unterschreiben. Unsere drei Häuser beispielsweise beherbergen zehn Museen. Alles in einem Radius von 20 Kilometern. So viele museale Einrichtungen gibt es sonst nur in Großstädten. Klar sind wir der Pflege und der Bewahrung der uns anvertrauten Kulturgüter verpflichtet. Nach unserem Selbstverständnis endet unser Auftrag damit aber nicht. Wir wollen mit neuen Trends und anderen Welten bekanntmachen. Eine Art Bildungsauftrag, wenn Sie so wollen. Dazu nutzen wir unsere jährlichen Sonderausstellungen. Noch bis Anfang November zeigen wir auf der Augustusburg zum Beispiel eine Manga-Ausstellung.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Kultur Mittelsachsens für eine bessere Vermarktung eine Dachmarke fehlt. Wie sehen Sie das?

Mit einem konkreten Ziel lässt sich immer eine Dachmarke schaffen. Aber bis sie funktioniert - das kann dauern. Vielfalt ist dabei nicht immer hilfreich. Aber der Landkreis ist nun einmal uneinheitlich. Wir bei den Sehenswerten Drei fühlen uns durch den Tourismusverband Erzgebirge (TVE) ziemlich gut repräsentiert. Alle könnten noch mehr vom TVE profitieren, wenn der Verband mehr Mitglieder hätte. Aber da gibt es noch viele weiße Flecken. Ich kann bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, dass das am Geld hängt. Doch dieses fehlende Engagement reißt natürlich Lücken.

Mit welchen Konzepten kann Mittelsachsen gegen die Kulturballung in den Großstädten Chemnitz, Leipzig und Dresden punkten?

Das müssen wir gar nicht. Stadt und Land lassen sich im Grunde nicht gegeneinander ausspielen. Beide haben ihre ganz eigenen Qualitäten. Das heißt natürlich nicht, auf Konzepte zu verzichten, um auch Städter aufs Land zu ziehen. Wir setzen auf eine ausgewogene Mischung aus Historie und Gegenwart.

Die Marke Die Sehenswerten Drei ist das Eine. Seit Ihrer Amtsübernahme 2011 setzen Sie aber andere Akzente, orientieren sich weniger an den Gemäuern und traditionellem Ausstellungsbetrieb, setzen vielmehr auf Pop-Kultur, interaktive Erlebnisse und Sonderausstellungen. Warum?

Unsere Besucher kommen zu circa 70 Prozent aus der Region und kennen die historischen Gemäuer und unsere Dauerausstellungen. Aber wir wollen natürlich, dass sie nicht nur einmal, sondern immer wieder kommen. Deshalb machen wir Sonderausstellungen, die sich am Heute orientieren. Die digitale Welt verändert die Gesellschaft - und das Museum. Deshalb suche ich bewusst nach Ausstellungen, die diesen neuen Herausforderungen gerecht werden. Dabei spielt Vielfalt eine wichtige Rolle. Wir machen Ausstellungen nicht nur für eine bestimmte Besucherklientel, sondern für Familien, für alle. Wir nehmen uns aber auch die Freiheit, Nischenthemen bekannt zu machen, und haben festgestellt, dass das gut funktioniert. Ein treues Stammpublikum kommt regelmäßig zu unseren Sonderausstellungen, die, je nach Thema auch ganz neue Besucherschichten ansprechen.

Inwiefern entsprechen Sie damit dem Auftrag an Sie, kulturelles Erbe des Freistaates Sachsen zu erhalten und zu vermitteln?

Sehr gut, wie ich finde. Und ich will Ihnen auch sagen, warum: Keines unserer Schlösser verfügt über eine umfangreiche, über Jahrhunderte am Ort gewachsene Sammlung. Das gilt genauso für die Burg Scharfenstein. Das eigentliche kulturelle Erbe besteht in der Architektur und der Geschichte, die sich darüber vermitteln lässt. Das tun wir in fast unzähligen öffentlichen Führungen und weiteren Angeboten. Zudem versuchen wir, Brücken aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen. Mit "Time Warp - Eine Total verrückte Renaissance-Challenge" zum Beispiel. Die multimediale Erlebnisreise hat 2016 den Europäischen Bildungspreis gewonnen. Oder mit den japanischen Farbholzschnitten aus der Sammlung Brühl in Lichtenwalde: Sie sind Vorbild für moderne Mangas. Diesen Zusammenhang beleuchten wir in der interaktiven Sonderausstellung MANGAMANIA auf Schloss Augustusburg. Ein weiteres Beispiel ist die Cut-Out-Ausstellung in Lichtenwalde. Ich habe dazu den Londoner Cut-Out-Künstler und Instagram-Star Rich McCor gewinnen können. Er hat die alte Tradition des Scherenschnitts internetfähig gemacht. Die Werke aus unserer Scherenschnittsammlung finden ihre moderne Entsprechung im Schaffen von Rich. Seine erste Ausstellung ist nicht etwa in seiner Heimatstadt London zu sehen, sondern hier bei uns.

Mit 303.400 Gästen, rund 1,2 Prozent mehr als 2011, zeigten Sie sich angesichts der schwindenden Bevölkerung und der regionalen Lage der Häuser 2012 zufrieden. Wie bewerten Sie den Rückgang der Besucherzahlen von 385.000 im Jahr 2016 auf 315.000 im Vorjahr? Was unternehmen Sie dagegen?

Als ich die Schlösser und die Burg übernommen habe, kamen im Schnitt knapp 300.000 Besucher jährlich. Für mehr Besucher habe ich Sonderausstellungsflächen in Lichtenwalde und Scharfenstein schaffen lassen. Das hat die Zahlen in der Spitze auf über 400.000 Besuche nach oben geschraubt. Das geht nur mit einer gesunden Mischung und ist jedes Jahr eine neue Herausforderung. Ein Balanceakt zwischen Kunst und Entertainment, Anspruch und Wirklichkeit. Und da gibt es durchaus ein Jahr mit guten und eines mit weniger guten Zahlen. Natürlich wollen wir den Erfolg. Das heißt, nicht nur viele, sondern auch zufriedene Besucher. Deshalb planen wir bereits jetzt die Aktivitäten für die nächsten Jahre. Ich freue ich mich sehr auf die kommenden Sonderausstellungen in unseren drei Häusern. Ich bin schon sehr gespannt, wie sie die Besucher finden.

Wie steht es um die Bauarbeiten im Schloss Augustusburg?

Wir haben im vergangenen Jahr an der Nordbrücke gearbeitet, die dringend sanierungsbedürftig war. Wir sind sehr froh, dass sie jetzt wieder zugänglich ist und die Besucher das Schloss wieder über den Hauptzugang betreten können. Es sind jedoch noch einige Restarbeiten zu erledigen.

Was hat es mit dem "Abenteuer Mittelalter" auf der Burg Scharfenstein auf sich?

Wir sehen Scharfenstein als unsere Familienburg. Bei unserem neuen Angebot erfahren Kinder zwischen 6 und 14 Jahren an acht verschiedenen Spiel- und Entdeckerstationen alles über das Leben und Arbeiten vor 800 Jahren. Sie dürfen sich verkleiden, im Kloster schreiben und malen, in einem Bauernhaus Tiere versorgen, König sein, Ritter oder Burgfräulein. Das ist Mittelalter zum Anfassen. Ein museumspädagogisches Programm begleitet das Angebot. Wir haben zwei hervorragende Museumspädagoginnen, die in den letzten Jahren unsere Bildungsarbeit aufgebaut haben. Inzwischen nehmen in unseren Häusern jährlich 10.000 Kinder und Jugendliche an den verschiedenen Angeboten teil.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, das Potenzial Lichtenwaldes würde nicht ausgeschöpft? Das Schloss würde von Augustusburg nur verwaltet.

Ich finde, das ist eine reichlich schiefe Sicht auf die Dinge. Wir bieten in Lichtenwalde regelmäßig Sonderausstellungen und Veranstaltungen an. Eine ganz neue Situation hat sich durch den Erwerb des Schlossparks ergeben. Sie können sicher sein, dass wir die Chancen, die sich dadurch bieten, nutzen werden.

Ist es falsch, wenn man Ihre Wahl in den Vorstand des Vereins "Schlösser und Gärten in Deutschland" als Vorbereitung für Ihren Absprung aus Mittelsachsen deutet?

Das hat mehr mit dem Marketing für unsere Häuser zu tun, als mit Eigenwerbung für mich. Ich möchte unsere Schlösser und die Burg überregional vernetzen und unsere Region in einem viel größeren Radius bekannt machen als bisher. Und da gibt es noch viel zu tun. Fragen Sie doch mal einen Stuttgarter, ob er schon mal was von der Augustusburg gehört hat. Tatsächlich fühle ich mich hier sehr wohl. Ich habe die Möglichkeit, viel zu bewegen. Das macht mir jeden Tag wieder Spaß. Außerdem kann ich mich auf ein Team verlassen, das mich unterstützt und hervorragende Arbeit leistet. Dafür bin ich sehr dankbar.

Warum verweigern Sie sich einem Tarifvertrag, während sich Sachsens Ministerpräsident für Tariflöhne ausspricht, wenn staatliches Geld fließt?

Also erst einmal: Ich finde es wichtig, dass die Menschen, und natürlich auch meine Mitarbeiter, für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden. Es kann einfach nicht sein, dass man heute von seinem Gehalt nicht leben kann. Aber nicht nur das Gehalt, die Arbeitsbedingungen in ihrer Gesamtheit sind immer ein Kompromiss. Zwischen dem, was gewollt und wünschenswert, und dem, was möglich ist.

Seit langem schwelt ein Konflikt um die Entlohnung in Ihrem Unternehmen. Im Juni 2017 gab es erstmals Streik. Wie ist der aktuelle Stand in diesem schwebenden Verfahren?

Wir haben dafür inzwischen eine gute Lösung für alle Mitarbeiter gefunden.


Patrizia Meyn

Geboren 1972 in Dresden, studierte Patrizia Meyn an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, gefolgt von Lehrtätigkeit. Später übernahm die Diplom-Musikpädagogin die Projektleitung internationaler Musikfestivals, so von 2001 bis 2005 das "Dreiklang"-Festival im Dreiländereck Deutschland, Polen, Tschechien. 2005 wurde sie Chefin des niedersächsischen Kammermusikfestivals Schubertiaden Schnackenburg, 2007 übernahm sie die Leitung der Musischen Akademie (Christliches Jugenddorfwerk Deutschland). Patrizia Meyn machte sich in Deutschlands Bildungs-, Kultur- und Tourismuslandschaft bei Strategie, Finanzierung und Management einen Namen. Seit 2011 ist die Kulturmanagerin Geschäftsführerin der Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde Schlossbetriebe gGmbH. (dahl)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...