Ein Sportflieger mit Bodenhaftung

Wenn Roland Schmidt am Freitag sein Büro verlässt, endet eine Ära. Der Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Frankenberg geht in den Ruhestand. Kurz vor seinem 65. Geburtstag hinterlässt Schmidt einen gut bestellten Acker. Doch das Unternehmen steht vor Herausforderungen.

Frankenberg.

Wer in diesen Tagen Roland Schmidts Büro im Unternehmenssitz in der Humboldtstraße 21 betritt, sieht nichts herumliegen. "Ich muss meinen Mitarbeitern doch alles übergeben", sagt der angehende Rentner. Ordnung und Pragmatismus bestimmten seit jeher seine berufliche Laufbahn. Am Freitag endet diese.

Angefangen hat sie nach dem Studium der Physik elektronischer Bauelemente an der Technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt. Als die DDR zusammenbrach, war Schmidt als Entwicklungsingenieur bei der Materiell-technischen Versorgung der Nahrungsgüterwirtschaft in Frankenberg tätig. Zudem engagierte er sich in der Vereinigten demokratischen Aktion. "Du musst was Politisches machen", legten ihm Freunde nah. "Doch das wollte ich nicht", erzählt der Frankenberger.


Dank hilfreicher Kontakte in die heutige Partnerstadt Frankenberg/Eder bildete sich Schmidt lieber kaufmännisch weiter. So wurde er erste Wahl, als der Aufsichtsrat der neu gebildeten Wohnungsgesellschaft Frankenberg (WGF) zu besetzen war. "Neben anderen Bürgern wählte die damalige Stadtverordnetenversammlung am 20. Februar 1991 auch mich in den Aufsichtsrat." Das Gremium kürte ihn nur drei Wochen später zu seinem Vorsitzenden. Am 5. Juli 1993 wurde Schmidt Geschäftsführer der WGF.

"Das war damals alles Neuland für uns", schätzt der noch 64-Jährige heute ein. Dabei war enorm viel zu tun: Bis zum 31. Dezember 1993 mussten die Anträge auf Altschuldenhilfe gestellt werden. Auch ein langfristiges Unternehmenskonzept und eine Rentabilitätsbetrachtung standen auf der Agenda. "Dabei lief unsere Buchung damals noch auf Karteikarten. Die Bestandslisten waren handgeschrieben, auf kariertem Papier. Zuerst mussten wir alles auf elektronische Datenverarbeitung umstellen", erinnert sich Roland Schmidt an die Herausforderungen der abenteuerlichen Anfangszeit.

Doch das Unternehmen wuchs mit seinen Aufgaben. Bis hin zur ersten wirklich komplexen Sanierung Mitte der 1990er-Jahre: Die betraf die Häuser Humboldtstraße 9 bis 11 unterhalb der Post, Gründerzeitbauten in desolatem Zustand. Während Schmidt heute bei Altbauten genau weiß, wie aufwendig die Sanierung angegangen werden muss, fehlte ihm diese Erfahrung damals noch. "Heute wissen wir: Einen Altbau muss man zwingend sehr tiefgreifend sanieren", sagt der Noch-Geschäftsführer. Denn wer billig saniere, spare zwar zunächst Geld. Doch nachhaltig sei das nicht. Bis heute spricht Schmidt lieber vom "wir" als vom "ich". Als er zur Verabschiedung im Stadtrat von der Belegschaft als wichtigster Ressource eines Unternehmens sprach, nahmen ihm die Zuhörer das ab und applaudierten. "Der Leithammel ist, bei Licht betrachtet, auch nur ein Schaf", so Schmidts Credo.

Die Rücknahme nach dem Vermögensgesetz ließ in den Folgejahren den WGF-Wohnungsbestand schrumpfen. "Das machte Rentabilitätsbetrachtung und Personalplanung schwierig und war eine Herausforderung", sagt Schmidt. Doch statt das Personal an die schwindende Arbeit anzupassen und Leute zu entlassen, suchte der Geschäftsführer lieber nach neuen Tätigkeitsfeldern und wurde bei Erschließung und Projektsteuerung fündig. Im Auftrag der Stadt entwickelte das Unternehmen 1994 etwa das Gewerbegebiet 1 an der damaligen Autobahnauffahrt nahe Sachsenburg. Für den Kindergarten "Pusteblume" und das Bildungszentrum fungierte die WGF als Projektsteuerer. Am Grenzweg kaufte sie Land, erschloss es und verkaufte die Grundstücke. Den Eigenheimstandort Pestalozzistraße entwickelte die WGF nach dem Altbaukauf vom Bundesvermögensamt durch eine Kombination aus Abriss und Sanierung.

Aktuell ist das WGF-Schiff in ruhigem Fahrwasser unterwegs. Das liegt auch daran, dass es mit Heiko Schwarz seit 2015 einen zweiten Geschäftsführer gibt. Doch auch für die WGF dürfte die See rauer werden. "Die Wohnungswirtschaft steht vor dem Problem, dass sie die Hauptlast der Gesetze, Verordnungen und Regularien zu tragen haben wird, die in Folge der Klimaschutzdebatte auf uns zukommen", sagt Roland Schmidt. Als langjähriger Mitstreiter des VDW Sachsen Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft weiß Schmidt, wovon er spricht. "Der Gebäudebestand ist einer der größten Energieverbraucher schlechthin." Die angepeilte Senkung des CO2-Ausstoßes dürfte daher die Mieter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führen.

Privat sind Schmidts Aussichten dagegen rosig. "Ich habe das Glück, eine intakte Familie zu haben", sagt er mit Verweis auf seine Frau, zwei Töchter und vier Enkel. Im heimischen Siedlungshaus gebe es immer etwas zu tun. Zudem hat der Frühaufsteher ein forderndes Hobby, dem er künftig mehr Zeit widmen möchte: dem Sportfliegen.


Die Wohnungsgesellschaft

Das Unternehmen verwaltet in Frankenberg und in den Ortsteilen 1050 eigene und 300 Wohnungen von Dritten.

Die Leerstandsquote im Bestand liegt bei über 20 Prozent.

Die WGF beschäftigt 20 Mitarbeiter. Diese sind in der Wohnungswirtschaft, in der kommunalen Sanierung und in der Projektentwicklung tätig, so etwa beim Umbau der Alten Post zur Jugendkunstschule Frankenberg.

Die WGF erledigt die Buchhaltung für die Landesgartenschau. (dahl)

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