Hier spielt die Musik

Am Wochenende eröffnet Jörg Einert sein Kabinett in Augustusburg. Für ihn wird ein Traum wahr, für die Besucher ist manche Überraschung garantiert.

Augustusburg.

Jörg Einert kann eine Visitenkarte zum Klingen bringen. Er nimmt das Pappkärtchen und setzt dessen Ecke sanft in die Rille einer Grammophonplatte aus dem Jahr 1906, die sich auf dem Teller dreht. Und auf einmal erklingt ... nein, nicht der Text auf dem Kärtchen, aber die Stimme von Enrico Caruso, einem italienischen Opernsänger, der von 1873 bis 1921 lebte und in seiner Zeit ein Star war. Man muss sich Mühe geben, aber der Tenor ist zu hören. "Grammophon bedeutet übersetzt ja, der geschriebene Ton'", sagt Jörg Einert. Auch deshalb passt das Visitenkarten-Spiel, mit dem Jörg Einert die Funktionsweise des Grammophons erklärt.

Es sind solche Geschichten, von denen Jörg Einert allerhand parat hat und die einen Besuch in seinem neuen Musikkabinett in Augustusburg zu einem Erlebnis machen. An diesem Wochenende hat es erstmals geöffnet. Von 13 bis 18 Uhr führt Jörg Einert Besucher durch die kleine Ausstellung am Markt und wird seine Geschichten erzählen.

Das Musikkabinett ist eins der acht Bürgerprojekte, die von der Stadt finanziell unterstützt werden. Mit den 11.434 Euro Zuschuss konnten die beiden Räume im Erdgeschoss des traditionsreichen Hauses Markt 5 hergerichtet und die Instrumente und Apparate dorthin transportiert werden. Seit vielen Jahren sammelt Jörg Einert Musikinstrumente und Apparate, die Musik ins heimische Wohnzimmer bringen konnten. Wer vor gut 100 Jahren im ländlichen Raum zu Hause Musik hören wollte, musste die selbst machen, also ein Instrument spielen. Oder in die Kirche gehen, sagt er. "Als Instrument war für die Hausmusik vor allem das Klavier gefragt, weil man damit ein mehrstimmiges, harmonisches Gefüge erzeugen konnte", sagt Einert, der selbst Klavier und vertretungsweise auch die Kirchenorgel spielt und im Haupterwerb Kämmerer in Augustusburg und Leubsdorf ist.

Später gab es selbstspielende Klaviere, vollgestopft mit raffinierter Technik, die vor allem in Gaststätten die Kapellen verdrängten. Die selbstspielenden Klaviere wiederum wurden von den Grammophonen und den Radiogeräten verdrängt, und so ist die Geschichte der Verbreitung von Musik auch eine Geschichte des technischen Fortschritts.

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet die Klavier- und Harmoniumfabrik von Hermann Graf, 1910 in Chemnitz gegründet und 1917 nach Augustusburg umgezogen, weil es an der Nordstraße ein passendes Grundstück und in der Stadt begabte Arbeitskräfte gab. Drei Klaviere und einer der seltenen Flügel aus der Produktion sind in einer Ecke zu sehen. Ein Kennzeichen der Instrumente aus dem Hause Graf, dessen Instrumente weltweit gefragt waren, war das dritte Pedal, mit dem die Lautstärke der Töne gedämpft werden konnte. Phonografen, auf denen sich Wachswalzen drehten, waren die Vorläufer der Schallplatten, die eine deutlich bessere Qualität boten.

Der zweite Ausstellungsraum widmet sich vorrangig der Nachkriegsgeschichte und dem Volkseigenen Betrieb Deutsche Schallplatte mit den bekannten Marken Amiga, Eterna oder Litera. Über 10.000 Schallplatten umfasst die Sammlung von Jörg Einert, der auch einen Rubens, einen Rembrandt und einen Dürer ausstellt. Es sind aber keine Gemälde, sondern frühe Fernsehgeräte aus dem VEB Sachsenwerke in Radeberg. Zu sehen ist auch ein raumfüllendes Monster, das Jörg Einert kürzlich erstanden hat: eine Musik-TV-Gerätekombination, groß und massig wie eine Schrankwand. Was dieses Bild- und Klang-Monster konnte, leistet heute jedes Smartphone.

Geöffnet ist das Musikkabinett am Samstag und Sonntag, jeweils von 13 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Ein Konzert mit Susanne Steinert (Violine) und Renate Golde-Haase am restaurierten Graf-Flügel gibt es am 17. November, 17 Uhr, im Musikkabinett. Karten für 10 Euro in der Touristinformation, Telefon 037291 122716.

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