Hochschule ehrt ihre erste Dozentin

Das Bundesverdienstkreuz und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mittweida hatte sie bereits - nun heißt auch ein Gebäude wie sie: Die Chemikerin Ingrid von Reyher gilt als Vorreiterin in Gleichstellungsfragen. Doch an ihrer einstigen Wirkungsstätte gibt es bei diesem Thema nach wie vor Luft nach oben.

Mittweida.

Sie war die erste Frau, die an der Hochschule Mittweida unterrichtete. Nun ist sie die erste Frau, nach der die Hochschule ein Gebäude benannt hat: Ingrid von Reyher. Haus 19, die 1890 erbaute Villa an der Leisniger Straße - zuletzt als Medienvilla bekannt - trägt seit Mittwoch offiziell den Namen von Mittweidas erster weiblicher Dozentin. Von Reyher war 37 Jahre alt, als sie im November 1945 begann, stundenweise an der damaligen Ingenieurschule die Fächer Chemie und Physik zu unterrichten. In Wien hatte sie Jahre zuvor über chemische Verbindungen promoviert, in ihrer Heimat Polen jedoch zunächst keine Anstellung gefunden.

Die fast ausschließlich männlichen Studenten seien ihr zunächst noch mit Vorurteilen begegnet, heißt es in der Publikation "Frauen und die Hochschule Mittweida, Tradition - Realität - Vision" von 2010. Rückblickend erinnerte sich von Reyher: "Man erzählte mir, daß die Studenten bei meiner ersten Vorlesung fast vom Stuhl gefallen wären, weil sie es nicht für möglich hielten, von einer Frau gelehrt zu werden." Schnell hätten sich zwei Parteien formiert: "Die einen meinten, uns, den Herren der Schöpfung, kann eine Frau doch nichts beibringen - die anderen standen hinter mir." Mit Fachwissen und Allgemeinbildung, Sorgfältigkeit und Zuverlässigkeit habe sie jedoch von Anfang an ihre männlichen Kollegen und bald auch die Studenten von sich überzeugen können, heißt es.

Ingrid von Reyher sei eine Vorkämpferin für Gleichstellung gewesen, sagte Hochschul-Kanzlerin Sylvia Bäßler während des Festaktes am Mittwochvormittag. Hochschulrektor Ludwig Hilmer erinnerte sich an eine Begegnung mit ihr: "Sie war beeindruckend und ist als Frau in vielerlei Hinsicht ein Symbol für uns." Die Hochschulleitung habe das Thema Gleichstellung verinnerlicht, so Hilmer weiter. "Wir müssen sie aber noch etwas mehr umsetzen", räumte der Rektor ein.

Ende 2017 gab es laut Hochschule 18 Professorinnen und 90 Professoren in Mittweida. Unter den weiteren Lehrkräften war etwa jede dritte eine Frau. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Um eine ausgewogenere Geschlechterverteilung bemüht sich seit 1. Oktober Christine Winkler-Dudczig, die erste hauptamtliche Referentin für Gleichstellung an der Hochschule. Zuvor hatte es lediglich eine ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte gegeben - diese Aufgabe übernimmt auch weiterhin Rika Fleck von der Fakultät Medien neben ihrer Lehrtätigkeit. "Wir haben ein Gleichstellungskonzept, mit dem wir auch beim Professorinnenprogramm der Bundesregierung punkten konnten", sagt Kanzlerin Sylvia Bäßler. Damit hat die Hochschule die Zusage für die Förderung von drei Professorinnenstellen erhalten. Derzeit laufen die Besetzungsverfahren. "Das ist für uns auch ein Ansporn und zeigt, dass wir mit unserem Konzept richtigliegen", so Bäßler.

Gleichstellungsreferentin Christine Winkler-Dudczig will zudem für mehr Chancengleichheit bei Studierenden und Mitarbeitern sorgen. Dafür soll ein Konzept entstehen, bei dem es auch um sprachliche Aspekte gehen soll. "Aber die Arbeit geht bei diesem Thema schon in der Schule los", sagt sie. Mit Veranstaltungen wie dem Girls Day, der Kinderuni oder der Nacht der Wissenschaft sollen schon junge Mädchen für Naturwissenschaften und Technik begeistert werden - und so vielleicht eines Tages selbst Professorinnen werden.


Dozentin und Standesbeamtin

Ingrid von Reyher wurde am 30. Mai 1908 in Riga geboren und wuchs als Kind einer Bankiersfamilie in Polen auf. Nach Mittweida zog es sie Ende 1945, weil ihr Bruder an der hiesigen Ingenieurschule studierte. Dort unterrichtete sie Chemie und Physik, später auch Russisch, Biologie, Stoff- und Werkstoffkunde, bis sie 1986 in den Ruhestand ging. Zudem war sie viele Jahre lang Stadtverordnete in Mittweida, vollzog als Standesbeamtin mindestens 400 Eheschließungen. Von Reyher lebte bis 2002 selbst in der nun nach ihr benannten Villa.

Auf Anregung des meteorologischen Dienstes erhielt von Reyher Anfang der Neunzigerjahre das Bundesverdienstkreuz. Von ihrer Wohnung in Mittweida aus hatte sie jahrelang Wetterentwicklungen beobachtet und deren Auswirkung auf die Biosphäre studiert. Im Jahr 1998 wurde ihr als erster und bis dato einziger Frau das Ehrenbürgerrecht der Stadt Mittweida verliehen. lngrid von Reyher starb am 24. Juni 2004 im Alter von 96 Jahren in einem Freiberger Pflegeheim.

Seit 2012 vergibt die Hochschule den Ingrid-von-Reyher-Preis zur Förderung der Chancengleichheit von Männern und Frauen. In diesem Jahr wurden die Informatikerin Dorit Bock von der Fakultät Ingenieurwissenschaften und das Projekt Medien Mittweida ausgezeichnet. (lkb)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...