(Un-)typische Siedler ziehen durch Mittelsachsen

Aus welchem Holz müssen Teilnehmer des Historischen Besiedlungszugs geschnitzt sein? "Freie Presse" hat unter den Kolonisten mehrere Typen ausgemacht.

Marbach.

Den Überblick über knapp 200 Leute zu behalten ist gar nicht so einfach. So viele Teilnehmer ziehen dieses Jahr beim Historischen Besiedlungszug in neun Tagen 133 Kilometer von Kloster Buch nach Sachsenburg. Ausgerüstet mit 15 Planwagen, 35 Zelten, Pferden, Eseln und mittelalterlicher "Gewandung" stellen sie die Landnahme in den Striegistälern vor über 850 Jahren nach.

Sandy Beck vom Verein Historischer Besiedlungszug hat den Überblick. Sie nahm die Anmeldungen entgegen und trug alle - so gar nicht mittelalterlich - in eine Excel-Tabelle am Computer ein. "Dieses Jahr haben wir 170 Siedler und 30 Kutscher. Dazu kommen noch Tagesgäste, wie etwa Musikanten", erklärt Beck, die selbst auch als Siedlerin mitsamt ihrer Familie dabei ist. Damit sind es 50 Teilnehmer mehr als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. "Das merkt man vor allem an der langen Schlange, die fürs Essen ansteht", sagt die Siedlerin.

Neben vielen Familien - etwa 50 Kinder ziehen mit - und Neulingen seien auch Siedler dabei, die zuletzt vor einigen Jahren mitgemacht hätten und nun beim Jubiläum wieder dabei sein wollten, berichtet Beck. Beim Geschlecht hielten sich Männer und Frauen in etwa die Waage. Die meisten kämen aus Sachsen und Thüringen, doch selbst aus den Vereinigten Staaten und Neuseeland seien Teilnehmer angereist. Beim Alter gibt es eine große Spanne. Sie reicht von einem Jahr bis Ende 70. Heute geht es weiter nach Hartha, wo ein Tag Pause eingelegt wird.


Der Neuling

Persönliches: Jens Wörmer aus Hamburg ist zum ersten Mal dabei. Der 56-jährige Gymnasiallehrer hätte schon früher mitgemacht, doch erst dieses Jahr fand der Umzug während der Ferienzeit von Hamburg statt.

Sportlichkeit: "Ich mache viel Sport: Marathon, Mountainbike und Kanufahren", zählt der Siedler-Neuling auf. Daher sei ihm das Laufen nicht schwer gefallen. Und was hilft gegen Blasen am Fuß? "Das Geheimnis sind gute Schuhe", verrät der 56-Jährige.

Authentizität: Wörmer hat sich das Gewand vom Verein geliehen. Ein Telefon hat er nicht dabei. "Ich genieße die Zeit ohne Handy und Uhr", erzählt er. Er fühle sich tiefenentspannt. Bei Regen greift er auch mal auf Umhänge aus Kunststoff zurück. Allmählich komme er auch mit dem mittelalterlichen Thema zurecht.

Motivation: Wahrscheinlich kommt er nächstes Jahr wieder, falls die Ferienzeit günstig liegt, sagt der 56-Jährige. Die herzliche Gemeinschaft sei es allemal wert.


Die Kompromissbereite

Persönliches: Dana Hofmann ist in Waldheim aufgewachsen, lebt aber seit zehn Jahren in Auckland, Neuseeland. Die 38-jährige Mathematikerin hat auch ihre zwei Kinder dabei.

Sportlichkeit: "Derzeit bin ich nicht so gut trainiert", sagt Hofmann, die zuletzt viele Stunden im Büro verbrachte. Daher habe sie nun vier Blasen an den Füßen. Wenn sie mehr Zeit hat, geht sie surfen und wandern.

Authentizität: Die 38-Jährige genießt die stressfreien Tage. Doch ganz ohne Handy geht es dann doch nicht. "Ich nutze es als Fotoapparat, wegen der Kinder", gibt sie zu. Offen telefonieren sei in der mittelalterlichen Umgebung nicht erwünscht, daher habe sie sich dafür ins Zelt zurückgezogen. Ihr Mann ist derzeit bei der seiner Verwandtschaft in Thüringen und so halte sie Kontakt mit ihm.

Motivation: Bei der Beschreibung des Siedlerlebens gerät sie ins Schwärmen: "Vor allem für die Kinder ist es ein super Erlebnis". Wäre ihre neue Heimat näher, käme sie wieder.


Der Veteran

Persönliches: Andreas Dieckmann aus Wünschendorf ist hier kein Unbekannter. Nicht nur beim historischen Besiedlungszug kennt man den "Esel-Andreas". Auch auf Mittelaltermärkten war der 61-jährige Landwirt schon öfter zu sehen.

Sportlichkeit: Wunde Füße vom Gehen, das kennt Dieckmann schon seit Jahren nicht mehr. "Als ich vor 25 Jahren zum ersten Mal dabei war, hatte ich das falsche Schuhwerk an. Aus solchen Fehlern lernt man", sagt der Eseltreiber aus dem Erzgebirge.

Authentizität: Dieckmanns Frau hat die Kleidung für ihn selbst geschneidert, um damit besser ins mittelalterliche Bild zu passen. Doch im Notfall könne es auch mal Ausnahmen geben. So greift er bei Nässe mal zum blauen Regencape. Ein Handy besitzt er nicht.

Motivation: "Solange ich gesund bin, komme ich mit", blickt der Altsiedler voraus, der ansonsten auch auf Jubiläumsfeiern oder Mittelaltermärkten Eselreiten für Kinder anbietet.

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