Wenn Vulkane ausbrechen

Das Büro gegen die Wildnis getauscht hatte Solveig Schmidt. Die einstige Umweltberaterin tourte mit Partner und zu Pferde durch Südamerika. Für die "Freie Presse" berichtet die Naundorferin vom Abschluss ihrer Reise, die um den Jahreswechsel begann.

Pichi Neuquen/Naundorf.

Das klangreiche Vogelschutzgebiet an der Laguna Vaca Lauquen haben wir verlassen. Seit einiger Zeit folgen wir der chilenischen Grenze in den Bergen, circa 15 Kilometer westlich von Pichi Neuquen. Die Grenze ist nur durch die Hitos, die Grenzmarkierungen, zu entdecken. Nicht nur der Blick in die faszinierende Bergwelt, auch ein dampfender Vulkan in sicherer Entfernung erregt meine Aufmerksamkeit. Im Zehnminutentakt spuckt der Krater eine dicke Dampfsäule in den blauen Himmel. Was für ein beeindruckendes Schauspiel! Noch ahne ich nicht, dass ich mich zehn Tage später und 100 Kilometer weiter nordöstlich vor dieser Naturgewalt fürchte. Mit einem feuchten Lappen um Mund und Nase als Schutz gegen die Vulkanasche wünsche ich uns in Sicherheit.

Langsam schlängeln wir uns den Anstieg hinauf. Den schmalen, durch Schafe und Ziegen getretenen Pfad wollen wir nicht verlieren. Bald wird uns klar, dass das Ziel der Wiederkäuer nicht der Bergpass und das dahinterliegende Tal, sondern der jeweils nächste Grasbüschel ist. Und so verteilen sich die Spuren auf der gesamten Bergflanke. Suchend kraxeln wir weiter. Roland mit Blick aufs GPS und ich auf die Spuren im Geröll. Plötzlich steht ein Gaucho auf einem Schimmel vor uns. Und schaut uns ebenso verwundert an.


Normalerweise ist er mit den Tieren in seinem Bergreich allein. Doch heute sei ein turbulenter Tag, meint er. Am Morgen begegnete ihm schon eine Handvoll chilenischer Carabinieri. Er weist uns eilig den Weg zum Pass und reitet zügig in die Einsamkeit. Die Nacht verbringen wir auf über 2000 Metern unter dem Col de Mariposas, dem Berg der Schmetterlinge. Was für eine farbige Pracht auf der anderen Seite des Passes. Knallrote Blüten säumen das Bächlein mit eiskaltem Schneewasser. Im Tal des Rio Pichi Neuquen treffen wir vier Gendarmen. Sie beladen nach der Siesta ihr Packpferd. Wir erfahren, dass ein Treffen mit den chilenischen Kollegen an einem Grenzstein in den Bergen geplant ist. Die Vorfreude auf diese jährliche Tradition zur Pflege der Freundschaft ist den jungen Männern anzumerken. Wir plaudern kurz und wünschen einander guten Weg und "Suerte", Glück. Kurz darauf poltern Steine im Flussbett. Der Albtraum eines jeden Reiters saust an uns vorbei: Ein Pferd, dem der Sattel auf dem Bauch hängt, im Fluchtmodus. Eine wehende Zeltplane verfolgt das panische Tier. Das Packpferd der Gendarmen. Noch bevor ich realisiere, was passiert ist, donnern zwei gesattelte Pferde hinterher. Diesmal reagiere ich schneller. Mein lang gezogenes "hohooo" veranlasst die Verfolger, das Tempo zu reduzieren. Schließlich bleiben sie stehen. Sie schnaufen durch. Wir auch. Wieder poltert es. Der jüngste Uniformierte quert suchend das Flussbett. Erleichtert atmet er auf, als er uns mit den Ausreißern sieht. Und Nummer drei? "Er wird zurück nach Hause laufen, zur Gendarmeria in Pichi Neuquen", hofft der junge Mann. Das sind noch gut zehn Kilometer und auch unser Tagesziel. Wir vereinbaren, sämtliche Ausrüstungsteile und das Pferd, falls wir es finden, einzusammeln. Eine Stunde später, wir queren den Fluss, entdecken wir das erschöpfte Tier am Wasser. Der Sattel hängt immer noch unter dem Bauch. Ein Riemen hat sich im Hufeisen verklemmt. Mit unseren drei Pferden und beruhigenden Worten nähern wir uns vorsichtig. Es bewegt sich nicht. Offenbar ahnt es, dass es aus seiner misslichen Lage befreit wird. Roland zerschneidet einige Schnüre und Riemen. Der Sattel plumpst ins Wasser und das Pferd ist endlich frei. Ich erkenne eine kleine Verletzung am linken Hufgelenk. Weitere Wunden sind nicht zu sehen. Unglaublich, wie robust die zarten Beine dieser Fluchttiere gebaut sind. In der Natur ist das überlebenswichtig. Willig lässt sich der Braune führen und kommt mit uns. Eine Stunde später holt uns die kleine Gruppe der Gendarmen ein. Wir erfahren, dass dieses Pferd heute zum ersten Mal als Packpferd beladen wurde. Das lief nicht optimal. Viel Zeit für Gespräche ist nicht, denn die chilenischen Kollegen warten am Hito, einem Grenzpunkt in den Bergen.

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