Zarah Leander braucht 78 Umdrehungen

Schallplatten sind wieder angesagt: In Hainichen geht es am Samstag aber nicht um Vinyl, sondern den Vorgänger Schellack. Familie Gauss hat davon etwa 120.000 Stück.

Hainichen.

33 Umdrehungen pro Minuten hat eine normale Langspielplatte, 45 die Single. Plattenliebhaber kennen aber noch eine andere Geschwindigkeit: 78. Das ist die Zahl, die für Schellackplatten steht, den Vorgänger des bis heute gebräuchlichen Vinyl. Schellack läuft auf einem Grammophon als Abspielgerät und hat bis heute weltweit Fans. Dazu gehört auch Familie Gauss aus dem Hainichener Ortsteil Riechberg. Mirko Gauss ist als Musikwissenschaftler und in der Region bekannter Musiker natürlich vorbelastet. Aber auch seine Frau Ramona hat ein Faible für die meist knisternde Musik.

Und die gibt es am Samstag im Bahnhof Hainichen, der zur Schellackplatten-Börse einlädt. Ramona Gauss betreibt dort seit Jahresbeginn die Gaststätte, liebevoll mit Devotionalien der Eisenbahngeschichte dekoriert. Seit einigen Tagen weisen ein alter Grammofonschrank und auch einige alte Tonträger an den Wänden auf die Veranstaltung hin, die erste Schellackplatten-Börse, jedenfalls in Hainichen.

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Mirko Gauss ist seit einigen Jahren auch der Besitzer des Hauses. Er will in dem alten Empfangsgebäude des Hainichener Bahnhofs ein Museum einrichten, in dem nicht nur Schätze aus den Anfängen der Musikaufzeichnung ausgestellt werden, sondern auch den Schätzen wieder zum Klingen verholfen wird. Beide schwärmen davon, wie toll es ist, wenn man zum Beispiel eine über 100 Jahre alte Original-Schellackplatte mit dem "La Donna E Mobile" von Startenor Enrico Caruso hört, das vielen Menschen der heutigen Zeit aus einer Werbung für Tiefkühlpizza bekannt sein dürfte. Auch Zarah Leander ist mit einigen Platten in der Sammlung der Familie vertreten.

"Es muss noch viel Arbeit in das Renovieren der Räume gesteckt werden", so Mirko Gauss. Aber ein erster Meilenstein soll schon mal die Schellackplatten-Börse am Samstag von 10 bis 18 Uhr sein. Anmeldungen von Sammlern, so auch aus Dresden, habe er schon etliche. Wer selbst noch klingende Schätze auf dem Dachboden habe, könne die auch vorbeibringen. Reich werde man mit den Verkauf von Platten sicher nicht, so der Riechberger. Oftmals sei der ideelle Wert einer Platte doch viel wichtiger.

Ramona und Mirko Gauss haben vor etwa zwölf Jahren mit dem Sammeln der Schellack-Schätze begonnen, im Laufe der Zeit auch einige Sammlungen übernommen. Auch Vinylplatten hat das Paar in sechsstelliger Größenordnung angehäuft. "Wie viel Schellack heute noch weltweit in Umlauf ist, lässt sich nur schwer sagen", erklärt Mirko Gauss. "Auf den Markt kamen diese Platten erstmals im Jahr 1895. Produziert wurde aber sogar noch parallel zum Vinyl bis in die späten 1960er-Jahre." In der BRD sei noch bis 1958 auf Schellack veröffentlicht worden. Laut Gauss habe man zuletzt noch in Indien und Südafrika mit dieser Technik Musik gehört.

Familie Gauss hat sich den Samstag für die Börse ganz bewusst ausgesucht, denn dann wird auch wieder eine Dampflok in Hainichen erwartet, eine Sonderfahrt des Sächsischen Eisenbahnmuseums Chemnitz-Hilbersdorf, das einen Familienausflug anbietet. "Anlässlich des Osterfestes im Eisenbahnmuseum kommt dieser Sonderzug", weiß Thomas Kühn, Vorsitzender des Hainichener Modellbahnvereins "Striegistal-Express". Laut Kühn werden die Waggons von der vereinseigenen Dampflok 503648 gezogen. Gegen 14 Uhr soll Abfahrt im Eisenbahnmuseum sein. Es geht über Niederwiesa und Frankenberg. In Hainichen wird der Zug gegen 15 Uhr erwartet und dort gut eine Stunde stehen. Die gastronomische Versorgung übernimmt das Team der Gaststätte im Bahnhof mit einem Biergarten unter dem überdachten Außenbahnsteig.

Schellackplatten-Börse im Bahnhof Hainichen am Samstag von 10 bis 17 Uhr. Eintritt frei. Wer selbst Platten vorstellen oder verkaufen will, soll sich telefonisch anmelden: 0160 8459191.

Der Dampf-Sonderzug fährt 14 Uhr ab Hilbersdorf und ist gegen 15 Uhr in Hainichen, Abfahrt ist dort 16 Uhr geplant.

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