Bundestags-Direktmandate im Blick der Demoskopen: Das sagen die Prognosen

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Für die Zusammensetzung des Palaments sind die Zweitstimmen entscheidend. Doch wer gewinnt die 299 Direktmandate und vertritt damit unmittelbar die Wahlkreise in Berlin? Prognosen sind hier schwieriger. Ein Chemnitzer Forscher versucht es mit einer Methode aus den USA.

Chemnitz.

Die Parteienpräferenzen der Bundesbürger sind gut erforscht. Regelmäßig stellt eine Handvoll Demoskopie-Institute die Sonntagsfrage: Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre? Letzter Stand in dieser Woche: CDU/CSU landen bei 21 bis 23 Prozent, die SPD bei 25, die Grünen bei 16 bis 17, die AfD bei 10 bis 12 Prozent. Die Zweitstimmen entscheiden bei der Bundestagswahl über die prozentuale Zusammensetzung des Bundestages. Doch die Hälfte der Sitze wird zunächst unmittelbar an die Personen vergeben, die in den 299 Wahlkreisen die meisten Erststimmen holen.

Für viele Bürgerinnen und Bürger ist es wichtig, wer ihren Heimatwahlkreis in Berlin vertritt. Außerdem entscheidet die Verteilung der Erststimmen auch darüber, wie groß der Bundestag am Ende tatsächlich wird: Erringt eine Partei mehr Direktmandate als ihr gemäß dem Ergebnis der Verhältniswahl aus den Zweitstimmen zustehen, erhält sie für die Differenz Überhangmandate, also zusätzliche Parlamentssitze. Diese werden wiederum bei den anderen Parteien mit Ausgleichsmandaten ausgeglichen. "Es gibt ein immer größeres Interesse an Direktmandaten und daran, deren Verteilung vorauszusagen", sagt der Politikforscher Arndt Leininger von der Technischen Universität Chemnitz.

Der Markt der Prognosen ist hier allerdings nicht sehr groß. Warum? Nationale Umfragen, so erläutert Juniorprofessor Leininger, ließen sich nicht ohne weiteres zur Prognose von Wahlkreisergebnissen nutzen, da meistens nur nach der Zweitstimme gefragt werde und pro Wahlkreis dafür auch nur sehr wenige Befragte zur Verfügung stehen. Bei den letzten repräsentativen Umfragen von Kantar, Forsa, und Forschungsgruppe Wahlen waren es zwischen 1200 und 2000 zufällig ausgewählte Personen - pro Wahlkreis also im Schnitt nur vier bis sieben Befragte.

Medien und Politik greifen bei Wahlkreisprognosen in Deutschland meist auf Ergebnisse des Drei-Mann-Unternehmens election.de aus Hamburg zurück. Nach Angaben seiner Entwickler basiert es auf einem eigenen Projektionsverfahren, "das verschiedene wahlentscheidende Faktoren berücksichtigt". In die Prognose fließen demnach Ergebnisse vergangener Wahlen ebenso ein wie die aktuellen Umfrageergebnisse zu den Zweitstimmen. Eine Rolle spielen auch die nominierten Kandidaten im Wahlkreis sowie das Stimmen-Splitting mit unterschiedlicher Abgabe der Erst- und Zweitstimmen. Wie es genau funktioniert, bleibt unklar. Election.de sei ein Wahlforschungsunternehmen, spezialisiert auf regionale Datenanalysen, sagt der Chef Matthias Moehl. "Wir beraten auch Kandidaten und geben Empfehlungen, wo sich Wahlkampf lohnt."

Für das jahrzehntelang CDU-dominierte Sachsen sagt election.de eine Zeitenwende voraus: Die AfD, so die Prognose, werde mit 87- bis 96-prozentiger Wahrscheinlichkeit vier Wahlkreise in Ostsachsen holen. Zudem gehe der Wahlkreis Mittelsachsen mit 79-prozentiger Wahrscheinlichkeit an die AfD, der Erzgebirgskreis I zu 59 Prozent. Bis zu 9 der 16 Wahlkreise könnten an die AfD fallen. Bei der Bundestagswahl 2017 habe man am Wochenende vor der Wahl in 277 der 299 Wahlkreise die Ergebnisse exakt vorausgesagt, also eine Trefferquote von 93 Prozent erzielt, so Moehl. In Sachsen waren es aber nur 75 Prozent. "Die drei AfD-Mandate hatten wir damals nicht erwartet." Auch diesmal sei in Sachsen "alles relativ offen". Zum Vergleich: Im Westen und Süden der Republik gibt es Wahlkreise, in denen Moehl und sein Team den Sieg von SPD bzw. CSU als zu 100 Prozent sicher einstufen.

An der TU Chemnitz ging Politikforscher Leininger bei der Wahlkreisprognose einen anderen Weg. In Zusammenarbeit mit Kollegen aus Berlin und England entwickelte er die so genannte "Bürger*innenvorhersage zur Bundestagswahl 2021". Das Prinzip, das in Deutschland erstmals zur Anwendung kam: Die Befragten, eine nicht-repräsentative Stichprobe, antworteten nicht auf die Frage, wen sie wählen würden, sondern wer ihrer Meinung nach gewinnen wird. Dazu wurden über das Kölner Marktforschungsinstitut Respondi in jedem Wahlkreis mindestens 20 Umfrageteilnehmer gewonnen. "Sie mussten halbwegs gut über die politische Lage informiert sein", berichtet Leininger.

Die Methodik stammt aus den USA und Großbritannien - Ländern mit reinem Mehrheitswahlrecht. Dort hat sie sich bereits bewährt, wie Studien zeigten. "Bürgerprognosen scheinen die genaueste individuelle Methode zur Vorhersage der US-Präsidentschaftswahlen zu sein, die bisher verfügbar ist", schreibt etwa Andreas Graefe von der Macromedia Hochschule in München.

Doch funktioniert das auch in Deutschland? Für Arndt Leininger und seine Mitstreiter ist die Bürgervorhersage zunächst ein Testballon. In Sachsen sieht ihre Prognose weniger eindeutige Ergebnisse - was die Entscheidung für die Wählerinnen und Wähler nicht leichter macht. Beispiel Mittelsachsen: Hier erwarten 40 Prozent der Befragten einen Sieg der CDU-Kandidatin, 35 Prozent sehen die AfD-Kandidatin als Siegerin. Mit der Prognose, so der Chemnitzer Forscher, wolle man für einzelne Wahlkreise auch der Frage nachgehen: "Lohnt es sich, strategisch zu wählen?" Im konkreten Fall könnte die Antwort "ja" lauten.

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