Es war nicht nur ein Baum

Zweimal binnen kurzer Zeit werden Mahnmale für ein NSU-Opfer in Zwickau zerstört. Die Taten lassen viele nicht kalt.

Zwickau/Dresden.

Ein abgesägter Baum und eine zerstörte Sitzbank: Diese zwei Bilder lösen derzeit viel aus: Wut und Frust. Mitgefühl und Solidarität. Seitdem Unbekannte Mitte der vergangenen Woche zunächst den Zwickauer Gedenkbaum für Enver Simsek - das erste Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" - fällten und dann am Wochenende eine Bank zerstörten, die eine Künstlergruppe dort als Ersatz für den Baum aufgestellt hatte, wird über die Zustände in der Stadt und in Sachsen diskutiert. Wieder einmal.

Das Internationale Auschwitz-Komitee, das von Überlebenden des gleichnamigen Vernichtungslagers gegründet wurde, macht am Montag den Anfang. "Auschwitz-Überlebende sind im Blick auf Deutschland tief besorgt über die zunehmende gezielte Zerstörungswut der rechtsextremen Szene, die jenseits allen Vandalismus immer wieder versucht, Erinnerungsorte für Opfer rechtsextremen Hasses aus dem öffentlichen Raum zu entfernen", warnt es in einer Mitteilung. Man dankt der Zwickauer Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD), dass sie sich Neonazis entgegenstelle.

Auch Vertreter der Landespolitik äußern sich vernehmbar - allen voran Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Wiederholt hat er betont, dass Sachsen sich dem Kampf gegen Rechtsextremismus stellen müsse. Zu den Zwickauer Taten hat er eine klare Meinung: "Das ist eine schwer erträgliche und schäbige Provokation an einem Ort des Nachdenkens und Erinnerns. Ich hoffe, dass es gelingt, den oder die Täter rasch zu ermitteln. Diejenigen, die das getan haben, haben Zwickau genauso in Misskredit gebracht wie die NSU-Täter."

Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) verurteilt die Zerstörungen ebenso: Die "schändlichen Attacken" zeigten, "dass menschenverachtendes und gewaltverherrlichendes Gedankengut nach wie vor in den Köpfen einiger Menschen existiert. Darum müssen wir weiterhin achtsam sein und die Initiativen und Projekte unterstützen, die sich vor Ort gegen demokratiefeindliches Verhalten und für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft engagieren."

Und dennoch bleiben Fragen. Sie richten sich nicht nur an die unbekannten Täter, sondern auch an die Polizei: "Mich verwundert durchaus, warum es nach dem Absägen des Gedenkbaumes nicht gelang, einen erneuten Angriff zu verhindern - zumindest eine verstärkte Bestreifung wäre zu erwarten gewesen", sagt beispielsweise die Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Linke). Sie erinnert daran, dass gerade Zwickau eine besondere Rolle einnehme: "Seit Enttarnung des NSU wurden sachsenweit mehr als 50 sogenannte Resonanztaten gezählt, darunter auch wiederholte Angriffe auf Gedenkinstallationen. Die meisten dieser Fälle wurden nicht aufgeklärt. Häufigster Tatort ist Zwickau, wo sich die Gruppe zum Schluss versteckt hielt."

Sicher ist: Die Bilder vom abgesägten Baum und der zerstörten Sitzbank sollen nicht bleiben. Die Stadt Zwickau hat ein Spendenkonto eingerichtet, um neue Gedenkbäume zu setzen. Von anderer Stelle kommt weitere Unterstützung. Auszubildende der Volkswagen AG aus Zwickau, Chemnitz und Wolfsburg, die mit dem Internationalen Auschwitzkomitee an einem gemeinsamen Workshop teilgenommen haben, werden mit ihren Kollegen aus Polen neue Bäume setzen. Es soll ein Zeichen des Neuanfangs und der Unterstützung sein.

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