Forscher: Friedhofskultur muss neuen Trends Rechnung tragen

Der Soziologe Matthias Horx sieht die traditionelle Friedhofs­ und Begräbniskultur in der Krise, weil sie auf den Wertewandel der Gesellschaft keine treffenden Antworten finde. Angesichts neuer Formen des Trauerns seien innovative Lösungen gefragt.

Dresden/Wien (dpa/sn) - Die Friedhofskultur in Deutschland bedarf aus Sicht des Soziologen Matthias Horx angesichts individueller Ausdrucksformen von Trauer der Erneuerung. In den vergangenen 20 Jahren hätten sich viele Menschen vom klassischen Grabmal abgewendet. Immer mehr wollten an besonderen Orten bestattet sein. «Das ist ein sozialer Megatrend», sagte Horx der Deutschen Presse-Agentur.

Er gehört zu den Kritikern einer starren Friedhofskultur in Deutschland, die von starken Reglementierungen geprägt ist. Ende der 1990er Jahre gründete er das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt am Main und einer Niederlassung in Wien.

«Den idealen Friedhof gibt es freilich nicht. Das liegt daran, dass sich die Veränderungen von Erinnerungs- und Trauerkultur relativ schnell vollziehen», erklärte der Forscher im Vorfeld des Totensonntags. Der jüngste Trend richte auf den Friedhöfen regelrechte Verwüstungen an. «Friedhöfe haben einen gewissen Rhythmus. Normalerweise werden die Gräber 20 oder 25 Jahre erhalten. Damit entstand eine bestimmte Friedhofsarchitektur.» Doch heute gebe es dort aufgrund vieler anonymer Bestattungen überall Leerflächen.

«Für die Trauernden ist das ein Problem. Wenn sie auf die Wiese kommen, wollen sie einen Bezug zu dem Verstorbenen herstellen. Dann fangen sie an, kleine Mahnmäler zu errichten aus Teddybären, kleinen Kreuzen und Erinnerungsstücken», sagte Horx. Aufgrund der Friedhofsordnung müsse das abends aber alles wieder abgeräumt werden - für den Soziologen ein Beleg dafür, wie wenig diese Regelwerke den neuen Bedürfnissen entsprechen.

Allerdings räumte der Wissenschaftler eine gewisse Bewegung in Richtung zeitgemäßer Friedhofskultur ein. Als Beispiele nannte er Karlsruhe und Hamburg-Ohlsdorf. Vorbildhaft seien Ruhestätten für Tote in den Niederlanden. Dort gehe man auf die individuelle Wünsche Verstorbener oder Angehöriger ein, zudem seien Menschen aller Religionen auf einem Friedhof bestattet. So entstünden neue «Lebenslandschaften» mit einem einladenden Charakter auch für Menschen, die nicht trauern.

«Das ist eine Entwicklung, die in Deutschland erst angefangen hat», bemerkte Horx. Um sie voranzutreiben, müsse man wissen, «wie Menschen trauern und wie Trauer gesellschaftlich wahrgenommen wird». Es gebe zunehmend Wünsche nach individuelleren Formen der Begräbnisse an ungewöhnlichen Plätzen. Angesichts des gesellschaftlichen Wandels müssten solche Vorstellungen und Empfindungen Trauernder weit stärker in den Mittelpunkt rücken müssen, als dies der Friedhof von heute zulasse.

Das Internet kann nach Ansicht des Soziologen einen Friedhof oder einen konkreten Ort der Trauer um einen gestorbenen Menschen nicht ersetzen. Es gebe zwar Trauerportale im Netz und auch bei Facebook die Möglichkeit, an Menschen zu erinnern. «Facebook wird irgendwann die gigantischste Nekropole der Welt. Die Plattform bietet aber nicht die Möglichkeit für einen psychologischen Trauerprozess.»

«Manchmal gibt es Freundeskreise, die längere Zeit im Internet um einen Verstorbenen kreisen. Das verblasst jedoch viel schneller, als wenn es einen konkreten Ort der Trauer gibt. Die Abstraktion vor dem Bildschirm ist nicht dasselbe, als wenn man auf einem lebendigen Friedhof steht», erklärte der 64-Jährige. In uralten Ritualen würden sich auch neue Gemeinschaften bilden können. «Trauer bringt Menschen zusammen.» Gerade in südlichen Ländern habe ein Begräbnis für eine ganze Ortschaft Bedeutung.

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