"Ich bin von Haus aus Optimist"

1997 ging es ihm beim Umzug nach Freiberg vor allem um eine Professorenstelle. Als man ihn 2000 mit der Welterbe-Idee für das Erzgebirge konfrontierte, griff er sie auf, weil sich kein anderer fand. Mit vielen Mitstreitern hofft Helmuth Albrecht nun, dass die Unesco im Juli zustimmen wird. Sein Lebenswerk steht dabei auf dem Prüfstand.

Freiberg.

Wenn er eines überhaupt nicht mag, dann sind es Titel wie Mister Welterbe. "Das klingt zwar toll, trifft es aber nicht. Denn das Projekt ist nicht mein Werk, sondern eine Teamleistung", stellt Helmuth Albrecht klar. Der Professor für Technikgeschichte und Industriearchäologie sowie Direktor des gleichnamigen Instituts an der TU Bergakademie Freiberg sitzt auf der sonnigen Terrasse seines mehr als 500 Jahre alten Hauses, das erste in der Pfarrgasse unterhalb des mächtigen Donatsturms. Von Anspannung keine Spur. Der 1400 Seiten umfassende Antrag des sächsischen und böhmischen Erzgebirges auf Anerkennung als Kulturlandschaft der Unesco liegt seit 1. Februar 2018 in Paris beim Welterbekomitee. Albrecht ist einer der Verfasser. Er weiß, dass er auf das, was jetzt kommt, keinen Einfluss mehr hat.

Einer ersten Ablehnung 2016 waren er und der Welterbeverein zuvorgekommen, indem sie vor der Abstimmung den Antrag zurückzogen. Experten von Icomos, einem internationalen Beratergremium der Unesco, hatten den Bewerbern aus dem Erzgebirge signalisiert, dass ihr damaliger Antrag keine Chance haben würde. Stattdessen bot man ihnen an, die Bewerbung gemeinsam zu überarbeiten und zu straffen.

Albrecht hatte das so nicht erwartet, zumal er selbst seit 2013 Icomos-Berater ist - aber natürlich nicht zum eigenen Antrag. "Ich war damals fest überzeugt, dass unser Projekt durchkommt", sagt der 64-Jährige heute. Genau deshalb hält er sich nun mit Prognosen zurück. Er lässt vielmehr seinen Blick über die verwinkelten Dächer der Freiberger Altstadt schweifen, die sich vor ihm in der Frühlingssonne ausbreitet. "Ist das nicht ein herrliches Panorama?", fragt er. "Das alles könnte ab Sommer zum Welterbe der Vereinten Nationen gehören." Albrecht hält inne und genießt einen Kaffee. Nicht oft gibt es solche entspannten Stunden.

Dass ihn sein Weg nach Freiberg führte, war Zufall. Der in Niedersachsen und Hessen direkt an der Grenze zur DDR aufgewachsene Sohn einer Bergmannsfamilie wuchs mit dem Bergbau auf. Helmuth, zweitjüngstes von vier Kindern, machte in Wolfenbüttel 1974 das Abitur und begann danach an der TU Braunschweig zu studieren: zunächst Elektrotechnik. Das Fach wählte er aber wieder ab. Stattdessen erwarb er 1980 einen Abschluss in den Fächern Geschichte und Physik. Albrecht blieb danach an der Uni, wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am historischen Seminar und Leiter des Universitätsarchivs.

Als 1989 die Mauer fiel, war er bereits an der Universität Stuttgart tätig. Das Thema seiner dort begonnenen Habilitation: "Lasertechnologie in Deutschland". Die Grenzöffnung hatte auch für seine Arbeit Folgen. Albrecht erweiterte das Thema durch einen Vergleich der Lasertechnologien in Ost und West. Er reiste nach Jena und Berlin, "weil da über Nacht faktisch alle Archivunterlagen zugänglich wurden und sich mir so ein völlig neues Forschungsfeld auftat". Doch in die Euphorie mischte sich auch Wehmut. "1995 lief meine befristete Assistentenstelle an der Uni Stuttgart aus. Meine Habilitation war noch nicht fertig, und ich stand vor der Wahl, arbeitslos zu werden oder mich im Osten um eine Professorenstelle zu bewerben", erzählt Albrecht.

Die Uni Cottbus hatte gerade eine für Technikgeschichte ausgeschrieben. Im Reigen der Bewerber landete Albrecht auf Platz 2 und war damit raus aus dem Rennen. An der TU Dresden konnte er sich wenig später besser platzieren. Hier schaffte er es im Auswahlverfahren für eine Industriearchäologie-Professur auf Platz 1. Doch ehe er antreten konnte, wurde die Stelle gestrichen.

Nach einem Gastsemester in Hamburg warf er seinen Hut erneut in den Ring - nunmehr erfolgreich. Die Bergakademie Freiberg hatte die Professur für Technikgeschichte und Industriearchäologie ausgeschrieben. An der ältesten montanwissenschaftlichen Hochschuleinrichtung der Welt gab es seit 1954 ein Institut für Geschichte des Bergbaus und Hüttenwesens. 1992 folgte die Umwandlung in das Institut für Wissenschafts- und Technikgeschichte. "Sein Gründungsdirektor Otfried Wagenbreth, der bis 1997 faktisch mein Vorgänger war, hat in mir die Begeisterung für das Erzgebirge geweckt", erzählt Albrecht.

"Er besaß keinen Führerschein, ist an meiner Seite mit mir durch die ganze Region gefahren. Auch von seinen rund 500 geowissenschaftlichen und montanhistorischen Publikationen habe ich profitiert. Nach seiner Emeritierung blieb er bis 2008 Lehrbeauftragter für Technikgeschichte an meinem Institut und so ein Stück weit mein Lehrmeister."

Am 1. April 1997 übernahm Albrecht die Professur, nachdem er zuvor habilitiert hatte. "Ich war beruflich da angekommen, wo es die größte Bandbreite von Industriekultur gibt. Was Sachsen aufzuweisen hat, ist einmalig in Europa", sagt der 64-Jährige. Er hat die Bergbaugeschichte dabei genau so im Blick, wie die Textilindustrie mit ihren Spinnmühlen, aber auch den traditionsreichen Maschinenbau. Seit 2001 beziehungsweise 2008 gibt es an Albrechts Institut die bundesweit einzigen Studiengänge für Industriearchäologie sowie Industriekultur - "zwei kleine, aber sehr praxisorientierte Studiengänge, deren Absolventen mitunter schon vor dem Abschluss einen Arbeitsvertrag in der Tasche haben", erzählt der Hochschullehrer stolz.

Noch bevor er mit den ersten Studenten loslegte, hatte er schon zu einem ganz anderen Großprojekt Ja gesagt. Karl Heinrich Douffet, zu DDR-Zeiten Kreisdenkmalpfleger in Freiberg und ab 1991 Referatsleiter für Museen und Denkmalpflege im sächsischen Wissenschaftsministerium, stand vor seiner Tür. Er hatte 1998 als sächsische Kandidaten auf die deutsche Vorschlagsliste für Unesco-Welterbestätten neben dem Elbtal auch das Erzgebirge gesetzt", beschreibt Albrecht die Anfänge.

"Mehr als eine Absichtsbekundung war das aber nicht. Während das Elbtal auf einem der vorderen Anwärterplätze stand, rangierte das Erzgebirge weit hinten. Mit dem hatte keiner einen Plan." Weil sich auch das Landesamt für Denkmalpflege überfordert fühlte, meldete sich Albrecht freiwillig, als im März 2000 ein Staatssekretär aus dem Wissenschaftsministerium fragte: "Was machen wir denn nun mit dem Erzgebirge?"

Albrecht schlug eine Studie vor, die untersuchen sollte, ob das Erzgebirge als Montanregion überhaupt die Kriterien für eine Anerkennung als Welterbe erfüllte und wenn ja, wie sich das Projekt umsetzen ließe. 2001 legte er dem Ministerium auf 250 Seiten dar, welches Potenzial die Region hat und wie sich das Vorhaben angehen ließe. "Die Studie verschwand jedoch in einer Schublade, und wir hörten lange nichts mehr." Inzwischen gab es aber mit Volker Uhlig einen neuen Landrat in Freiberg. "Der fuhr mit mir nach Dresden. Dort sagte man uns, wir sollten erst einmal nachweisen, dass das Erzgebirge überhaupt Welterbe sein will." Eine Handvoll Enthusiasten und Bürgermeister gründete daraufhin 2003 einen Förderverein, der die Werbetrommel rührte.

Volker Uhlig, auch als Ruheständler noch Vorsitzender des Fördervereins und des später gegründeten Welterbevereins, weiß, "dass wir viele auch gegen uns hatten" und dass er selbst mit Albrecht manchmal "aneinander gerasselt" sei. Der sei stets mit der Sicht des Wissenschaftlers an die Dinge gegangen. Aber als Kommunalpolitiker muss man manchmal in andere Richtungen denken." Was ihn bis heute an dem Professor fasziniere sei, "wie er für das Erzgebirge brennt, mitunter mehr als die eingefleischten Erzgebirger selbst. Und: Er hat nie den Besser-Wessi rausgekehrt." Uhlig nennt das seit 19 Jahren laufende Projekt "Albrechts Lebenswerk".

Mit einem kleinen Team von Mitarbeitern erstellte der dann bis 2007 eine Realisierungsstudie. Aus 20.000 Denkmälern, wurden 500 ausgewählt, die das Erzgebirge und seine Geschichte als Montanregion repräsentieren sollten. Parallel erfolgten erste Untersuchungen zu touristischen und ökonomischen Auswirkungen. Gefördert durch einen Unternehmer, der bis dahin nichts mit Bergbau am Hut hatte: Frank-Michael Engel. Der übernahm in den 1990er-Jahren große Betriebsteile des Kombinates Robotron von der Treuhand. Als er dazu gerade wieder einmal in Oelsnitz im Erzgebirge war, traf er auf Albrecht. "Mich hat fasziniert, mit welcher Zielstrebigkeit und Leidenschaft er das Projekt anging. Aber ich sah auch, dass er dringend Unterstützung aus der Wirtschaft brauchte", erzählt Frank-Michael Engel. Aus einer 2006 zusammen mit seiner Frau gegründeten Stiftung fließen jedes Jahr 30.000 Euro für das Welterbeprojekt. "Ohne diese Förderung wäre es unmöglich gewesen, das Vorhaben so lange voranzutreiben", sagt Albrecht. "Zumal auch noch viele Jahre ins Land gingen, bis sich der Freistaat endlich dazu bekannte." Albrecht erinnert sich an einen Satz, den Engel damals zu seiner Frau sagte: "Marianne, das wird teuer."

Für Albrecht begann ein Endlosmarathon: Für jede Kommune musste eine Umsetzungsstudie erarbeitet werden. In Summe 28 mit jeweils zwischen 30 und 300 Seiten. In jedem Ort stellte Albrecht diese selbst vor, stand Befürwortern und Zweiflern Rede und Antwort. "Es ging dort teilweise hart zur Sache. Die einen hielten mir vor, ich wolle der Region eine Käseglocke überstülpen. Andere fürchteten eine Musealisierung des Erzgebirges. Wieder andere sprachen von einem Leichentuch der Denkmalpflege, das wir ausbreiten würden." Insbesondere die damals an der Regierung beteiligte FDP fühlte sich nach der Aberkennung des Welterbetitels für das Dresdner Elbtal in ihrer Auffassung bestärkt, dass Denkmalpflege und Wirtschaftsförderung nicht vereinbar seien. "Ich war aber schon immer der Meinung, dass man beide zusammenbringen kann", sagt Albrecht. Heftige Wortgefechte lieferte er sich auch mit Steffen Flath (CDU), damals Kultusminister und konsequenter Gegner des Projekts. Erst 2012 sprach sich mit Innenminister Markus Ulbig (CDU) ein sächsischer Staatsminister offen für den Antrag aus und ermutigte so die Akteure.

Dass sich sogar seine neue Heimatstadt Freiberg zeitweise gegen ihn stellte, will Albrecht heute nicht mehr vertiefen. "Nirgends gab es so einen heftigen Gegenwind wie hier. Viele befürchteten, dass es mit dem Unesco-Titel noch mehr Denkmalauflagen für jedes Haus geben würde. Erst durch die Beispiele Bamberg und Stralsund ist es uns gelungen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Das hat schon ganz schön genervt."

Wesentlich unkomplizierter gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Tschechien, wo die Regierung und die betreffenden Kommunen 2012 beschlossen, sich zu beteiligen. Im gleichen Jahr gründete sich schließlich im sächsischen Erzgebirge der Trägerverein Montanregion, dem heute 32 Kommunen und drei Landkreise angehören.

Kein Projekt habe die Erzgebirgsorte so zusammengeschweißt, wie das Welterbevorhaben, sagt der langjährige Stadtchef von Marienberg, Thomas Wittig. "Ich habe Hochachtung, mit welcher Beharrlichkeit und Konsequenz der Professor das Vorhaben vorangetrieben hat und vor allem mit welcher fachlichen Kompetenz. Er war der richtige Mann am richtigen Platz. Ohne ihn hätten wir das nie gestemmt." Gleich gar nicht, als der erste Antrag scheiterte und in der Folge Orte gestrichen wurden, die Albrecht zuvor teils mühsam überzeugt hatte.

Nun musste er erneut Überzeugungsarbeit leisten. Denn die Unesco-Berater hatten klare Ansagen gemacht: Die Region sollte sich nur auf den Erzbergbau konzentrieren. Aus ursprünglich 85 Bestandteilen des ersten Antrags wurden im überarbeiteten 22. "Wir haben aus vielen Einzelobjekten größere thematische Einheiten gemacht, sie verbunden", sagt der Koordinator.

Im vergangenen November musste Albrecht zum zweiten Mal in Paris zum Antrag Rede und Antwort stehen. Diesmal gab es nur noch zwei Nachfragen. Eine betraf das geplante Lithium-Bergwerk in Altenberg, dessen Stollenmundloch nach derzeitigen Planungen möglicherweise im Kerngebiet der dortigen Welterbestätte liegen könnte. Für Albrecht und Vereinschef Uhlig ein lösbares Problem. Im schlimmsten Fall rechnen sie mit einer nochmaligen Zurückstellung des Antrags um ein Jahr. "Aber warten wir es ab. Ich bin von Haus aus Optimist. Für mich ist ein Glas immer halb voll", sagt der Historiker.

Gemeinsam mit seiner engsten Mitstreiterin Friederike Hansel erwartet er im Mai einen Brief, welche Empfehlung Icomos dem Welterbekomitee in Bezug auf den Antrag geben wird. "Aber auch damit ist noch nicht gesagt, wie das Komitee im Juli in Baku entscheiden wird. Es hat sich in der Vergangenheit auch schon gegen die Empfehlung seiner Berater ausgesprochen."

Natürlich würde er sich auch für sich selbst über den Welterbe-Titel freuen. Weil Freiberg die Stadt ist, in der er inzwischen ein Drittel seines Lebens und die Hälfte seiner Wissenschaftskarriere verbracht hat. Weil er hier ein uraltes Haus gekauft und vor dem Verfall gerettet hat - mit besagtem Blick auf die Altstadt. Weil er und seine Frau, sich hier wohl fühlen, obwohl das einige Bekannte im Westen noch immer nicht glauben können.

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