Lehrerverband sammelt Stimmen für Erhalt der Kopfnoten

Mit einer Online-Petition wollen die Pädagogen der Landespolitik ein Signal senden. Dabei kommt es zunächst auf die Justiz an.

Dresden.

Parallel zu einem noch laufenden Rechtsstreit hat der Sächsische Lehrerverband (SLV) eine Online-Petition für die Beibehaltung von Kopfnoten gestartet. Diese soll es auch in Zukunft in Klasse 2 bis Klasse 10 für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung geben. "Kopfnoten haben in unseren Schulen eine jahrzehntelange Tradition. Schüler und Eltern wissen sofort, woran sie sind", erklärte Verbandschef Jens Weichelt am Mittwoch. "Vorbildliches Verhalten wird gewürdigt und Defizite werden aufgezeigt, das ist Anerkennung und Ansporn zugleich." Weichelt zufolge erteilen Sachsens Lehrer die Kopfnoten zwischen 1 (sehr gut) und 5 (mangelhaft) "nach feststehenden Kriterien und sehr verantwortungsbewusst".

Das Verwaltungsgericht Dresden hatte in einem Anfang Oktober bekannt gewordenen Urteil Kopfnoten in den Zeugnissen, mit denen sich Schüler auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz begeben, als erheblichen Grundrechtseingriff gewertet. Ein solcher ließe sich nur durch eine Landtagsentscheidung legitimieren, die es in Sachsen bisher aber noch nicht gegeben habe. Die Bestimmungen in den Schulordnungen reichten allein nicht aus.

Die Richter entschieden im Fall eines Ex-Oberschülers, der sich durch seine Kopfnoten - darunter eine 4 in Betragen im Halbjahreszeugnis von Klasse 10 - bei der Ausbildungsplatzsuche benachteiligt fühlte. Daraufhin hatte er vergeblich die Ausstellung seines Zeugnisses ohne Kopfnoten beantragt.

"Kopfnoten in Zeugnissen, die über den Schulbereich hinausreichen", stellen nach Ansicht der Richter einen Eingriff in die Freiheit der Wahl der Ausbildungsstätte sowie in das allgemeine Persönlichkeitsrecht dar. Zudem verwiesen sie auf die Ergebnisse einer selbst angestrengten Umfrage unter Arbeitgebern, wonach "Kopfnoten bei zukünftigen Ausbildern und Arbeitgebern eher eine größere als eine geringere Rolle zu spielen" scheinen.

Weil das Landesamt für Schule und Bildung Berufung einlegte, ist das Urteil des Verwaltungsgerichts nicht rechtskräftig. Deshalb war nach Angaben des Kultusministeriums bisher auch keine Änderung der Verwaltungspraxis zur Erteilung von Kopfnoten notwendig. Entscheidend wird sein, zu welchem Urteil das Sächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) in Bautzen kommt. Im Eilverfahren hatte es sich 2018 bereits über das Verwaltungsgericht hinweggesetzt und die Vergabe von Kopfnoten für rechtmäßig erklärt. Sollte es nun aber ebenfalls eine Landtagsentscheidung für nötig halten, um auch in den Zeugnissen der 9. und 10. Klasse weiter wie bisher Kopfnoten zu vergeben, könnte es in Sachsen tatsächlich zu einer Reform kommen.

Im Landtag steht neben der CDU nur noch die AfD uneingeschränkt zu Kopfnoten. Abgelehnt werden diese hingegen von den Linken und beiden potenziellen CDU-Regierungspartnern - als "Relikt vergangener Tage" (Grüne) sowie als "vier circa 100 Jahre alte Kategorien" (SPD). Für die Abschaffung der Kopfnoten tritt auch der Landesschülerrat ein. Durch ihre Vergabe entstünde "ein falsches Bild des individuellen Sozialverhaltens" von Schülern, sagte die kommissarische Landesschülersprecherin Joanna Kesicka. Die Bewertungen der Kopfnoten seien eben oft "nicht nachvollziehbar". Die Kriterien seien "zu unkonkret und intransparent".

8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    3
    Interessierte
    13.11.2019

    Was man alles so machen muß heutzutage ...
    Unterschriften , Petitionen , Demos , Hungerstreiks ....

  • 2
    0
    BlackDevil
    13.11.2019

    Als Unternehmer und Ausbildungsbetrieb lehne ich generell Zeugnisse ohne Kopfnoten ab, denn ich kann mir dann kein Bild von dem neuen Azubi machen.
    Es ist sehr schade das es überhabt so eine Diskussion über den Erhalt der Kopfnoten gibt. Der Schüler wurde vielleicht ja wegen seinen schlechten Kopfnoten nicht angenommen oder zugelassen.

  • 5
    1
    tbaukhage
    07.11.2019

    @franz: "Um gesetzliche Grundlagen geht es definitiv nicht." Genau das sehen die Gerichte anders!
    Du, ich und jeder andere kann zu den Kopfnoten gern seine eigene Meinung haben (und sie gegebenenfalls auch äußern), die Politik muss sich aber nunmal nach dem geltenden Recht richten.

  • 4
    3
    HHCL
    07.11.2019

    "Ob Sie das wollen oder nicht."

    Ich finde es schon unglaublich frech, dass Sie tbaukhage Diskussionsverhinderung unterstellen wollen, nur weil er - zu Recht - darauf hinweist, dass das Gericht die Kopfnoten gar nicht abgelehnt, sondern die schlampige Umsetzung bemängelt hat.

    Wenn die Mehrheit tatsächlich Kopfnoten als solche ablehnt, hätte man das Urteil gar nicht gebraucht, sondern gleich diskutieren können.

  • 4
    1
    tbaukhage
    06.11.2019

    Wie Sie sicherlich in meinen anderen Kommentaren zu diesem Thema gelesen haben, erwarte ich nicht nur, sondern fordere ich, dass Kultus sich den demokratischen Prozessen der parlamentarischen Gesetzgebung unterzieht!
    Viel zu lange schon - seit 30 Jahren - "regiert" Kultus nur durch Verwaltungsvorschriften und Ermächtigungen!

  • 2
    5
    franzudo2013
    06.11.2019

    Man kann Probleme konstruieren und dekonstruieren. Man kann sagen, dass das Problem gar nicht das Problem ist.
    Merken Sie eigentlich gar nichts ?
    Es geht um Pädagogik und klare Ansagen. Die kann jeder Schüler dahin hängen, wo sie für ihn hingehören.
    Um gesetzliche Grundlagen geht es definitiv nicht. Das ist das Handwerk der Politiker. Wenn die das nicht können, waren sie auf der falschen Schule.

  • 4
    10
    cn3boj00
    06.11.2019

    Liebe tbaukhage, richtig, das Problem ist die vermeintlich fehlende Legitimation durch den Gesetzgeber. Aber wenn der Herr Kultus einen Gesetzesvorschlag erarbeitet ist es eben nicht damit getan, den einfach "durch das Parlament beschließen zu lassen". Das Parlament ist zwar sehr oft zur Durchwinkstation verkommen, aber wie Sie lesen können, steht eben nicht unbedingt eine Mehrheit dahinter. Deshalb wird eine Diskussion über den Sinn von Kopfnoten stattfinden, und das ist gut so. Ob Sie das wollen oder nicht. Das würde der Demokratie gut tun.

  • 8
    8
    tbaukhage
    06.11.2019

    Offensichtlich gehört auch der Herr Weichelt zusammen mit seinem Lehrerverband zu denen, die das Gerichtsurteil gar nicht verstanden haben. Nicht die Kopfnoten/Beurteilungen sind das Problem, sondern deren fehlende gesetzliche Basis.
    Statt Unterschriften zu sammeln, sollte der Herr lieber seine Freunde im Kultusministerium drängen, ein entsprechendes Gesetz zu erarbeiten, durch das Parlament beschließen zu lassen und damit die vom Gericht gerügte Verordnungs-Praxis abzulösen!



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