Pödelwitz lebt immer noch

27 Menschen wohnen noch in dem Dorf bei Leipzig, das der Braunkohle weichen soll. Sie sind entschlossen zu bleiben. Jetzt bekommen sie willkommenen Besuch.

Pödelwitz.

Die Bundesstraße wurde nach Süden verlegt, der Tagebau ist weiter herangerückt an den Ort. Im Osten haben Bagger den Mutterboden abgetragen, riesige Förderbänder wurden aufgebaut. Der Tagebau "Vereinigtes Schleenhain" bekommt ein zweites Abbaufeld. 2018, so hatte die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) vor fünf Jahren angekündigt, solle die Umsiedlung der Bevölkerung von Pödelwitz abgeschlossen sein. Doch noch immer harren 27 Bewohner in ihrem Dorf aus. Fast alle sind fest entschlossen zu bleiben.

Pödelwitz ist ein fast quadratischer Flecken etwa 30 Kilometer südlich von Leipzig, 750 Jahre alt mit einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert, in der noch Gottesdienste gefeiert werden, alten Vierseithöfen und neueren Eigenheimen zwischen hohen Bäumen. Die meisten Häuser sind inzwischen unbewohnt, die freiwillige Feuerwehr musste mangels Personal aufgelöst werden. Rund 100 von 130 Bewohnern haben seit 2013 ihre Heimat verlassen, die Hälfte von ihnen ist in eine für sie errichtete Eigenheimsiedlung nach Groitzsch gezogen. Doch Jens Hausner achtet genau darauf, dass die Mibrag, der die Grundstücke in Pödelwitz nun gehören, ihren Eigentümerpflichten nachkommt. Wenn Hecken nicht geschnitten oder Gehwege verschmutzt sind, steht er im Rathaus von Groitzsch auf der Matte. "Die Mibrag schickt dann eine Firma vorbei", sagt Hausner. Er findet: "Pödelwitz sieht wieder richtig schön aus."

Jens Hausner, 52, führt die Bürgerinitiative "Pro Pödelwitz" an, die sich seit Jahren gegen den Verlust ihres Heimatortes stemmt. Es gab Zeiten, da schienen sie vergessen, doch jetzt ist der Ort wieder in den Schlagzeilen. Am Samstag demonstrierten in Leipzig etwa 300 Menschen gegen den Braunkohleabbau. Und in Pödelwitz begann ein Klimacamp. Nach Angaben der Veranstalter waren am Sonntag etwa 400 Leute in einem Zeltlager auf den Wiesen zwischen Dorf und Tagebau, am Nachmittag wurde ein Dorffest am Bürgerhaus gefeiert. Für 2. bis 5. August haben Aktivisten Blockaden am Tagebau angekündigt.

Unter Pödelwitz lagern etwa 23 Millionen Tonnen Braunkohle. Dieser Vorrat sichere die Versorgung des nahe gelegenen Kraftwerks Lippendorf für mehr als zwei Jahre, erklärt die Mibrag. "Die hohe Auslastung des Kraftwerks Lippendorf in der Vergangenheit hat zu einem Mehrbedarf an Kohle geführt", sagt Sprecherin Sylvia Werner.

Jens Hausner entgegnet: "Die Mibrag fängt an zu lügen." Lange Zeit hieß es, mit dem aktuell gültigen Braunkohleplan wäre Lippendorf bis 2040 mit Kohle versorgt - ohne die Flöze unter Pödelwitz. Dass 2040 noch Kohle verheizt wird, sei untragbar: "Deutschland redet über den Kohleausstieg und in Sachsen planen Mibrag und Landesregierung eine Tagebau-Erweiterung."

Die Mibrag will die Kohle unter Pödelwitz voraussichtlich ab 2028 fördern. Derzeit arbeite man an der Fortschreibung des bestehenden Rahmenbetriebsplans für den Tagebau "Vereinigtes Schleenhain", die Umweltverträglichkeitsprüfung laufe, erklärt Sprecherin Werner. Der Plan sieht zugleich vor, für ein drittes Abbaufeld ein weiteres Dorf wegzubaggern: Auch der Groitzscher Ortsteil Obertitz soll noch der Kohle weichen. Das, so berichtet Jens Hausner, stößt inzwischen auf Widerstand in der Stadt Groitzsch.

Im Fall Pödelwitz hatte die Stadtverwaltung einst mit der Mibrag einen Umsiedlungsvertrag unterschrieben, nachdem sich 90 Prozent der Pödelwitzer für die Umsiedlung ausgesprochen hatten. Daher konnten die wenigen, die bleiben wollen, nicht auf Unterstützung aus dem Rathaus zählen. Doch mit dem umstrittenen dritten Abbaufeld, so hofft die Bürgerinitiative "Pro Pödelwitz", rücke man wieder enger zusammen. Hausner kündigt an: "Wir werden juristischen gegen den neuen Rahmenbetriebsplan vorgehen."

Wie fühlen sich die letzten Pödelwitzer heute in ihrem Heimatort? Lärmschutzmaßnahmen östlich des Ortes seien nicht umgesetzt worden, berichtet Jens Hausner. Vom Staub aus dem Abbaufeld bekomme man auf der windabgewandten Seite jedoch wenig ab. Und die wenigen verbliebenen Bewohner führten heute ein besseres Dorfleben als früher. "Vorher waren wir eine gespaltene Dorfgemeinschaft", sagt Hausner. "Diejenigen, die gehen wollten, hatten Angst, dass wir ihnen die Umsiedlung vermasseln. Jetzt ziehen alle an einem Strang."

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