Polizisten-Witwe warnt: Beamte reiben sich im Dienst auf

Susanne Georgi erinnert den Freistaat an Pflichten gegenüber Polizisten, die im Einsatz besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt sind. Dieses Jahr soll eine Mitarbeiterbefragung bei der Polizei Stimmungen ausloten.

Zwönitz/Dresden.

Es war tief sitzende Sorge, die die Zwönitzerin Susanne Georgi im Vorjahr veranlasste, einen Brief an Ministerpräsidenten Michael Kretschmer zu schreiben. "Mir geht es um die Gesundheit, speziell die Gesundheit unserer Polizisten", schrieb die fünffache Mutter, von deren Kindern ein Sohn, dem Vorbild des Vaters folgend, in den Polizeidienst eintrat.

"Die Polizei hat ein Personalproblem, das wissen wir alle. Dabei geht es aber nicht nur um die fehlenden Beamten, sondern auch um den Krankenstand", schrieb die 49-jährige Gesundheitsberaterin, die sich in den letzten Jahren zur Gesundheitsmanagerin weiterqualifiziert hatte. Sie verwies auf seit Ende 2013 gesetzlich geforderte Maßnahmen des beruflichen Gesundheitsmanagements, zweifelte aber daran, dass diese "für alle gleich geeignet" seien, sei es "aus den Umständen heraus oder aus persönlicher Verweigerung". Irgendwann sei es für manchen Polizisten zu spät. "Ich erlaube mir, das so zu behaupten, da ich es leider erleben musste. Mein Mann war Revierpolizist in Chemnitz und ist vor fünf Jahren gestorben. Eine Mitursache war seine Arbeit, die er sehr geliebt und für die er sich aufgeopfert hat", schrieb Susanne Georgi.

Inzwischen ist es fast sechs Jahre her, doch die Situation, als sie mit ihrem Sohn vergeblich versuchte, ihren Mann nach plötzlichem Herzstillstand zu reanimieren, hat die Witwe eingebrannt vor Augen - aber auch die Jahre davor.

22 Jahre sei ihr Mann Polizist gewesen, kannte all die brenzligen Situationen, denen Polizisten im Streifendienst ausgesetzt sind. Mehrfach habe er gesagt: "Ich hab gerade noch so in den Graben springen können." Psychisch belastende Einsätze provozierten Ernüchterung. "Früher hieß es Freund und Helfer, aber jetzt sehe ich jeden Tag wieder das Schlechte", wurde für Susanne Georgi ein oft gehörter Satz. Zum Schluss habe ihr Mann nicht mehr auf seine Gesundheit geachtet - auch nicht auf die Zeichen seines Körpers. Kein Einzelfall, wie Susanne Georgi aus ihrer Arbeit als Gesundheitsmanagerin weiß. "Ich bin öfter bei der Polizei tätig", erklärt sie. "Erst vor kurzem ist wieder ein Kollege mit 52 an einem Herzinfarkt gestorben."

Ein Problem hat Susanne Georgi darin ausgemacht, dass die Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes, die seit Ende 2013 auch eine regelmäßige Beurteilung psychischer Gefährdungen fordern, zu schwammig formuliert seien. Wie oft ein Mitarbeiter ein Formular zur psychischen Gefährdungsbeurteilung ausfüllen soll, bleibe unklar. "Eine Behörde müsste doch genauso rechnen wie ein Unternehmer. Was kostet ein kranker Mitarbeiter?", findet sie.

So resigniert ihr Mann auf seine Frau gewirkt haben mochte, auf seine Kinder scheint der für seine Berufswahl entscheidende ursprüngliche Idealismus trotz allem Wirkung hinterlassen zu haben. Susanne Georgis 23-jähriger Sohn hat im Vorjahr bei der Bereitschaftspolizei angefangen. "Ich will nicht, dass auch er mal verheizt wird", sorgt sich die Mutter. Aus diesem Grund wandte sie sich mit ihrer Forderung nach nachhaltigem Gesundheitsmanagement an Kretschmer.

Eine standardisierte Form der Abfrage für die per Gesetz geforderte psychische Gefährdungsbeurteilung gebe es für die sächsische Polizei in der Tat nicht, räumt Jan Meinel, Sprecher des Innenministeriums, auf Anfrage der "Freien Presse" ein. Derzeit sei man dabei, das Gesundheitsmanagement bei der Polizei auszubauen. Eine Mitarbeiterbefragung soll in diesem Jahr zunächst Anhaltspunkte für Belastungen im Dienst liefern.

Die erhöhte Verletzungs- und Unfallgefahr im Polizeidienst sei nicht von der Hand zu weisen, ebenso wenig psychisch belastende Situationen wie die Konfrontation mit Toten bei Unfällen oder Verbrechen, sagt Meinel. Vorsorgeuntersuchungen sollen psychische Auswirkungen und Berufskrankheiten früher erkennen lassen. In den Dienststellen umfasse die Analyse Arbeitsplatz, Arbeitsorganisation, Umgebung sowie Führung und Zusammenarbeit. Zur Unterstützung des Polizeiärztlichen Dienstes seien 2018 zwei Psychologen eingestellt worden, ein weiterer solle im ersten Quartal dieses Jahres folgen. In Härtefällen gebe es spezielle Teams zur Nachsorge von Einsätzen.

Besonders wichtig sei aber, die Kollegen zu erreichen, die von selbst nicht bereit seien, Hilfe anzunehmen, glaubt Susanne Georgi. Bei Veranstaltungen, die sie als Gesundheitsmanagerin auf Revieren gehalten habe, gewann sie den Eindruck, dass ein großer Teil der Anwesenden noch nie eine psychische Gefährdungsanalyse ausgefüllt habe.

Eine standardisierte Form der Abfrage hält Cathleen Martin gar nicht für sinnvoll. Sie ist Vorsitzende der sächsischen Polizeigewerkschaft. "Ich würde das den Kollegen überlassen wollen, vor allem, weil es dabei darum geht, sich zu offenbaren", sagt sie. Die Gewerkschafterin deutet die Angst von Kollegen an, dass vermeintlich ureigene Probleme plötzlich dienstrechtliche werden.

Die für dieses Jahr avisierte Mitarbeiterbefragung sei ein richtiger Schritt, bei dem man -obwohl die Umfrage anonym erfolge - immerhin herausfinden könne, ob etwa ein Beamter im Revier Zwickau glücklicher ist als einer in Dresden.

Die Psyche sei oft ein Problem, weiß Martin. Für die Mordkommission und Ermittler im Bereich Sexualstraftaten gebe es jährlich Entlastungstrainings. "Man muss aber bereit sein, Hilfe anzunehmen", sagt die Gewerkschaftsvorsitzende, die früher selbst bei der Mordkommission war. "So dringend es vielleicht nötig wäre - ich kann keinen Polizisten zum Arzt prügeln." Wenn jemand Hilfe nicht annehmen wolle, habe man als Dienstherr wenig Chancen. "Wir müssen Vertrauen in psychologische Betreuung erst aufbauen", sagt sie und nennt ein Beispiel: "Wenn in eines der Landreviere zum ersten Mal ein Seelsorger kommt, wird kaum einer das annehmen, aber wenn der regelmäßig da ist, wird es normal. Dann schon."

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