Spaltet der Titel das Erzgebirge?

Mitinitiator des Welterbe-Projektes Professor Helmuth Albrecht warnt vor überhastet getroffenen Entscheidungen

Freiberg.

Nach 19 Jahren gemeinsamer Anstrengungen von 32 Kommunen und drei Landkreisen um die Anerkennung des Erzgebirges als Welterbe der Unesco scheint seit der Titelverleihung im Juli die Einigkeit der Akteure arg zu bröckeln. Mit Professor Helmuth Albrecht, der das Projekt von Anbeginn leitete und maßgeblich zum Erfolg führte, sprach Gabi Thieme.

Freie Presse: Der derzeit in Freiberg laufende Streit um ein geeignetes Objekt für ein Welterbe-Infozentrum wirkt auf Außenstehende, als sei von dem einstigen Zusammenhalt der Akteure im Kampf um den Titel nicht viel übriggeblieben.

Helmuth Albrecht: Der Streit befremdet mich sehr. Neben dem universellen Wert des sächsisch-böhmischen Erzgebirges basiert die Unesco-Anerkennung vor allem auf der Tatsache, dass sich drei Landkreise und 32 Kommunen sowie zahlreiche Vereine, Eigentümer und Bürger zusammengeschlossen haben, um ein großes Ziel gemeinsam zu erreichen. Immer ging es dabei auch um Transparenz und Partizipation. Es wäre bedauerlich, wenn das jetzt verlorenginge.

Aber ist es nicht verständlich, dass nun ganz praktische Fragen diskutiert werden: Wo sollen die Informationszentren hin, wie viele soll es überhaupt geben, wie müssen sie baulich und inhaltlich aussehen, wer finanziert sie?

Natürlich sind dies alles wichtige Fragen. Aber das rechtfertigt doch nicht die geradezu hektische Eile, mit der manche jetzt Fakten schaffen wollen, bevor überhaupt ein inhaltlich tragfähiges und regional ausgewogenes Konzept vorliegt. Dazu gibt es eine Machbarkeitsstudie von 2017. Sie basiert allerdings auf dem damals noch abgelehnten Antrag. Die Fortschreibung sowie die Ausarbeitung eines umfassenden Konzeptes muss Aufgabe eines professionellen Managements für das neue Welterbe sein. Die Stellen dafür sind zwar ausgeschrieben, können aber voraussichtlich nicht - wie ursprünglich vorgesehen - bis Anfang 2020 besetzt werden.

Warum nicht?

Die Qualifikationsanforderungen sind hoch. Hierfür braucht man kompetente Personen, die sich vor allem mit dem Welterbe, aber auch mit der Region und dem Bergbau auskennen müssen.

Was sind denn die Aufgaben dieses Managements?

Unter der Aufsicht und Kontrolle des Welterbeträgervereins der Landkreise und Kommunen geht es um die Erarbeitung von Konzepten für zentrale Aufgaben, welche die Region mit dem Welterbe-Titel übernommen hat: Erhalt und Bewahrung des neuen Welterbes, Vermittlung des Welterbe-Gedankens beispielsweise durch Infozentren, Koordinierung der Zusammenarbeit der Welterbe-Träger, also der Kommunen und Landkreise, aber auch der haupt- und ehrenamtlichen Vereine und der Eigentümer als Betreiber oder Besitzer der Welterbe-Objekte. Teil dieses Managementplanes ist auch eine nachhaltige Tourismusstrategie, die aber auf der Grundlage der bisherigen Vorarbeiten erst noch im Detail ausgearbeitet werden muss. Das alles dauert seine Zeit.

Man kann aber doch verstehen, dass die Welterbe-Kommunen, allen voran die Bergstädte Freiberg, Annaberg-Buchholz, Schneeberg und Marienberg, möglichst schnell vom Welterbe-Tourismus profitieren und rasch Informationsmöglichkeiten bieten wollen.

Erste Schritte sind ja getan. Das Welterbe-Büro bei der Wirtschaftsförderung Erzgebirge hat mit dem Tourismusverband Erzgebirge erste Broschüren, eine Website sowie eine App erstellt. Geplant sind noch ein Info-Flyer sowie eine einheitliche Beschilderung. Letzteres lässt sich nicht so schnell realisieren, weil Vorschriften zu beachten sind und alles mit den tschechischen Partnern zu koordinieren ist. Wir wollen die Besucher des Erzgebirges doch nicht in ein Informationschaos stürzen. Ein ganzheitliches Marketingkonzept, das zugleich lokale Belange berücksichtigt, lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren. Es lässt sich auch nicht von oben verordnen, sondern nur im Konsens erarbeiten.

Wenn es noch nicht mal ein Detailkonzept für die Besucherzentren gibt und immer mehr Orte ein solches haben wollen, warum macht dann Freiberg solchen Druck?

Das liegt unter anderem am engen, vom bisherigen Management vorgegebenen Zeitplan, der mir zu kurz gegriffen ist. Vor allem glaube ich, dass den Kommunen noch nicht genügend klar ist, welche Aufgaben die Zentren eigentlich haben.

Welche sind das denn?

Solche Zentren müssen neben der touristischen Information auch den Welterbe-Gedanken vermitteln. Sie müssen - das ist der Auftrag der Unesco - ihren Besuchern die Idee des Welterbes sowie seinen anerkannten außergewöhnlich universellen Wert anschaulich nahebringen. Schon in der Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2017 ist klargestellt, dass sie darüber hinaus auch anschaulich die neue Welterbe-Kulturlandschaft Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří insgesamt vorstellen sowie in die Besonderheiten der jeweiligen Welterbe-Bestandteile ihrer Region einführen sollen. Das heißt für Freiberg, die Bergbaulandschaft Freiberg von Brand-Erbisdorf im Süden bis nach Gersdorf im Norden mit ihren Welterbe-Objekten zu präsentieren und zu erläutern. Und all das muss nach einem einheitlichen Gestaltungskonzept für alle geplanten Welterbezentren geschehen.

Ist denn klar, wie das praktisch gehen soll?

Grundsätzlich ja, aber im Detail nicht. Die Machbarkeitsstudie von 2017 enthält lediglich grundsätzliche Vorschläge für eine zentrale Lage der Zentren in der jeweiligen Kommune, für die Gliederung und das Design sowie eine erste Abschätzung des jeweiligen Flächenbedarfs von etwa 250 Quadratmetern und Kosten von etwa 580.000 Euro. Wie und wo das vor Ort umzusetzen ist, bleibt den Kommunen überlassen. Inhaltliche Details fehlen bislang.

Auf sächsischer Seite sind Welterbe-Besucherzentren in den vier großen Bergstädten vorgesehen. Was ist mit den anderen Kommunen?

Hier liegt ein weiteres Problem. Altenberg-Zinnwald, Schwarzenberg, Ehrenfriedersdorf und Aue-Bad Schlema planen wohl ebenfalls ähnliches. Wie die vier großen Bergstädte stehen auch sie für wichtige Welterbe-Bestandteile, wie Zinn-, Eisen- oder Uranbergbau. Für diese Standorte oder auch für kleinere Kommunen plant man wohl sogenannte Info-Points. Aber auch dafür gibt es offensichtlich noch kein einheitliches Konzept.

Aber macht es überhaupt Sinn, alle paar Kilometer ein Besucherzentrum zu haben?

Natürlich nicht. Aus meiner Sicht müssten regional sinnvoll verteilte Einrichtungen geschaffen werden, die das gesamte Spektrum der im Welterbe-Antrag herausgehobenen Bergbaulandschaften für Silber, Zinn, Kobalt, Eisen und Uran samt ihren regionalen Besonderheiten abbilden. Auch deshalb gilt: Eile mit Weile. Wir haben 19 Jahre für die Realisierung des Welterbes gebraucht. Ich verstehe nicht, warum jetzt alles so überhastet gehen muss. Wir brauchen vielmehr einen Konsens aller Beteiligten.

Das Welterbe-Infocenter mit einer Tourist-Information zu verbinden, wie es Freiberg plant, verspricht doch aber auch Synergieeffekte.

Durchaus. Aber man kann den Touristikern die Vermittlung des Welterbe-Gedankens nicht allein überlassen. Nur touristische Kenntnisse reichen nicht aus. Es wird in jedem Fall zusätzliches Fachpersonal notwendig. Neben dem inhaltlichen Konzept spielt natürlich auch der zur Verfügung stehende Raum eine Rolle. Dazu ist es nicht unbedingt erforderlich, Tourist-Informationen und Welterbezentren zusammenzulegen. Das hat Regensburg bewiesen.


Helmuth Albrecht 

Der Wissenschaftler ist Inhaber des Lehrstuhls für Technikgeschichte und Industriearchäologie an der TU Bergakademie Freiberg sowie Direktor des gleichnamigen Instituts. Seit 2000 leitet er die Welterbe-Projektgruppe, die den Welterbeantrag vorbereitet und ausgearbeitet hat. Zum Jahresende endet diese Nebentätigkeit. Der 64-Jährige ist weiterhin stellvertretender Vorsitzender des Welterbe-Fördervereins. (gt)

2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    3
    Distelblüte
    04.11.2019

    Und schon geht es los. Scheinbar ist man mancherorts mehr Erzgebirge als an anderen. Das kann ja noch heiter werden.

  • 4
    7
    franzudo2013
    04.11.2019

    Es ist ein Witz, das Freiberg davon ausgeht, dass das Besucherzentrum der Montanregion in Freiberg sein soll. Es gehört definitiv nach Annaberg.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...