Studie: Sachsens Bildungssystem auf Spitzenplatz - mit Mängeln

Im neuen Ranking des Instituts für Wirtschaft liegt der Freistaat im Bundesvergleich der Schulsysteme erneut ganz vorn. Das Papier legt aber auch gravierende Defizite offen.

Chemnitz.

Die sächsische Wirtschaft sucht händeringend Fachkräfte. Seit Jahren kann sie nicht alle Ausbildungsplätze besetzen - weil es zu wenige Bewerber gibt, weil die Kandidaten zu oft nicht einmal einfachste Rechenaufgaben lösen können oder es an der Rechtschreibung hapert. Das Institut der deutschen Wirtschaft gibt dem Bildungssystem im Freistaat allerdings sehr gute Noten, im Bildungsmonitor 2018 sogar leicht bessere als noch vor fünf Jahren. Damit landet Sachsen im Bundesvergleich zum 13. Mal in Folge auf Platz 1 - trotz des akuten Lehrermangels, trotz der mehr als 200 unbesetzten Stellen zum Schulanfang und trotz des Unterrichtsausfalls, der zugenommen hat.

Für ihr Ranking haben die Forscher der Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft insgesamt 93 Indikatoren in zwölf Handlungsfeldern bewertet, die sie gleichgewichtet haben. Die Angaben von verschiedenen statistischen Einrichtungen wie beispielsweise den Statistischen Landesämtern sind dabei in Punkte umgerechnet worden.

Demnach kann Sachsen vor allem mit hohen Ganztagsbetreuungsquoten in den Kitas und Grundschulen sowie mit dem Ausbildungsniveau des Kita-Personals punkten. Der Anteil der Viertklässler, die nur schlecht lesen oder rechnen können, ist nach den Ergebnissen der jüngsten Schulleistungstests zudem bundesweit am geringsten. Dasselbe gilt für die Lesekompetenz der Neuntklässler. Auch naturwissenschaftlich sind demnach Sachsens Schüler vergleichsweise überdurchschnittlich gut gebildet. Zugleich kritisiert die Studie aber, dass rund jeder Zwölfte im Freistaat die Schule abbricht. Im Bundesdurchschnitt ist es nur etwa jeder 18. Beim Anteil der erfolgreichen Absolventen des Berufsvorbereitungsjahres erreicht Sachsen dagegen den besten Wert aller Bundesländer.

Auch bei den Ausgaben pro Schüler in Relation zu den öffentlichen Gesamtausgaben pro Einwohner ist der Freistaat laut Studie im Bundesvergleich in der Spitzengruppe. Stark sehen die Autoren Sachsen zudem in der Forschung und bei der Ausbildung des Forschernachwuchses. Bei der Habilitations- und Promotionsquote erreicht es ebenfalls einen überdurchschnittlichen Wert. Bei den Forschungs- und Entwicklungsausgaben je Forscher an Hochschulen belegt es jedoch den letzten Platz aller Bundesländer.

Bemängelt wird zudem, dass in keinem anderen Bundesland, gemessen an der Gesamtanzahl, so wenige Studienanfänger einen Bachelorstudiengang beginnen. Darüber hinaus lösen mehr Jugendliche als im Bundesdurchschnitt ihren Ausbildungsvertrag wieder vorzeitig auf.

Auch der zunehmende Lehrermangel spiegelt sich im Bildungsmonitor wider. Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres fehlten in Sachsen noch 230 Vollzeit-Lehrkräfte. Von den knapp 1100 offenen Stellen konnten nur 870 besetzt werden. Kultusminister Christian Piwarz (CDU) sprach kürzlich von einem "schweren Schuljahr für alle".

Der Bildungsmonitor 2018 kritisiert vor allem die Altersstruktur der Lehrer an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Sachsen. Die sei unausgewogen, heißt es. Auch bei der Lehrer-Schüler-Quote an den Grundschulen schneidet Sachsen laut Sudie schlecht ab. Auf einen Lehrer kommen dort im Freistaat rein rechnerisch 16,8 Schüler - im Bundesschnitt sind es 16,3. In den Sekundarstufen I und II und an den Berufsschulen hingegen ist die Betreuungsquote demnach etwas besser als im Bundesdurchschnitt.

Schlechte Noten erhält Sachsen zudem bei der digitalen Bildung, die erstmals von der Studie erfasst wird. Verbesserungsbedarf gebe es sowohl bei der technischen Ausstattung an Schulen als auch bei der Medienkompetenz der Lehrkräfte und der Nutzung digitaler Medien, heißt es. Auch bei den Abschlüssen neuer IT-Ausbildungsverträge, der Anzahl der IT-Hochschulabsolventen und der Anzahl der Digitalisierungspatente schneidet Sachsen unterdurchschnittlich ab.

Da gelte es, schnell Boden gutzu- machen, fordert Christian Haase, Landeschef des Verbandes Die Familienunternehmer. "Vor allem für den Erfolg der Mikro- und Nanoelektronik rund um das 'Silicon Saxony' spielen IT-Experten eine entscheidende Rolle", sagt er. "Digitale Inhalte müssen in Fächern wie Sachkunde oder Physik vorkommen und die Lehrkräfte entsprechen weitergebildet werden. Außerdem muss es an jeder weiterführenden Schule möglich sein, Informatik zu lernen."

Auch Kultusminister Piwarz sieht Handlungsbedarf. Sachsen sei in der Medienbildung zwar konzeptionell gut vorbereitet, sagt er. Defizite gebe es jedoch noch in der digitalen Infrastruktur. Sachsens Schulen brauchten einen digitalen Schub.

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1Kommentare
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  • 7
    0
    HHCL
    15.08.2018

    "... trotz des akuten Lehrermangels, trotz der mehr als 200 unbesetzten Stellen zum Schulanfang und trotz des Unterrichtsausfalls, der zugenommen hat."

    Wie soll denn der aktuelle Lehrermangel eine Auswirkung auf diese Studie haben? Das Schuljahr hat gerade erst begonnen; die Daten die erhoben worden sind, stammen also aus dem vorherigen Schuljahr; eher aus dem davor liegenden. ("Die zugrunde liegenden Daten beziehen sich zumeist auf das Jahr 2016 oder 2017." siehe https://www.presseportal.de/pm/39474/4034996 ) Die Daten müssen schließlich erhoben und auch ausgewertet werden. Jetzt den Schluss zu ziehen, dass Sachsen trotz des Lehrermangels super wäre, ist völliger Unsinn. In zwei Jahren wird man die verheerenden Auswirkungen der Politik der letzten Jahre überdeutlich im Bildungsmonitor erkennen können.



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