Werner Holly: Nach Chemnitz muss eine rote Linie gezogen werden

Der Chemnitzer Sprachwissenschaftler mahnt zur Einhaltung demokratischer Spielregeln.

Chemnitz.

Über Chemnitz und die Folgen sprach die "Freie Presse" mit Werner Holly. Die Sprache in der politischen Auseinandersetzung müsse eine klare Abgrenzung gegen Gewalt und Radikalismus setzen. Stephan Lorenz hat das Redaktionsgespräch zusammengefasst.

Freie Presse: Wie sieht der Sprachwissenschaftler diese aufgeregte politische Zeit?

Werner Holly: Wir sind immer noch in einer Art von emotionalem Ausnahmezustand. Insofern ist es wichtig, dass man einmal ein wenig zurücktritt und darüber nachdenkt, wie das Ganze in einem größeren Bild einzuordnen ist. Mir ist aufgefallen, wie sehr die Debatte über die Demonstrationen in Chemnitz von allen möglichen Seiten auf den Ausdruck Hetzjagd zugespitzt wurde. Solche Zuspitzungen sind in Konflikten fast unausweichlich, aber immer auch riskant.

Welche Rolle spielt hier die Sprache?

Zum einen ist die Wahrnehmung der Wirklichkeit gerade in der Politik sehr sprachabhängig und damit perspektivisch. Zum anderen wird im Alltag meist ohne viel Nachdenken entschieden. Wir glauben, wir nehmen die Realität ungefiltert wahr und der richtige Begriff kommt dann von ganz allein. In dieser aktuellen Diskussion finden wir beide Positionen, beide haben eine gewisse Berechtigung.

Was ist eine "Hetzjagd"?

Eine Definition von Hetzjagd ist tatsächlich schwierig. Im Duden werden Sie dazu nicht viel finden. Die Bedeutung eines Ausdrucks ist letztlich sein Gebrauch in der Sprache. Aber welcher? Und so beginnt der typische Sprachkampf. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit ist immer perspektivisch. Wir können gar nicht anders. Neutralität in der Sprache gibt es nicht, außer vielleicht in Fachterminologien. Hier war klar: Es war eben keine normale Schlägerei. Das Motiv war ja offenbar, dass Leute verfolgt wurden, weil sie anders aussehen, also politisch. Normalerweise wird dann in der Debatte ein Gegenbegriff geschaffen. Den gab es bei Hetzjagd aber interessanterweise nicht.

Der Begriff wird natürlich politisch instrumentalisiert ...

Wie alle umstrittenen Begriffe. Wenn Sie Hetzjagd verwenden, dann ist da etwas in unserem Kopf vernetzt wie: Jagen, Hetze, Tempo, Tiere, Gewalt usw. Wenn Sie zum Beispiel Jagdszene sagen, dann kommt etwas ganz anderes mit: Wald, Reiter in roten Röcken, schöne Landschaften. Jeder Begriff macht eine andere Musik und löst etwas anderes aus. Das nutzt die professionelle Spracharbeit, die in der Politik an der Tagesordnung ist. Hier werden politische Frames (Rahmen) aufgerufen, die miteinander konkurrieren.

Warum gab es keinen Gegenbegriff in dieser Debatte?

Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin sprach von Verfolgung auf offener Straße, die sie selbst gesehen hat. Dann kamen Kanzlerin Angela Merkel und ihr Regierungssprecher mit Hetzjagd. Es folgte der sächsische Ministerpräsident Kretschmer mit dem bedeutsamen Kernsatz in seiner Regierungserklärung: "Es gab keine Hetzjagd, keinen Mob und keine Pogrome." Der Gegenbegriff fehlte, weil man hier an einer zentralen Stelle den Eindruck vermitteln wollte: Es war gar nichts in Chemnitz, jedenfalls nichts wirklich Schlimmes. Das wirkte angesichts der Fülle der Vorfälle beschönigend. Kein klassischer Sprachkampf, sondern ein Versuch der Vernebelung, der scheitern musste. Das hatte eine weitere Polarisierung zur Folge.

Wie kann Sprache deeskalieren?

Wichtig ist, und das hat Merkel sofort erkannt: Nach Chemnitz muss eine rote Linie gezogen werden. Hier taucht in unserer Gesellschaft etwas Neues auf. Plötzlich ist auf unseren Straßen eine politische Gewalttätigkeit, die wir bisher so nicht hatten, und zwar mit dem Ziel, die demokratische Ordnung auszuhebeln. Jetzt muss an die demokratischen Spielregeln erinnert werden. Sprachlich sollte eine klare Kante gesetzt, inhaltlich der Konflikt aber mit Sprache und Dialog geführt werden, nicht nur mit Schlagworten, Gebrüll und Tricks. Leider hat der Verfassungsschutzpräsident mit seinem Interview die Sache weiter zugespitzt.

Wie haben Sie die jüngste Bundestagsdebatte gesehen? Leidenschaftlich hat Martin Schulz die Demokratie gegen die AfD verteidigt, aber deren Fraktionschef Gauland gleichzeitig auf den Misthaufen der Geschichte gewünscht. War das geschickt?

Den Misthaufen hätte er sich vielleicht lieber gespart. Aber keine Politikeräußerung hat nur einen Adressaten. Sie richtet sich nicht nur an die Öffentlichkeit oder an den politischen Gegner. Schulz wollte damit wohl auch die eigenen Reihen mobilisieren - und die Zivilgesellschaft aufwecken. Die Werte der Demokratie haben mit Schulz ein Sprachrohr im Bundestag gefunden.

Ist tatsächlich die Demokratie gefährdet?

Es geht um die Frage der politischen Spielregeln, die in der Demokratie zentral sind. Ja, es muss Streit geben in einer Demokratie, aber entscheidend ist das Wie. Mit Chemnitz und den Folgen sind die Regeln des Streits ausgehebelt worden. Wenn mit Gewalt Politik gemacht wird, erinnert das an Weimarer Zeiten. Es ist eine neue, gefährliche Qualität entstanden. Dem muss ein Riegel vorgeschoben werden. Wenn die Tabus schon in wirtschaftlich einigermaßen stabilen Zeiten gebrochen werden, was soll dann erst in Krisen passieren?

Was verstehen Sie unter Zivilgesellschaft?

Es ist vor allem die nicht in Parteien oder Lobbygruppen organisierte Gesellschaft, Leute, die trotzdem eine politische Verantwortung spüren. Also die engagierten Bürger ohne irgendwelche Spezialinteressen.

Wie kann man der Lage Herr werden?

Man muss in unmissverständlicher Sprache eine klare Abgrenzung gegen Gewalt und Radikalismus setzen, aber vor allem die Probleme in unserem Land lösen, etwa in Fragen der inneren Sicherheit, aber auch auf vielen anderen Feldern. Viele machen es sich gern einfach. Die durchaus verständliche Wut sucht sich dann Sündenböcke. Ich habe neulich einen Bericht über die Albert-Schweitzer-Schule im Heckert-Gebiet gelesen. Dort gibt es klare Regeln: Wer schlägt, der geht. Zugegeben ist es in einer Schule einfacher, Ordnung zu schaffen als in der Politik. Mit Sprache und Konsequenz kann man aber zeigen, dass Konflikte ohne Gewalt gelöst werden können. Dann wäre das Grundgefühl der Menschen schon anders. Nur der Staat kann nach Recht und Gesetz Gewalt anwenden.

Der Vorwurf an Politiker lautet oft, sie seien zu weit weg von den Bürgern. Stimmt das?

Es gibt eine Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Verhältnissen und dem, was Politiker ständig sagen. Das ist das größte Gift: Wenn Politiker beim dauernden Beschönigen, Verharmlosen und Tricksen von den Bürgern ertappt werden. Sie merken schnell, dass da etwas nicht stimmt. Ein klassischer Kommunikationsfehler von Politik. Für jede Kommunikation gilt: Sie können die Leute nicht auf Dauer für dumm verkaufen. Wenn Politiker zu sehr gegen die Realität anreden, leistet die Realität Widerstand. Begriffe sind zwar elastisch in der Beschreibung, aber man kann die Wirklichkeit nicht komplett aushebeln. Irgendwann will man auch nicht mehr über Wörter reden und darüber, wie viele Meter Verfolgung eine "Hetzjagd" ausmachen sollen. Es reicht, dass hier eine rote Linie überschritten war.

Warum erfahren gerade jetzt nationalsozialistische Begriffe wie Lügenpresse oder das System solch eine Wiedergeburt?

Es gibt immer einen gewissen Prozentsatz von Leuten, die für ewige Stereotype wie Fremdenfeindlichkeit empfänglich sind. Manche haben einfach nur Wut und Hass, wenn sie mit genügend Frust, Ängsten und Druck aufgeladen sind. Und man weiß doch: Wer in Rage ist, kann nicht mehr klar denken. Da kommt man nicht mehr mit Begriffskritik heran. Gefühle müssen aber auch ausgedrückt werden können. Dafür habe ich Verständnis, nicht aber für jede Form. Jetzt müssen erst einmal wieder die Spielregeln der Demokratie eingeklagt werden. Das muss die Politik kommunizieren.

Ist Merkel die Richtige dafür?

Zur überzeugenden Rede gehört auch Leidenschaft und entschlossener Ausdruck. Für ein entschiedenes "Schluss jetzt" ist sie vielleicht zu sachlich und nüchtern. Ihre Haltung in der Sache stimmt.

Zur Person: Werner Holly 

Der Germanist, Jahrgang 1946, lehrte von 1993 bis zu seinem Ruhestand Germanistische Sprachwissenschaft an der TU Chemnitz. 2006 hatte er eine Gastprofessur in São Paulo inne. 1997/98 war Holly Dekan der Philosophischen Fakultät. Von 1997-2007 saß er im Vorstand des Deutschen Germanistenverbandes und von 1998 bis 2017 gehörte er zum Internationalen Wissenschaftlichen Rat des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim. Seit dem 1. April 2012 ist Werner Holly im Ruhestand.

Bewertung des Artikels: Ø 2.8 Sterne bei 5 Bewertungen
1Kommentare
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  • 8
    0
    Nixnuzz
    18.09.2018

    "Jetzt müssen erst einmal wieder die Spielregeln der Demokratie eingeklagt werden. Das muss die Politik kommunizieren." Wer gibt den Politikern das erforderliche Vertrauen - und umgekehrt? Wieviel davon ist nicht mehr rekultivierbar?



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