Jäger der verlorenen Plätze

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Die Zwangspause macht nicht nur den Kickern selbst zu schaffen. Auch die Fußball-Fans schauen in die Röhre, doch manche finden Alternativen.

Affalter.

Seit November herrscht auf den Fußballplätzen Ruhe, zumindest unterhalb der Profiligen. Doch auch dort ist es neben dem Rasen still - Zuschauer sind in München, Dortmund, Leipzig oder Berlin nicht erlaubt. Harte Zeiten also für alle, für die der Stadionbesuch der Höhepunkt der Woche ist.

Auch Groundhopper leiden. Als solche werden Fans bezeichnet, "die Plätze sammeln", indem sie ein Spiel darauf sehen. Ein "Ground" - das englische Wort für Stadion/Sportplatz - wird "gekreuzt" heißt es dann, wenn der Abpfiff ertönt. Was für andere der wöchentliche Disko-Besuch oder die Skat-Runde, ist für Groundhopper die "Tour". Es gilt, so viele Partien wie möglich zu sehen. "2019 habe ich 332 Spiele in 8 Ländern gesehen", sagt Josef Sznappsen aus Affalter. Der 30-Jährige fährt seit rund zehn Jahren quer durch Europa, um sich Teams anzuschauen, bei denen die meisten wohl Probleme hätten, diese zu lokalisieren.

Schon die erste Zwangspause im Frühjahr 2020 stellte die Fußballsüchtigen vor ein Problem, zumal europaweit kein Ball rollte. Doch neben dem Groundhopping gibt es noch das "Groundspotting", also das Besichtigen leerer Stadien - Plätze, die gar nicht mehr bespielt werden, nennt man "Lost Grounds". Und genau diese gerieten bald in den Fokus des 30-Jährigen. "Es war eine Möglichkeit, die fußballfreie Zeit trotzdem irgendwie mit Fußball zu füllen", sagt Sznappsen. Der wohl bekannteste "Lost Ground" Sachsens steht mit dem Ernst-Grube-Stadion in Riesa, wo einst Zehntausende die BSG Stahl in der DDR-Oberliga anfeuerten und der Auslöser für das neue Hobby des Erzgebirges ist. "Leider steht es schon lange leer und wird aller Wahrscheinlichkeit auch nie wieder Schauplatz eines Spiels sein", denkt der Affalterer, der eine Ausbildung zum Erzieher macht.

Aber auch in seiner direkten Umgebung gibt es einige Fußballplätze, auf denen schon vor dem sportlichen Lockdown Ruhe herrschte. Und so fährt der Affalterer eben zum Ascheplatz in Zschorlau oder zum Sportplatz in Obergelenau, um diese zu fotografieren. Die Bilder landen auf seinem Blog "Jozin jest w trasie", versehen mit Informationen zu Vereinen und Spielstätte. "Man lernt dabei ungemein viel über die Vergangenheit, auch wenn manche Infos nur schwer zu finden sind", erklärt Sznappsen einen weiteren Aspekt. Es ist ein Eintauchen in die an kuriosen Umständen nicht arme Fußballgeschichte im Erzgebirge.

So sind immer wieder die Namen der ehemaligen Clubs Auslöser für Lacher. Auch im Oelsnitzer Glückauf-Stadion spielte mit der "BSG Aktivist Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie" ein solches Namensmonstrum. "Das Stadion war aber vor allem für die hitzige Stimmung bekannt", sagt Sznappsen mit Blick auf Berichte teils wochenlanger Platzsperren aufgrund von Ausschreitungen. Seit 2012 wird der Rasenplatz nicht mehr genutzt und die Natur holt ihn sich zurück. Ein Kuriosum bietet dagegen der Sportplatz in Hammerunterwiesenthal, denn nur wenige Meter neben dem Spielfeld verläuft mit dem Pöhlbach die deutsch-tschechische Grenze. "Es dürfte kaum einen grenznaheren Fußballplatz in Sachsen geben", sagt der 30-Jährige über die Anlage, von der fürs Zurückholen eines ins Aus geschossenen Balles das Land verlassen werden musste. Gespielt wird dort schon lange nicht mehr, zuletzt stellte der mittlerweile aufgelöste SV Tannengrün Wiesenthal 2006 eine Mannschaft im Ligabetrieb.

Nur zwei Beispiele von vielen. "Oftmals steckt historisch viel mehr hinter den Plätzen, als sich anfangs vermuten lässt", erklärt Sznappsen, der sich für die Historie auch mit anderen austauscht. So habe zuletzt die Frage im Raum gestanden, auf welchem Platz in Beierfeld die BSG Wismut 1952 ihr Oberliga-Spiel gegen Motor Dessau ausgetragen habe. "Zur Auswahl standen der Platz an der Spiegelwaldhalle und der nicht mehr genutzte an der Waschleither Straße", so der 30-Jährige. Nun hat sich herausgestellt: es war an der Waschleither Straße, an der 6000 Menschen den 3:1-Erfolg der Veilchen sahen. "Der Sportplatz an der Spiegelwaldhalle existierte damals noch gar nicht", hat der Groundhopper herausgefunden.

Noch hat er eine ganze Anzahl an Plätzen im Visier - je länger allerdings die Zwangspause dauert, desto schneller dürften diese besichtigt sein. Und trotzdem bleibt dies nur ein Ersatz fürs Spiel. Deshalb hofft Josef Sznappsen genau wie viele andere darauf, "dass der Ball bald mal wieder rollt".

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