Gedenken auf der Baustelle am Bürgerholz

Zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus war am Freitag in Reichenbach vieles anders als sonst. Doch es gab auch ein Versprechen.

Reichenbach.

Das gab es so an einem 8. Mai in der Grab- und Gedenkstätte am Bürgerholz in Reichenbach noch nicht: Ausgerechnet zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus türmten sich hier am Freitag Erdmassen. Baufahrzeuge, Material und Gerätschaften standen an der Seite. An den Mauern der Einfriedung fehlt noch der Putz. Eine Baustelle eben. Denn die Stadt Reichenbach lässt gerade, gefördert vom Freistaat Sachsen, die Kriegsgräberstätte für 235.000 Euro sanieren und zum Teil neu gestalten.

In Coronazeiten fanden sich dort gestern zwölf Personen zum Gedenken ein, darunter Ksenia Kuternina, Presseattachée des Generalkonsulats Leipzig der Russischen Föderation, Reichenbachs Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU) und seine Stellvertreter Thomas Höllrich (Linke) und Peter Tillack (Bitex). Auf Beschallung und Ansprachen wurde verzichtet. Aber in der kleinen Runde bekräftigte man, dass sich Krieg und Faschismus nie wiederholen dürfen. Der OB erinnerte an die unfassbare Zahl von 60 Millionen Toten. "Die Erinnerung darf nicht sterben. An 14 Stellen im Vogtlandkreis werden deshalb heute Blumen niedergelegt", sagte Peter Giersich vom Kreisverband Vogtland der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten. Auch in Reichenbach wurden Kränze am Obelisk aufgestellt, der in Kyrillisch die Inschrift "Den Opfern des Faschismus" trägt.

Bisher war bekannt, dass auf dem Waldfriedhof am Bürgerholz 246 sowjetische Soldaten und Zwangsarbeiter ihre letzte Ruhe fanden, die während der Nazi-Diktatur ums Leben kamen. Nach Abstimmung der Daten mit der russischen Botschaft und der Landesdirektion wuchs ihre Anzahl nun auf 279. Neue Gedenkstelen sollen in Kyrillisch die 279 Namen vereinen und die Opfer so aus der Anonymität holen. "Wir schätzen sehr, dass die Stadt das tut, um die Erinnerung wach zu halten", sagte Ksenia Kuternina. Geplant ist, die Anlage im Oktober 2020 fertigzustellen. Bei der feierlichen Wiedereröffnung, so versprach Thomas Höllrich, wolle man auch die Schüleraktion nachholen, die gestern wegen Corona nicht möglich war.


Erinnerungstour im Vorfeld

Unter dem Motto "Vergesst uns nicht!" hat der Plauener Verein Colorido im Vorfeld des Tags der Befreiung zusammen mit dem VVN-BdA Vogtland eine große Runde durch Plauen und das Vogtland gemacht und 25 Gedenkstätten besucht. Auf der rund neunstündigen und zirka 250 Kilometer langen Tour wurde nicht an den einzelnen Grabmälern nicht nur jeweils eine rote Nelke niedergelegt, sondern auch der Zustand der Anlagen erfasst. "Es ist uns wichtig, das Gedenken wachzuhalten. 75 Jahre nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus, wo wieder offenbekennende Nationalsozialisten und Geschichtsrevisionisten durch unsere Städte ziehen, liegt es an uns diese Mahnungen aufzuzeigen und in Erinnerung zu rufen", erklärte Doritta Korte, die Vorstandsvorsitzende des Verein Colorido.

Am 8. Mai haben Mitglieder und Freunde der VVN in Mylau, Reichenbach, Plauen, Auerbach, Treuen, Weißensand, Oelsnitz, Posseck, Lengenfeld, Schöneck, Falkenstein, Netzschkau und Klingenthal an den Grab- und Gedenkstätten der Opfer gedacht. (bju)

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