Geschafft: Saschas Weg nach England

Unvergessliche Tage hat ein junger Rollstuhlfahrer auf einer Klassenfahrt erlebt. Doch zuvor musste die Familie einen langen Kampf mit der Bürokratie gewinnen. Am Ende half eine Gesetzeslücke.

Rodewisch.

Einen langen Anlauf mussten die Eltern von Sascha Heidrich nehmen, bevor ihr Sohn im vergangenen September an einer Bildungsreise der 10. Klasse des Rodewischer Pestalozzi-Gymnasiums nach England teilnehmen konnte. Der kleinwüchsige Junge sitzt im Rollstuhl, er leidet unter der Glasknochenkrankheit. Als es um das Finanzieren der Betreuung ging, stellte sich der Vogtlandkreis quer. "Offenbar mussten zwischen Bildungsagentur und Vogtlandkreis die Verantwortlichkeiten geklärt werden", sagt Saschas Vater André Heidrich.

Schon im April hatte Familie Heidrich die Kostenübernahme für Saschas Betreuerin beantragt. Am 8. August war noch nichts geklärt. "Dies ist eine unerträgliche und beschämende Situation", kommentierte die damalige amtierende Schulleitern des Rodewischer Gymnasiums, Franziska Palitzsch, den Vorgang in einem Brief an Landratsstellvertreter Uwe Drechsel.

Worum ging es konkret? Der Vogtlandkreis wollte zwar die Kosten für eine Tagespauschale für Saschas Betreuerin übernehmen. Doch auf Kosten für Übernachtung und Busfahrt wäre die Frau sitzengeblieben. "Die Reisekosten erstattet nach meiner Kenntnis die Bildungsagentur Sachsen", schrieb Drechsel am 7. Juli an Pesta-Schulleiterin Franziska Palitzsch. Doch auch die Agentur lehnte eine Kostenübernahme ab.

Am Ende ging trotzdem alles gut, und Vater André Heidrich ist froh darüber, dass man angesichts des Durcheinanders nicht aufgegeben hat. Denn die Tage in England für seinen heute 16 Jahre alten Sohn waren unvergesslich. Froh war der Vater auch, dass Schulleiterin Franziska Palitzsch die Familie unterstützt hat. Denn schließlich wurde "eine Gesetzeslücke gefunden, damit die Reise für die Begleitperson bezahlt werden konnte", sagt André Heidrich. Geholfen hat ihm Horst Wehner, Vizepräsident des sächsischen Landtages - er sitzt selbst im Rollstuhl. Nach der Intervention Wehners bei der sächsischen Kultusministerin Brunhild Kurth ließ die den Vorgang noch einmal prüfen. Mit dem Ergebnis, "dass die Reisekosten für beide Begleitpersonen in diesem Fall von der Sächsischen Bildungsagentur übernommen werden können", wie die Ministerin am 22. August schrieb. Beide, weil auch André Heidrich mitfuhr. Das hat zwei Gründe: "Sascha hat eine Pflegestufe und braucht rund um die Uhr Hilfe. Ich habe die Pflege in der Zeit übernommen, die über die Arbeitszeit der Betreuerin hinaus ging. " Außerdem wollte der Vater "selber das mehrmalige Aus- und Einsteigen in den Bus übernehmen", damit sein Sohn nicht verletzt wird.

Mit dem Weg an die Öffentlichkeit möchte André Heidrich zeigen, dass es "sich lohnt, für seine Rechte zu kämpfen". Denn auch in der 11. Klasse ist wieder eine Bildungsreise geplant, an der Sascha teilnehmen soll, diesmal nach Polen. Horst Wehner ist optimistisch, dass dann das Beantragen der Reisekosten für Begleitpersonen unkompliziert abläuft: "Die rechtlichen Grundlagen, auf denen die Finanzierung erfolgt, sind ja nun bekannt." Gleichzeitig schränkt er ein, dass das Bezahlen "zusätzlicher Leistungen immer eine Einzelfallentscheidung" ist. Im Falle von Sascha geht er davon aus, dass die Zusatzkosten bezahlt werden, wenn sich am Gesundheitszustand nichts geändert hat.

"Wir können erst über etwas befinden, wenn es einen Antrag gibt und Handlungsbedarf besteht", sagt Arndt Schubert, Pressesprecher der Zwickauer Regionalstelle der Bildungsagentur Sachsen. Eine Sicherheit, dass die Reisekosten der Begleitpersonen bei der nächsten Klassenfahrt bezahlt werden, gibt es nicht. Der Pressesprecher begründet das so: "Das Kultusministerium hat 2016 seinen Ermessensspielraum ausgenutzt und gesagt: ,Der Haushalt gibt es in diesem Jahr her, wir machen das.' Inwieweit das 2017 wieder möglich ist, ist nicht klar." Denn eine Verwaltungsvorschrift, dass in solchen Fällen Reisekosten für Begleitpersonen gezahlt werden müssen, gebe es nicht. Schubert: "Wir können nicht gegen die vorgesetzte Behörde entscheiden." Entscheidend sei die Haushaltlage.


Glasknochenkrankheit

Bei der Glasknochenkrankheit (Osteogenesis imperfecta) sind die Knochen leicht zerbrechlich, im Röntgenbild zeigen sie eine glasige Struktur.

Es handelt sich um eine seltene Erbkrankheit mit verschiedenen Typen, manchmal geht sie mit Kleinwüchsigkeit einher. In Deutschland sollen etwa 6000 betroffene Menschen leben. (bap)

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