Laurent fliegen die Herzen zu

Zu Musik von Édith Piaf hält Laurent Guillet in Lengenfeld Einzug. Mit seinem Gedächtnismarsch erneuert der Franzose sein einzigartiges europäisches Friedensprojekt.

Lengenfeld.

Was dieser verrückte Franzose von seinem Präsidenten hält? "Macron? Lassen Sie uns über Frauen sprechen, über all das schöne auf dieser Welt. Es gibt einen Grundsatz auf meiner Tour: Keine Politik", sagt Laurent Guillet und lacht sein gewinnendes Lachen. Und alles lacht mit. Dem Autor und Verleger fliegen die Herzen auch in Lengenfeld zu. Gestern Morgen hat Laurent Guillet auf einem 2000 Kilometer langen, durch Frankreich, Deutschland und Tschechien führenden Marsch auf dem Markt Station gemacht. "Und überall werde ich so herzlich empfangen, ich könnte ein neues Buch schreiben darüber."

Der Franzose folgt der Spur seines Großonkels Joseph Santerre, eines im Zweiten Weltkrieg verschleppten Kriegsgefangenen. Der Großneffe hat zu dessen durch drei Länder führende Leidensgeschichte ein Buch geschrieben, mit Hilfe von Einheimischen Gedenktafeln aufgestellt, Friedensbäume gepflanzt und zuletzt die längste historische Schnitzeljagd der Welt auf die Beine gestellt: Zu diesem im Dienste der Völkerverständigung stehenden "Weg des Friedens" gibt es ein Begleitheft, das in den Rathäusern von Sarrebourg, Bad Liebenwerda, Mühlberg, Hartmannsdorf, Lengenfeld, Plauen, Litvínov und Most abgestempelt wird. Wer alle Stationen besucht, bekommt eine Urkunde.

Jetzt ist der Initiator der Aktion selbst auf Tour. "Mit meinem Gedächtnismarsch will ich neue Impulse setzen, will alles neu spüren und begreifen - das Damals und das Heute", sagt der Friedensbotschafter, nachdem er von Christine und Matthias Lewek in die Arme geschlossen wurde. Das Paar gehört zu jenen 40 Menschen, die alle Stationen besucht haben. "Laurents Anliegen ist so wichtig. Die Leute sollen sich auf die Socken machen, das schärft den Blick", sagt Christine Lewek.

Nur Minuten vorher ist Laurent Guillet unter Beifall auf den Markt marschiert. Zu lauter Musik, die aus seinem hochgehaltenen Handy tönt. Édith Piaf singt von großen Begegnungen und großen Herzen. Alles lächelt - ja, so kennen wir Laurent. Auch Ilona und Erhard Gropp aus Pechtelsgrün lächeln, wenn auch etwas geschafft. Beide sind mit Laurent Guillet nach Lengenfeld gewandert. Der Franzose hatte die Nacht - über Mülsen und Irfersgrün kommend - in Pechtelsgrün verbracht. Von Erhard Gropp hatte er vor Jahren für sein Buch einiges zur Arbeit der Zwangsarbeiter in der nahen Wolframitgrube erfahren.

In Irfersgrün war der Großonkel des Friedensbotschafters von Ende 1943 bis November 1944 interniert. Wie viele Kriegsgefangene hatte er in der Grube für die Kriegsindustrie zu schuften. Am Donnerstagabend war der Großneffe von Freunden empfangen worden. Von Vertretern des Irfersgrüner Carneval Vereins, vom Ortschaftsrat und den Landfrauen, die gleich mit einem Bollerwagen voller Verpflegung zu dem Wiedersehen gekommen waren.

"Es war gestern wie heute wieder eine ganz besondere Atmosphäre", erzählt Bürgermeister Volker Bachmann. Kurz darauf trägt sich Laurent Guillet ins Buch der Stadt ein. Er schreibt von außergewöhnlichen Augenblicken und seiner Freude auf die nächste Begegnung. Dann schultert er seinen Rucksack und schreitet - ein Stück von Ortschef, Museumschef Michael Heuck und Matthias Lewek eskortiert - nach Plauen aus. Dort wartet bei OB Ralf Oberdorfer der nächste Empfang.

Am 26. Mai war Laurent Guillet am Geburtshaus des Großonkels in Trévelo aufgebrochen. Am Donnerstag findet der Marsch seinen Abschluss am Krematorium in Most. Dort war Joseph Santerre nach seinem nie aufgeklärten Tod gegen Kriegsende eingeäschert worden. Der Großneffe hat dieses Schicksal erforscht und daraus ein europäisches Friedensprojekt entwickelt, das mittlerweile von Tausenden persönlichen Begegnungen lebt.

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