Anruf-Flut bei der IHK: Firmen brauchen jetzt DDR-Tugenden

Die Telefone stehen bei der Kammer nicht mehr still. Viele Unternehmen im Vogtland benötigen Überlebenshilfe.

Plauen.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) wird mit Hilferufen insbesondere aus Kleinstunternehmen überhäuft. Täglich 800 Anrufe gehen seit Ausbruch der Coronakrise im Kammerbezirk Chemnitz-Zwickau-Plauen ein, 60 Mitarbeiter stehen zur Beratung bereit. "Es überschlägt sich von Tag zu Tag", sagt Sina Krieger, die sich kurz nach ihrer Ernennung zur Plauener IHK-Geschäftsführerin einer immensen Aufgabe stellen muss. IHK-Präsident Hagen Sczepanski spricht von Unruhe und Ungewissheit in vielen Firmen. Doch die IHK-Spitze versucht, den Laden im Vogtland am Laufen zu halten und denkt bereits an das Wirtschaftsleben nach der Krise.

Von heute auf morgen sind die Umsätze vieler Unternehmen auf null abgestürzt, während die Fixkosten weiter laufen. Die IHK sei mit Entscheidern aller Ebenen permanent in Kontakt, um die Rettungsankündigungen und Beschlüsse aus Berlin in konkrete Hilfe umzumünzen. So sollen Firmen bis fünf Mitarbeiter 9000 Euro und bis zehn Mitarbeiter 15.000 Euro vom Bund erhalten. Dabei habe die IHK bereits jetzt erfolgreich gegen manche geplante Maßnahme interveniert. "Wie z.B. beim Kurzarbeitergeld kann man von Mitarbeitern nicht erwarten, dass sie jetzt ihren gesamten Urlaub nehmen", betont Sina Krieger.

Sachsen habe mit zinslosen Darlehen reagiert, in Bayern gebe es sogar Zuschüsse, sagt Krieger. "Viele Kleinst- und Solofirmen wollen aber keine Darlehen aufnehmen." Sczepanski befürchtet, dass "Unternehmer, die erst in fünf oder acht Jahren aufhören wollten, keinen Mut mehr finden für einen Neustart".

Was ist jetzt also zu tun? Vor Anrufen bei der IHK sollte sich jeder auf der Internetseite informieren. Die wird mehrfach täglich mit wichtigen Infos zu Regelungen und deren Umsetzung aktualisiert, auch am Wochenende, betont Krieger. "Erst dann sollten die Unternehmer bei detaillierten Fragen in der IHK anrufen", betont Sczepanski.

Die beiden Spitzen der IHK raten, trotz des Ernstes der Lage den Blick schon in der Krise nach vorn zu richten. Denn neben der schnellen Hilfe seien frische Ideen gefragt, insbesondere in Gastronomie und Handel. Hagen Sczepanski empfiehlt: "Jetzt ist die Zeit, über andere Möglichkeiten oder sogar den Aufbau eines Onlinehandels als weiteres Standbein nachzudenken." Von den Vogtländern erhofft sich die IHK, dass sie in und nach der Krise bewusst den regionalen Handel stärken. So könnten die Wirtschaftskreisläufe gestärkt und ein Abfluss des Geldes irgendwohin abgebremst werden.

Als Partner stehen laut Sina Krieger "die regionalen Banken Gewehr bei Fuß". Es gebe Signale aus Sparkasse, Volksbank und Merkurbank, dass je nach Einzelfall Tilgungen gestundet werden können. "Da sollte jeder auf seine Hausbank zugehen."

Um aus dem weitgehend erstarrten Wirtschaftsleben Wege in die Zukunft zu finden, blickt Sina Krieger in die Vergangenheit. "Unsere Menschen und unsere Firmen sind kreativ aus der DDR-Zeit." Aus wenig viel machen, da seien Vogtländer Weltspitze. Beispiele: Mundschutz-Masken und dringend benötigtes Material in der Coronakrise kommen aus Reumtengrün und Treuen.


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