Ansichtskarten aus Reichenbach gehen langsam die Motive aus

Wer Postkarten mit Fotos der Stadt verschicken will, kann aus immer weniger Varianten auswählen. Neues kommt nicht dazu. Was es überhaupt gibt, lagert in Berliner Wohnungen.

Reichenbach.

Einen eigenen Metallständer für die Reichenbacher Postkarten braucht Kerstin Kehl schon lange nicht mehr. Den Brunnen am Markt, den Wasserturm, die Göltzschtalbrücke - viel mehr aktuelle Motive kann die Inhaberin der Evangelischen Buchhandlung am Markt ihren Kunden nicht anbieten. Reproduktionen von Stadtansichten aus vergangenen Jahrhunderten hat sie auch noch im Programm. Aber unterschiedliche Motive, die das heutige Rechenbach zeigen, sind Mangelware. "Und es werden immer weniger", sagt Kehl. "Wenn ich nachbestellen will, sind immer wieder einige komplett alle."

Kerstin Ullrich von der Vogtländischen Buchhandlung in der Zenkergasse hat dieselben Erfahrungen gemacht. Historische Reproduktionen und Reichenbach-Darstellungen des Mylauer Künstlers Christian-Frank Knobloch ergänzen zwar auch ihr Sortiment. "Letztere kommen vor allem bei jungen Menschen gut an", sagt Ullrich. Aber bei der klassischen Fotopostkarte nach dem Motto "Viele Grüße aus dem schönen Reichenbach" sieht es düster aus. "Das ist furchtbar schade", findet sie. "Die Nachfrage wäre durchaus da. Und zwar sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen."

Fragt sich nur, ob diese Nachfrage im Zeitalter von E-Mail und Whats-app groß genug ist für neue Motive. Dazu hat der Verlag Bild und Heimat in Berlin eine eindeutige Meinung: "Das lohnt nicht mehr", sagt ein Sprecher. "Für uns ist das Thema vorbei." Karten würden heute meist digital verschickt, nicht mehr handgeschrieben und mit Briefmarke frankiert. An diesem Nein ändert auch die Tatsache nichts, dass Bild und Heimat bis 2014 sogar seinen Sitz in Reichenbach hatte. Zu DDR-Zeiten - und selbst noch danach - wurden in der Stadt Postkarten für den ganzen Osten Deutschlands gefertigt. Aber vor zehn bis 15 Jahren, so der Mitarbeiter, sei das immer weniger geworden. Wann die letzten Karten mit Reichenbacher Motiven die Druckerei verlassen haben, kann er nicht exakt sagen. Aber eines weiß er ganz genau: "Neue Karten mit Motiven aus der Stadt wird es definitiv nicht geben."

Bild und Heimat hat beim Postkartengeschäft einen so radikalen Schnitt gemacht, dass der Verlag eigentlich 2014 all seine Lagerbestände wegschmeißen wollte. Dann würde es heute überhaupt keine Reichenbach-Karten mehr geben. So weit kam es dann doch nicht. Der Verlag verkaufte stattdessen alles an Uwe Langer. Der Berliner ist Postkartensammler und hat dieses Hobby zum Nebenberuf gemacht. Wenn die Reichenbacher Buchhändlerinnen Kerstin Kehl und Kerstin Ullrich Karten-Nachschub brauchen, klingelt bei Langer das Telefon. "Fünf oder sechs Motive der Stadt habe ich noch, darunter ein Winterbild", sagt er. In Berliner und Brandenburger Räumen warten die letzten Kartons mit Reichenbach-Karten auf ihre Stunde. Wie viel noch da ist, weiß Langer selbst nicht so genau. "Es würde vom Prinzip schon noch eine Weile reichen", sagt der Berliner. "Aber die Motive sind veraltet. Irgendwann sehen Plätze, Häuser und Straßen ja ganz anders aus."

Dieses Problem hat man auch im Rathaus erkannt. "Wir verkaufen im Bürgerbüro etwa zwei bis drei Karten - pro Monat!", sagt Stadtsprecherin Heike Keßler. Dies liege sicherlich auch daran, dass die Motive nicht auf dem neuesten Stand sind. Mit frischen Exemplaren könnten es ihrer Einschätzung nach ein paar mehr sein. Aber immer noch lange nicht genug, um wenigstens eine schwarze Null zu erwirtschaften. "Gehört es zu den Aufgaben einer Kommune, neue und schöne Postkarten herauszugeben?", fragt Keßler. Wohl eher nicht. Aber eine kleine Serie könnte sich Keßler vielleicht doch vorstellen. Nicht als kommunale Pflichtaufgabe. Eher schon als eine Frage der Ehre.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    0
    Zeitungss
    06.09.2019

    An Motiven unserer schönen Stadt sollte es nicht mangeln. Der Bahnhof als "Eingangstor" eine Augenweide, gefolgt vom heruntergekommenen Postamt und Straßen welche zunehmend ihrer Bebauung beraubt werden, wäre doch schon einmal der Anfang für neue Ansichtskarten. An weiteren Ruinen ist kein Mangel und durch Eingemeindungen wird es nicht besser, wenn man an Mylau denkt.
    Es gibt natürlich auch wenige positive Beispiele, wie die Rekonstruktion der ehemaligen "Hustenburg" in der Bahnhofstraße oder noch vorhanden Anlagen der Gartenschau. Ansonsten ist Reichenbach tiefste Provinz, es geht beim Einkaufen los und hört bei Sehenswürdigkeiten auf. Was soll man also auf Ansichtskarten darstellen ?



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