Der Ofen ist nicht aus: Thieroff bäckt weiter mit explosiver Hitze

Thorsten Unger ist der letzte Backofenbauer im Vogtland. Ohne ihn würde es in der Neumarker Bäckerei nicht mehr die begehrten Semmeln geben.

Neumark.

Kleine Ursache, große Wirkung: "Werte Kundschaft, wegen Ofenarbeiten bleibt unser Geschäft bis 4. September geschlossen." Die Nachricht im Schaufenster der Bäckerei Thieroff in Neumark schlug diese Woche ein wie eine Bombe: Hört ihr auf? Habt ihr jetzt auch einen Wessi-Ofen? Gibt's dann auch keine richtigen Semmeln mehr? Knapp 20 Anrufe in zwei Stunden waren es allein am Donnerstagvormittag. Marko Thieroff beantwortete sie wie folgt: "Nein, wir schließen nicht, wir bekommen keinen neuen Backofen", erzählt der Bäckermeister und atmet durch.

Vielmehr wird der alte, 1969 von der Reichenbacher Firma Ernst Reich gefertigte Kohleofen gerade repariert, um weiter die richtigen Semmeln backen zu können - die der Thieroffs genießen einen legendären Ruf weit über Neumark hinaus. Vor allem Samstagmorgen steht alles bis auf die Straße Schlange. "Die Semmel ist unser A-Produkt. Diese Semmel gibt es aber nur mit dem alten Ofen. Und deshalb wird es bei uns keine Niedrigenergie-Öfen und ähnliches geben. Ich könnte moderne Technik einsetzen, die ich mit dem Smartphone programmiere. Dann könnte ich länger schlafen, aber das hätte dann nichts mehr mit Thieroff zu tun", erklärt der Meister einen in drei Bäcker-Generationen gewachsenen Anspruch.

Und weil das so ist, geht in der Backstube seit Tagen der letzte Backofenbauer des Vogtlands ein und aus. Wenn es Thorsten Unger von der Oelsnitzer Firma Schuster nicht mehr gibt, sind die Tage der letzten kohlebeheizten Reich-Öfen gezählt. "Davon gibt's in vogtländischen Bäckereien vielleicht noch sechs, sieben Stück", erzählt der Handwerker. Bei den Thieroffs war die von wassergefüllten Röhren durchzogene Feuerwand zwischen Back- und Feuerraum in die Brüche gegangen. Thorsten Unger bringt sogar noch viel ältere Öfen wieder in Schuss. Solche, in die man zum Befeuern hineinkriechen muss.

Im Vogtland kennt er da keinen. So ein Ofen stand aber mal an der Alten Reichenbacher Straße in Neumark. Dort, bei Opa Hermann und Vater Günter, hat Marko Thieroff das Bäckerhandwerk von der Pike auf gelernt und arbeitet immer noch wie die Altvorderen. Alles Handarbeit, alle Rezepte hat er in seinem Kopf. Auch das für die Semmeln. "Wobei das nicht ganz so wichtig ist. Wichtiger ist der Reich-Ofen. Nur der bringt diese explosive, knallige Hitze, die ich brauche." Also wie viel Grad und wie lange? "Das sage ich nicht. Ehrlich gesagt könnte ich das auch aus dem Stegreif gar nicht. Die richtige Temperatur fühle ich. Backen, das kommt auch aus dem Bauch." Und aus dem Herzen: Thorsten Unger zu Ehren benennen die Thieroffs jetzt eines ihrer Brote nach dem Retter des Backofens.

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