Einsames Gedenken

Das jährliche Gedenken an die Bombardierung von Reichenbach fand diesmal ohne Teilnehmer statt. Doch auch ohne große Reden gab es einiges zu sagen.

Reichenbach.

Für Werner Kleemann aus Reichenbach war der Termin am Samstagvormittag Pflicht. Kurz vor zehn Uhr kam er in den Park des Friedens und traf dort auf Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU), der gerade einen Kranz am Gedenkstein für die Opfer des Luftangriffs am 21. März 1945 niedergelegt hatte. Diesmal ganz ohne Musik und Ansprache wie sonst, ohne Schüler wie im Vorjahr, ohne Reichenbacher, die sich an den Tag vor 75 Jahren erinnerten.

"Mein Bruder Gunter hatte bei der Firma Carl Werner 1944 als Lehrling angefangen. Als die Bomben fielen, hat er sich mit einem weiteren Mitarbeiter in den Mittelkanal gerettet. Die beiden haben noch einen brennenden Mann in den Kanal gezogen", berichtete Kleemann. Während sich der Bruder so retten konnte, landete auf einem anderen Kanal ein Volltreffer. Wer sich dort aufhielt, hatte keine Chance und gehörte zu den 161 Toten, die der Bombenangriff auf Reichenbach forderte.

Werner Kleemann, heute 82 Jahre alt, saß damals zu Hause im Keller und konnte seinen Bruder total verschmutzt, aber gesund in die Arme schließen. Den Angehörigen der Opfer war das mit ihren Verwandten nicht vergönnt. Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU) sagte: "Die Menschen haben leider vergessen, wie gut es ihnen eigentlich geht, auch wenn es gegenwärtig einige Einschränkungen gibt." 75 Jahre Frieden, das hätte es in Mitteleuropa noch nie gegeben. Keine Katastrophen. Angesichts der derzeitigen Situation erklärte Kürzinger: "Ich verstehe die Unvernunft mancher Bürger nicht. Viele, die vernünftig sind, müssen jetzt weitere Einschränkungen wegen der Unvernünftigen hinnehmen", so der OB. Auch andere Reichenbacher ärgert das. René Lauterbach von Blumen Iris brachte den Gedenkkranz. Er schilderte: "Während unser Blumengeschäft in der Bahnhofstraße geschlossen bleiben muss, treffen sich die Leute im OBI, der die Öffnungszeiten bis 22 Uhr verlängert hat. Und bei uns in der Gärtnerei rufen Leute an, ob es schon Gurkenpflanzen gibt."

Solche Probleme hatten die Reichenbacher an jenem kalten, aber sonnigen 21. März 1945 nicht. Da ging es um das nackte Überleben. Auch deshalb hatte Reichenbachs OB daran festgehalten, an den Bombenangriff zu erinnern, wenn auch in sehr kleinem Rahmen. "Wir wollten trotz Corona und Einschränkungen das Gedenken aufrechterhalten, auch wenn es diesmal nicht sehr lebendig ist. Die Reichenbacher gehen ja hier vorbei und sehen, dass wir daran gedacht haben", sagte der OB. "Ich komme jedes Jahr her, das ist es mir wert", sagte Werner Kleemann.

"Es ist authentischer, wenn Menschen dabei sind, auch welche, die die Zeit noch erlebt haben", so Kürzinger. "Es dauert nicht mehr lange, dann haben wir keine Zeitzeugen mehr", blickte der OB in eine Zeit voraus, in der nur noch Bücher von den Schrecken berichten. "Ich habe zwei Bücher über Reichenbach, da steht alles drin", empfiehlt Werner Kleemann schon jetzt. Ein weiteres ist gerade in Produktion. In die ein wenig ratlose Stille läuteten die Glocken der Reichenbacher Kirchen. "Der Stein müsste mal gesäubert werden. Wenn Sie niemanden dafür haben, kann auch ich das übernehmen", sagte der Reichenbacher zum OB. "Unser Bauhof macht das schon." Die Mitarbeiter hatten nur jetzt andere Dinge zu tun, Spielplätze absperren zum Beispiel.


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