Firmen: Wir bieten viel, aber die Einstellung sollte passen

Der Reichenbacher Berufsorientierungsmarkt ist auch ein Indikator für die Stimmung auf dem Ausbildungsmarkt. Doch was erwarten Firmen und künftige Lehrlinge voneinander? Eine Momentaufnahme.

Reichenbach.

Die 2119 jungen Besucher des Reichenbacher Berufsorientierungsmarktes gestern gehören einer umworbenen Generation an - Lehrlinge werden händeringend gesucht. "Das haben die Unternehmen längst erkannt. Das schlägt sich in besseren Verdienstmöglichkeiten und attraktiveren Rahmenbedingungen in den Betrieben nieder. Es zeigt sich auch darin, dass verstärkt auf Hauptschüler zugegangen wird. Wir merken das auch an der Warteliste für den Markt - aber 103 Aussteller, mehr geht fast nicht", sagt Ulf During, Chef der Reichenbacher SAQ, die mit der Stadt die 16. Auflage des Marktes in der Sporthalle an der Cunsdorfer Straße organisiert hat. "Bei der ersten war man noch froh, dass Unternehmen kamen."

Das sieht jetzt anders aus. Doch was bieten die Unternehmen der Jugend von heute? Und was erwarten sie von den Umworbenen, denen nachgesagt wird, arbeiten zu wollen, um zu leben? "Auch wir suchen Lehrlinge, na klar", zählt Schichtführer Michael Siegel vom Vliesstoff-Hersteller Tenowo auf: Maschinen- und Anlagenführer sowie Textillaboranten. "Wir bieten einiges, um für junge Leute attraktiv zu sein. Zum Beispiel werden Arbeitszeiten so gelegt, dass sie zu den Buszeiten passen, es gibt Gleitzeitkonten, Prämien für gute Abschlüsse und Büchergeld. Außerdem werden Fahrt- und Internatskosten für die Berufsschule komplett übernommen." Einen Schmusekurs gibt es aber nicht. "Wir bieten viel, aber die Einstellung sollte passen. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Wir legen Wert darauf, dass der Lehrling vom ersten Tag an grüßt, das ist die erste Lektion." Und Ausbilderin Anne Wirth ergänzt: "Wir achten darauf, dass einer Lehre möglichst ein Praktikum vorausgeht. Das sagen wir den Schülern hier auch bei der Messe. Wenn kein Interesse da ist, hat es keinen Sinn."

Von jungen Leuten mit falschen oder gar keinen Vorstellungen berichten auch andere Aussteller. Um solche Erfahrungen zu vermeiden, redet Pflegedienstleiterin Katrin Zeidler nicht nur von den attraktiven Möglichkeiten in der Paracelsus-Klinik: "Die Schüler bekommen gesagt, dass Krankenhaus auch harte Arbeit bedeutet. Einsatz rund um die Uhr, Einsatz auch am Wochenende. Entweder man macht das richtig, oder man lässt es. Es ist unsere Verantwortung, das klar zu sagen. Wer aber mit Herzblut dabei ist, der hat den schönsten Beruf der Welt."

Ähnlich argumentiert Lukas Schönherr vom Sonnenschutz-Hersteller Erfal - die 440 Mitarbeiter starke Falkensteiner Firma gilt auch dank ihrer weichen Arbeitsbedingungen mit Wellness- und Fitness-Center, eigener Pausenversorgung oder auch kostenlosen Getränken als eine der Vorzeigefirmen des Vogtlands. "Das zahlt sich aus, das Betriebsklima ist super. Wir haben ein Durchschnittsalter von 35, 36 Jahren. Klar ist aber: Auch bei uns wird gearbeitet. Wer zu uns kommt, sollte interessiert, fleißig, teamfähig und gewissenhaft sein", erzählt der im Qualitäts-Management tätige Industriekaufmann, der selbst über eine Ausbildungsmesse zu Erfal gekommen war. "Ich habe mir nach dem Abi gedacht, du willst direkt dran sein und vor Ort etwas bewegen. Und das war richtig."

Mit einer abgewogenen Mischung aus Fördern und Fordern deckt auch Injoy Reichenbach seinen Bedarf an Sport- und Fitnesskaufleuten. "Ein wichtiger Punkt: Wir bezahlen den Lehrlingen wichtige Qualifizierungen. Mit diesen Lizenzen können sie überall anfangen. Wir schauen aber schon, wer zu uns passt, sonst hat es keinen Sinn. Man merkt, wer mit Hilfe des Elternhauses gelernt hat, sein Leben früh zu organisieren, und wer in Watte gepackt wurde", sagt Injoy-Bereichsleiter Lukas Hauptmann.

Und die Schüler? Besonders am Nachmittag, als viele Eltern mit ihren Kindern kamen, gab es längere Gespräche über gegenseitige Erwartungen. Am Vormittag, als viele mit Bussen aus der ganzen Region gekommene Schülergruppen da waren, ließen sich einige Wortmeldungen so zusammenfassen: "Interessant, nie gehört, schon gehört, klingt ganz gut, mal sehen, vielleicht." Doch es gab auch Verbindliches. Etwa von Monika Natali Sänger. Was sie vom Berufsleben erwartet? "Dass man da gut aufgehoben ist, Spaß an seiner Arbeit hat und mit Menschen arbeitet, mit denen man gut auskommt. Und dass man von dem Geld leben kann - nein, es müssen keine Millionen sein", sagt die Weinhold-Neuntklässlerin.

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