Flüchtlinge erhalten Einblick in die Arbeit in der Wurstfabrik

In Reichenbach werden Arbeitskräfte und Mieter gesucht. Geflüchtete suchen Arbeit und Wohnraum. Ein Projekt brachte gestern alle zusammen.

Reichenbach.

Nicht ewig reden, sondern machen. Das hat sich Ralf Schaller, Inhaber der Reichenbacher Wurstfabrik Walter Schaller, auch bei der Integration von Flüchtlingen auf die Fahnen geschrieben. Zwei beschäftigt er bereits. "Unsere Firma unterstützt jegliche Aktivitäten, die Flüchtlinge in Arbeit bringen", erklärte er gestern Vormittag, als er 20 junge Männer aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Somalia, Syrien und dem Irak begrüßte.

In zwei Gruppen führte er die Besucher durch die Produktion - von der Fleischanlieferung bis zum Versand der fertigen Ware. Die Teilnahme am Betriebsrundgang war den Flüchtlingen ausdrücklich freigestellt. Es hätte ja sein können, dass der eine oder andere aus religiösen oder kulturellen Gründen den Umgang mit Schweinefleisch ablehnt. Doch alle streiften sich die Schutzkleidung über und verfolgten wissbegierig die Darlegungen. Ein Übersetzer half dabei. Schaller machte auch klar: "Wir werden unsere Produktion nicht umstellen. Wer hier arbeiten will, muss sich an die Gegebenheiten anpassen."

Nach Reichenbach kamen die Flüchtlinge gestern über das vom Freistaat Sachsen geförderte Modellprogramm "Arbeitsmarktmentoren für Geflüchtete". In diesem gibt es 14 regionale Projekte. Eines davon heißt "Arbeiten, Leben und Wohnen im Vogtland". Es besteht seit November 2016, ist auf drei Jahre angelegt und wird von vier Arbeitsmarktmentoren des Bildungsinstitutes Pscherer Lengenfeld getragen. "Wir arbeiten mit 55 geflüchteten Menschen, die zum Großteil in Plauen Zuflucht gefunden haben. Ziel ist, sie gezielt in den ersten Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu vermitteln", sagte Projektleiterin Jeannette Haase-Pfeuffer der "Freien Presse".

In Reichenbach habe man, anders als in Plauen, eine Reihe Unternehmen gefunden, die dafür offen sind. So fand gestern der Auftakt zur Aktion "Impuls-Mobil Region Reichenbach" statt. Mit Kleinbussen der städtischen und offenen Jugendarbeit wurden die Teilnehmer aus Plauen und Lengenfeld zunächst zum Besuch beim Kälte- und Klimatechnik-Hersteller Termofin ins Gewerbegebiet PIA II gefahren. Die Wurstfabrik Walter Schaller folgte.

"Es ist geplant, dass wir die Besuche in Unternehmen wiederholen, dann auch bei Mahle, den Vogtland Kartonagen und Backwaren Forbriger", blickte Jeannette Haase-Pfeuffer voraus. Sie hofft, dass sich daraus schnell konkrete Kontakte und Arbeit für die Geflüchteten ergeben.

Am Nachmittag besichtigten die Flüchtlinge zudem drei Wohnungen der Wohnungsbaugesellschaft Reichenbach (Woba) im Wasserturmgebiet und im Neubaugebiet West. Auch Freizeitmöglichkeiten wurden vorgestellt.

Hier verzahnt sich das Arbeitsmarktmentoren-Programm mit einer lokalen Initiative. Im Januar brachte das Netzwerk "Integration durch Qualifizierung", kurz IQ, mit 40 Vertretern von Wirtschaft, Arbeitsagentur, Arbeitsvermittlungen, Übersetzern und Integrationsvereinen in Reichenbach ein Vorhaben auf den Weg. Es nennt sich "30 Arbeitskräfte für die Unternehmen der Region in 30 Wohnungen der Woba in neun Monaten".

Für Woba-Geschäftsführerin Daniela Raschpichler steht fest: "Wir brauchen Zuzug in Reichenbach. Bedingt durch Sterbefälle und fehlende Haushaltsneugründungen wächst bei uns der Leerstand." Ende 2016 standen demnach 16,9 Prozent des Woba-Bestandes leer. Tendenz steigend. 349 freie Wohnungen stehen zur Verfügung, 78 davon sind sofort vermietbar. Neue Mieter werden händeringend gesucht. Aktuell hat die Woba 20 Wohnungen für 55 Flüchtlinge vermietet.

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4Kommentare
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    0
    Zeitungss
    05.05.2017

    Kleiner Zusatz noch. Die aufgeführten Firmen zahlen alle "weit über Tarif" (kleiner Scherz). Ich kenne eine Reihe Arbeitnehmer, welche ein zweites Arbeitsverhältnis als Aufstocker haben , was zusehens Standart in D. wird. Frau Raschpichler (WOBA) freut sich in Zukunft über sichere Zahlungseingänge VOM AMT, was durchaus nachvollziehbar ist im Hochlohnland Vogtland. Wer noch einigermaßen in der Realität lebt, die Geschäftspraktiken kennt, wird wissen wohin die Fuhre geht. Von den roten Daumen erwarte ich es wirklich nicht.

  • 1
    2
    aussaugerges
    05.05.2017

    So sehe ich das auch es sind immer gleich 2 komisch.

  • 2
    3
    Zeitungss
    05.05.2017

    @voigtsberger: Genau so ist es, die roten Daumen leben in einer anderen Welt bzw. sind Profiteure.

  • 6
    2
    voigtsberger
    05.05.2017

    Es ist doch immer wieder zu bedenken, wie Firmen und Unternehmen, die jahrelang Arbeitsrecht und Tarifvereinbarungen ausgehebelt haben, mit Niedriglohn und unbezahlten Überstunden, so das selbst Langzeitarbeitslose einen Bogen um diese Firmen machten und machen, wieder eine Plattform in den Medien und der Politik finden, um sich ein neues arbeitsrechtlich unerfahrenes Arbeitnehmerpotenzial zu sichern und schon wieder zu finanziellen Zulagen von Land und Bund schielen und das gibt es nicht nur in Sachsen, sondern bundesweit. Nur wird das Arbeitskräftepotenzial auch das halten, was von der Politik versprochen wird, Zweifel sind auf jeden Fall angebracht und hoffentlich werden uns am Ende nicht nur die Einzelfälle als Erfolg präsentiert!



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