Gesucht: Reichenbachs erste Stadträtin

Den Namen Clara Zetkin hat wohl jeder schon gehört. Aber was ist mit Anna Trentzsch? Ein Historiker geht auf Spurensuche.

Reichenbach.

Einfach war es für die couragierte Frau sicher nicht. Als Anna Trentzsch (1880 - 1963) im Februar 1919 bei der Kommunalwahl als erste und einzige Frau in das Reichenbacher Stadtverordnetenkollegium einzog, musste sie sich gegenüber einflussreichen Männern behaupten. Zu diesen gehörten zum Beispiel der Fabrikbesitzer Robert Braun, der Geschäftsführer Hermann Dindas, der Schuldirektor Alwin Eichhorn, der Spinnereibesitzer Max Stark, der Arbeitersekretär Paul Tillack und der Konsumvereinskassierer Bernhard Weithaas. Immerhin kamen fünf Männer aus dem Arbeitermilieu.

Dass sie überhaupt dort sitzen durfte, war etwas besonderes. Anna Trentzsch segelte mit dem Rückenwind einer neuen Zeit in das Stadtverordnetenkollegium. Die Novemberrevolution 1918 führte nicht nur zum Ende der Monarchie und zur Ausrufung der Republik. Sie ist auch die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland.


Diesem war ein langes Ringen vorausgegangen. Bereits 1891 forderte die SPD als einzige Partei im damaligen Kaiserreich unter maßgeblichem Einfluss von August Bebel in ihrem Erfurter Programm die Einführung des Wahlrechts für Staatsangehörige beiderlei Geschlechts. Der sozialdemokratische Antrag 1895 im Deutschen Reichstag zur Einführung des Frauenwahlrechts wurde abgelehnt. Mit dem Antrag von Clara Zetkin 1910 auf der internationalen sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen für einen jährlichen Kampftag der Frauen für politische Gleichheit wurde die Tradition des Internationalen Frauentages am 8. März begründet. Am 12. November 1918 führte der Rat der Volksbeauftragten dann tatsächlich das Frauenwahlrecht ein.

Clara Zetkin war es, die mit ihrer Zeitung "Die Gleichheit" den Frauen ein Sprachrohr gegeben und ein System von weiblichen Vertrauenspersonen aufgebaut hatte. Diese Frauen aus den Städten und Gemeinden berichteten über Aktivitäten und Ungerechtigkeiten vor Ort. Aus Reichenbach kamen die Informationen von der Fabrikweberin Pauline Göckeritz geb. Strobel (1875 - 1950). Als Clara Zetkin 1894 im Saal des "Gambrinus" in Oberreichenbach und 1903 in der "Tonhalle" vor Hunderten von Frauen sprach, war sie zu Gast bei Pauline Göckeritz.

So waren es quasi Clara Zetkin und Pauline Göckeritz, die den Weg für die erste Reichenbacher Stadträtin Anna Trentzsch bereiteten. Leider ist so gut wie nichts über sie bekannt. Sollten Nachkommen mehr über diese Frau wissen, möchten sie sich bitte bei der Redaktion oder bei Wolfgang Richter unter der Telefonnummer 037675 13030 melden.

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