Inselbegabungen zählen

In der Lebenshilfe-Werkstatt in Reichenbach sind Menschen mit Handicap tätig. Sie arbeiten mit Waren, die viele später in der Hand haben.

Reichenbach.

Mehrere Kisten voller Teile. Ein Mann, der sicher nach einzelnen Komponenten greift und alles miteinander verbindet. Am Ende kommt eine im Tisch versenkbare Steckdose samt Leitung heraus. Sie wird weiterbearbeitet, geprüft und verpackt. Der Mann ist Jens, geistig behindert, und er arbeitet wie weitere 184 Menschen mit Einschränkungen in der LH-Werkstatt, einer 100-prozentigen Tochter des Vereins Lebenshilfe Reichenbach.

Die Aufgaben sind zum Teil sehr anspruchsvoll. Die Unternehmen, die dort arbeiten lassen, dulden keine Abstriche an der Qualität. Die Mitarbeiter machen ihre Defizite durch so genannte Inselbegabungen wett. Betreuer und Ausbilder sind Angestellten des Vereins

Kathrin Groger, Leiterin des begleitenden Dienstes, nannte als Beispiel: "Wenn Ehrgeiz einen Namen hätte, so hieße er Sven." Sie führte jüngst beim Tag der offenen Tür eine Gruppe durch die Räume und stellte Arbeitsplätze vor. Was bei Sven der Ehrgeiz ist, der die motorischen Probleme überwindet, sind bei seinen Kollegen beispielsweise Schnelligkeit, Ordnungssinn oder die unbändige Freude am Arbeiten in der Gemeinschaft.

Die Bedingungen für die Mitarbeiter scheinen auf den ersten Blick gut, auch wenn man sich die sommerliche Hitze in den Räumen gut vorstellen kann. Dringender sei das Beheben von Defiziten im Brandschutz. Torsten Stolpmann, der Lebenshilfe-Geschäftsführer: "Wir haben den oberen Bereich entkrampft und jetzt weniger Mitarbeiter dort. Demnächst bauen wir an der Rückfront eine Rettungstreppe an." Eine Sanierung des Gebäudekomplexes komme nicht in Frage: "Wir warten auf den Neubau. Dazu brauchen wir Eigenmittel des Vogtlandkreises, mit dem wir in intensiven Gesprächen sind. Die Haushaltkonsolidierung setzt jedoch Grenzen." Und weiter: "Die Schwierigkeit für uns besteht darin, genau herauszufinden, wo die Stärken des Einzelnen liegen, und ihm dann eine passende Aufgabe zu übertragen."

In der Werkstatt geschieht das zuerst im Bereich Berufsbildung, wo zurzeit weitere 21 künftige Mitarbeiter zwei Jahre lang in Theorie und Praxis ausgebildet werden. In einem dreimonatigen Eingangsverfahren macht sich der Mitarbeiter mit der Werkstatt vertraut. Die Betreuer lernen ihn bei Orientierungspraktika kennen. Nach drei Monaten wird festgelegt, welche Angebote für den Mitarbeiter passen.

Im Zentrum steht der fachbezogene theoretische und berufspraktische Unterricht. Dazu kommt die Erhaltung von Fähigkeiten sowie die Vermittlung praktischer Dinge, die das Zurechtfinden im Alltag erleichtern. Am Ende gibt es ein internes Zertifikat und eine Feier, die die Mitarbeiter selbst mit ausgestalten. Wenn sie in einen Bereich der Werkstatt wechseln, werden die Anforderungen höher, das Tempo schneller.

Die Einrichtung arbeitet für Firmen im Vogtland und in Oberfranken. Dafür stehen die Bereiche Elektromontage und allgemeine Montage, Tischlerei, Schlosserei und Hauswirtschaft zur Verfügung. Wohl kaum jemand weiß, dass viele Zahnbürsten, die in Drogerie- oder Supermärkten verkauft werden, in der Lebenshilfe-Werkstatt ihren Aufdruck erhielten und dort für den Verkauf verpackt wurden. Auch Stollenkartons oder Bausätze für ein Räucherhaus werden dort vorbereitet.

In vielen Lastwagen-Sitzen steckt die Arbeit der Mitarbeiter, auch in Lampen oder Lichteinlegeböden, die in Küchen eingebaut werden. Möbel oder andere Holzteile kann man sich in der Tischlerei fertigen lassen. Die Lebenshilfe-Mitarbeiter sind mit Eifer bei der Sache. Zwischendurch können sie in den Sportraum gehen. Die Besucher, die jüngst an dem Tag der offenen Tür, in der Werkstatt unterwegs waren, schauten zu, wie sich die Mitarbeiter auf Sportgeräten oder unter Anleitung von Wilfried Jänner bewegten.

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