Jüdisches Leben im Blick

Journalist Ulrich Sahm war mit einem Vortrag im Reichenbacher Israelzentrum zu Gast. Er räumte dabei mit einigen Klischees auf.

Reichenbach.

Die Sächsischen Israelfreunde haben in Reichenbach den Abend des 81. Jahrestages der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 dem Thema "Antisemitismus im neuen und alten Gewand" gewidmet. Am Morgen war in der Innenstadt der vertriebenen und ermordeten Reichenbacher Juden gedacht worden.

Für den Vortrag luden die Israelfreunde den Journalisten Ulrich Sahm ins Reichenbacher Zentrum für jüdisch-christliche Geschichte und Kultur ein. Sahm lebt seit 50 Jahren in Jerusalem und berichtet von dort für Medien. Er widmete sich dem Thema von verschiedenen Seiten. Ein Blick in seine Biografie zeigte, dass er neben Erfahrungen aus Israel auch über theoretischen Grundlagen verfügt. Der Sohn eines Diplomaten und einer Äbtissin wuchs in verschiedenen Ländern auf und machte sein Abitur an der Odenwaldschule Heppenheim. Dann studierte er evangelische Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland sowie Hebräische Literatur in Jerusalem.

Sahm erklärte im Vortrag den mehr als 100 Zuhörern Begriffe wie Antisemitismus, -judaismus, -zionismus, -israelismus. Dabei erläuterte er, wie einige Klischees über Juden entstanden sind, zum Beispiel ihr Ruf als Brunnenvergifter, Finanzhaie oder Weltverschwörer. Der Begriff Antisemitismus sei vor etwa 200 Jahren während der französischen Aufklärung entstanden. Damals sei begonnen worden, die Menschen in Rassen einzuteilen und die Sprachfamilie der Semiten zu erfinden. Dass das nicht funktioniere, werde allein daran deutlich, dass neben Hebräisch auch Arabisch eine semitische Sprache ist, so der Redner. Sein Interesse an Linguistik, also Sprachwissenschaft, brachte ihn mit einem französisch-marokkanischen Gelehrten zusammen, der sich mit dem Thema Antizionismus auseinandergesetzt hat. Er habe herausgefunden, dass die Sowjets den Begriff um 1968 in die Welt gesetzt haben. Weiter stellte er dar, dass die Bezeichnung Palästinenser von Arafat um diese Zeit in der PLO-Charta eingeführt wurde und selbst in der DDR erst ab 1974 verwendet wurde. Er erzählte von einem Gespräch mit der Chefpropagandistin der Autonomiegebiete, die zwar behauptet, die Palästinenser hätte nie Krieg mit Israel geführt, im gleichen Atemzug aber sagt, die Juden hätten den Palästinensern mit Gründung des Staates Israel Land gestohlen.

Zudem hörten die Besucher Aussagen zu Jesus als Juden, der keine neue Religion erfinden wollte, sondern lediglich das Judentum verändern, zum Sinn der Bibelstelle "Auge um Auge" oder zu archäologischen Funden, die Aussagen der Bibel beweisen sollen.

Interessant wirkten auch Sahms Ausführungen über muslimischen Antisemitismus. Er stellte die These auf, dass dieser über den Großmufti von Jerusalem (Mohammed Amin al-Husseini, gestorben 1974) in die arabische Welt getragen wurde. Dieser Mann unterhielt Beziehungen zu Adolf Hitler und den Nationalsozialisten und habe deren Auffassungen verbreitet.

Vom Publikum wurden Fragen zur aktuellen Situation, zur Regierungsbildung in Israel oder zur Berichterstattung über Israel gestellt. Auch nach der Veranstaltung gab es noch viel Diskussionsstoff. Werner Hartstock, zweiter Vorsitzender des Vereins, bedankte sich für "die tiefschürfenden Erklärungen über das, was wir täglich erleben" und spannte den Bogen zu "30 Jahren Mauerfall". Nur dadurch sei so eine Veranstaltung möglich geworden.

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