Liebe, Begierde und Intrigen

Mit "Schäferfest" hat das Reichenbacher Neuberin-Ensemble ein Stück der Neuberin von 1753 auf die Bühne gebracht. Mit fliegenden Kostümwechseln - und als Stück im Stück.

Reichenbach.

Das Neuberin-Ensemble hat es gewagt. Zum Auftakt der 4. Neuberin-Theatertage brachte es mit "Schäferfest" ein 266 Jahre altes Stück seiner Namensgeberin auf die Hinterbühne des Neuberinhauses. Damals wie heute ein Auftragswerk, wie im Prolog deutlich wurde. Theaterreformatorin Friederike Caroline Neuber, die das Stück "Das Schäferfest oder Die Herbstfreude. Ein deutsches Lustspiel in Versen" verfasste, führte es am 15. Oktober 1753 anlässlich des Namenstages von Kaiserin Maria Theresia auf der Kaiserlich-königlichen privilegierten Stadtschaubühne in Wien auf. Im Original zweieinhalb Stunden lang, hat Gastregisseur Tino Nöbel aus Zwickau es in Reichenbach um eine Stunde gekürzt - und um eine zweite Zeitebene ergänzt: Im Jetzt, in dem eine achtköpfige Theatertruppe das "Schäferfest" einstudiert, erhält der von ihm erdachte Regisseur Besuch von der leibhaftigen Neuberin. Die ist am Ende immerhin so davon angetan, dass sie die Premiere nicht verpassen möchte.

Dazwischen erlebte das Publikum das Ensemble beim Proben auf der mit Stühlen, Tisch, Ledersofa, zwei Rollcontainern, Garderobenständern und einer Hutablage sparsam ausgestatten Bühne. Ein gelungener Kunstgriff. Denn in der Proben-Szenerie fällt kaum auf, ob jemand einen gespielten oder einen echten Texthänger in der barocken Sprache in Reimform hat, wenn souffliert werden muss. Da die acht Darsteller insgesamt 21 Personen spielen, darunter zwölf Figuren aus dem Original-Stück, schlüpft jeder mindestens in zwei Rollen, mancher auch in bis zu vier. Da verliert man als Zuschauer beim rasanten Kostümwechsel schon mal den Faden. Wer ist gerade wer? Ein Faltblatt, das alle Figuren benennt und darüber informiert, wer sie spielt, wäre hilfreich. Aber muss man das wirklich wissen? Oder ist es vielleicht gar nicht so wichtig? Denn beim "Schäferfest" geht es um große Gefühle, Liebe, Begierde, Intrigen und Missgunst. Da wandelt die Neuberin durchaus auf Shakespeares Spuren. Auch wenn es unblutig bleibt.

Da ist der reiche Schäfer Philemon (Tilo Barth), dessen Sohn Seladon (Olaf Thalwitzer) in die erste Tochter seines wohlhabenden Freundes Damon (Jörg Teichmann), die ebenso fleißige wie liebreizende Doris (Isabell Staub), verliebt ist und sie ehelichen möchte. Doch als Mirtillo (Jakob Seidel), ein junger, fremder Schäfer in die Gegend kommt, wird die Idylle erschüttert. Weil sie es nur auf sein Erbe abgesehen hätten, seien Frauen ihm die schwerste Last, klagt er. Und doch verliebt er sich Hals über Kopf in Doris und umgarnt sie, als er sie draußen zufällig trifft. Sie weist ihn ab. Doch ihre böse Schwester Galathe (Alexandra Fiedler) behauptet intrigant das Gegenteil beim Vater, der Doris fast verstößt. Knechte, Mägde und zwei noch junge Töchter Philemons tragen ihr Übriges zum Verwirrspiel bei. Die Lage eskaliert, als Seladon und Mirtillo mit Laubbesen wie die Kampfhähne aufeinander losgehen. Doch da grätscht die Neuberin dazwischen und tadelt den Regisseur: "Wer will das Clownstheater sehen? Das ist Bauerntheater. Das hat mit richtigem Theater nichts zu tun." Die Szene erinnert daran, dass sie es war, die 1737 den Harlekin von der Bühne verbannte. Das Stück selbst endet mit einem Happy-End. Zum Herbstfest bekommt Seladon seine Doris. Und Galathe wird Mirtillo an die Hand gegeben. Ob sie schon von seinem reichen Erbe weiß?

Die Hinterbühne war am Premierenabend ausverkauft. Das Publikum feierte die vor Spielfreude strotzende Aufführung mit lang anhaltendem Beifall. Marion Schulz und Wolfgang Richter überreichten in Namen der Neuberin-Gesellschaft Reichenbach einen Blumenstrauß und 200 Euro. Der Verein wolle das Ensemble auch künftig unterstützen, kündigte Marion Schulz an. Sie hatte das Stück "Schäferfest" vor zwei Jahren dem Neuberinhaus-Leiter Ronald Böhm ans Herz gelegt. "Ihr ward klasse. Das historische Thema habt ihr wunderbar und lustvoll umgesetzt und in unsere Zeit gebracht", urteilte sie.

Tilo Nöbel dankte besonders seiner Regieassistentin Kerstin Zähringer. "Ich bin als Regisseur ein Chaot. Gut, dass sie da war und alles aufgeschrieben hat", sagte er. Seit Februar hatte das Neuberin-Ensemble regelmäßig am Stück geprobt.

Weitere Aufführungen folgen am morgigen Sonntag sowie am 27. Oktober, jeweils 17 Uhr.

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