"Meinen Opa habe ich erst nach seinem Tod richtig kennengelernt"

Krimi-Literatur-Tage: Anemone Rüger erzählt von einem Mann, der über seine Vergangenheit geschwiegen hat

Anemone Rüger aus Magdeburg engagiert sich seit Jahren im Verein Christen an der Seite Israels, baut in der Ukraine derzeit ein Hilfsprojekt für hochbetagte Holocaust-Überlebende auf. In ihrem Buch "Opas Vermächtnis" schildert die bei Chemnitz aufgewachsene Autorin, wie ihre Familiengeschichte mit der jüngeren deutschen Geschichte verwoben ist und welche Lehren sie daraus gezogen hat. Vor Anemone Rügers Lesung im Rahmen der Krimi-Literatur-Tage am Dienstag im Israelzentrum Reichenbach hatte Gerd Möckel die Autorin am Telefon.

Freie Presse: Hallo Frau Rüger, Sie schreiben in "Opas Vermächtnis", wie Sie erst nach dem Tod Ihres Großvaters von dessen jüdischen Wurzeln erfahren haben. Wie kam es dazu?


Anemone Rüger : Ich habe mich schon immer für deutsch-jüdische Geschichte und Gegenwart interessiert, ohne irgendetwas vom familiären Bezug dazu gewusst zu haben. Gleich nach dem Abi bin ich für ein Jahr nach Israel gegangen und habe mich in einem Heim in Ma'alot Tarshiha (seit 2014 Reichenbacher Partnerstadt/Anm. d. Redaktion) um Holocaust-Überlebende gekümmert, habe gekocht, geputzt und den Menschen zugehört. Wenn ich daheim in Chemnitz davon erzählt habe, flossen bei meinem Opa Alwin die Tränen. Ihm hat es offenbar gutgetan, dass die Enkel das tun, wozu er nicht in der Lage war; sich ganz offen dieser Vergangenheit zu stellen und damit weiter Brücken zwischen diesen beiden Völkern zu bauen.

Und er hat nie ein Wort über seinen Anteil am grauenvollen Kapitel dieser Geschichte verloren?

Opa hat nie über seine Familie und kaum über seine Rolle in der Nazizeit gesprochen. Er war ein herzensguter Mensch; aber wenn es um den Krieg ging, hatte er eher Tränen als Worte. Meine Eltern haben durchaus die Frage nach seiner Herkunft gestellt. Seine Antwort: "Da gibt es nichts zu erzählen." Diese Haltung war über Jahrzehnte in der DDR und damit in einem Land eingeübt, in dem es eine offizielle Lesart und jede Menge Tabus gab. Das hat er wie viele hingenommen und sich im Schweigen eingerichtet. Er hat nur mal erzählt, wie sie in einer Gefechtspause Brot mit den Russen geteilt und dann wieder aufeinander geschossen haben. Ich glaube, er hatte nur zwei Vertraute, mit denen er sprechen konnte - einen Kameraden von damals und meine Oma. Aber auch die hat nie mehr erzählt.

Und wie haben Sie dann die ganze Geschichte erfahren?

Sechs Jahre nach dem Tod meines geliebten Opas hat meiner Mutter mit ihrer letzten Tante telefoniert und beiläufig bemerkt, wie schade es sei, dass sie gar nichts über ihre Familie weiß. Die Antwort hat unser Leben verändert. Ob sie denn nicht wisse, dass ihr Opa aus Lodz stammt, aus einer polnisch-jüdischen Tuchmacherfamilie. Daraufhin begann für mich eine jahrelange Suche nach dem Rest der Wahrheit. Die Cousine meiner Mutter wusste noch einiges, plötzlich tauchten auch ein von meiner Oma geführtes Kriegstagebuch und Opas Briefe aus der Gefangenschaft auf. Alles andere habe ich durch Aktenstudium rekonstruiert. So stieß ich auf die jüdisch geprägte Familiengeschichte meines Opas, die sich bis ins 18. Jahrhundert ins polnische Lodz zurückverfolgen ließ. Über verschiedene Quellen fand ich schließlich auch Zweige der Familie, die dem Holocaust entkommen und nach Israel ausgewandert waren. So konnte ich in vielen bewegenden Begegnungen die Familie ein Stück weit wiedervereinen.

Ihr Opa ist also als Mann jüdischer Herkunft in einen Krieg gezogen, der auch die Vernichtung der Juden zum Ziel hatte ...

Die Familie lebte damals schon in der Lausitz und hat sich angestrengt, als deutsche Familie anerkannt zu werden. Besonders mein Uropa hatte wohl auch deshalb eine starke antisemitische Haltung entwickelt. Er selbst fiel unter Hitlers Rassegesetze, mein Opa schon nicht mehr. Aber auch er hat sich Mühe gegeben, nicht aufzufallen und hat kurz vor Kriegsbeginn aus seinem die jüdische Herkunft nahelegenden Nachnamen Mairanz vorsichtshalber ein Mejeranz gemacht. Der Vernichtungsfeldzug, der auch ein Feldzug gegen die Juden war, muss etwas in ihm zerbrochen haben. Es war auch in der Wehrmacht klar, wen die SS hinter der Front umgebracht hat, im Wald oder auf den Marktplätzen.

Ihr Opa war ja auf dem Russlandfeldzug an vorderster Front.

Richtig, mit der 291. Infanterie-Division als Speerspitze bei der Eroberung des Baltikums bis nach Leningrad. Später war er am Kessel von Welikije Luki eingesetzt; bei dem Versuch, diesen aufzubrechen, kamen mehr Deutsche um, als eingekesselt waren. Er hat das ganze Grauen dieses Feldzugs mit zweigeteilter Seele in Wehrmachtsuniform erlebt. Später ist er in Italien in amerikanische Gefangenschaft geraten. Nach zwei Jahren kehrte er zurück zur Oma, die in Chemnitz sehnsüchtig auf ihn wartete. Sie blieben im guten Willen, ein besseres Land aufzubauen. Sie fanden aber nie die Worte, um ihren Schmerz und ihre Schuldgefühle auszudrücken. Mein Opa hat seine Geheimnisse mit ins Grab genommen - sein Familienvermächtnis und sein Kriegstrauma. Eigentlich habe ich ihn erst nach seinem Tod richtig kennengelernt.

Man spricht dabei auch von der zweiten Schuld - nach der ersten, ein Täter oder Mitläufer gewesen zu sein, kommt die des Verschweigens. Ein Verhalten, das auch den Kindern eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Geschichte verbaut.

Genau, dazu gibt es inzwischen viele Analysen. Erst die Enkelgeneration stellt Fragen. Doch aus dem Mut zur Erinnerung wächst Versöhnung. Es steckt so viel heilende Kraft in der ehrlichen Auseinandersetzung mit Unrecht und Schuld, aber auch mit dem unverdauten Schmerz. Das erfahre ich familiär und in der Arbeit im Verein. Wer Fehler eingesteht, der erfährt Vergebung. Ich sehe darin auch für die jüngere Generation in Ostdeutschland einen Ansatz, die Welt ihrer Eltern und Großeltern und sich selbst besser zu verstehen.

Lesung und Diskussion mit Anemone Rüger am Dienstag, 19 Uhr im Israelzentrum an der Reichenbacher Wiesenstraße. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

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