Meister des Minimalismus begeistert

Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker trat im Reichenbacher Neuberinhaus auf. Er beweist: Weniger ist manchmal mehr.

Reichenbach.

Beim Auftritt von Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker ist im Neuberinhaus kein einziger Stuhl freigeblieben. Die letzten Reserven bekamen vor allem Besucher, die ihre Karten nach der krankheitsbedingten Absage im vergangenen Jahr nicht zurückgegeben hatten und deren Plätze neu verkauft wurden. "Bei uns im Haus ist das einfach, wer aber Karten von den anderen Vorverkaufsstellen hatte, musste den Kauf dort rückabwickeln", sagte Neuberinhaus-Chef Ronald Böhm. Seine Mitarbeiter kamen leicht ins Schwitzen, hatten aber bis zum letzten Gong vor dem Auftritt des Kabarettisten alles im Griff.

"DOD - Das Leben ist das Ende" heißt das aktuelle Soloprogramm, mit dem Dudenhöffer seiner einst durchs Fernsehen taumelnden Kultfigur Heinz Becker ein Denkmal setzt und das er im Neuberinhaus spielte. Was hochphilosophisch klingt, ist letztlich doch klischeehafter Alltag eines Vertreters der älteren Generation, wie man ihn aus dem Fernsehen, noch mehr aber aus dem ganz persönlichen Erleben kennt. Diesen Becker hat sich der Autor Dudenhöffer selbst auf den Leib geschrieben. Er lebt in Brexbach, dem saarländischen Geburtsort des Mimen, könnte aber auch als geiziger und auf das Wesentliche reduzierter Schwab' durchgehen. Zu ihm gehören Sohn Stefan und Hilde. Das heißt Hilde eigentlich nicht mehr. Denn die hat er gerade zu Grabe getragen, als sich unter dem Klang von Friedhofsglocken der Vorhang im Neuberinhaus öffnet. Dudenhöffer sitzt auf einem Stuhl, den er nur in der Pause verlässt. Ansonsten bewegt er maximal die Hände und den Kopf wie der allseits bekannte Wackel-Dackel.

Viel mehr Aktion gibt es nicht. Trotzdem kleben ihm die 600 überwiegend auswärtigen Besucher 90 Minuten lang an den Lippen, während er Dinge erzählt, die den meisten nicht fremd sind, die man aber ganz gern mal aus berufenem Munde hört. Hilde und damit der Tod sind allgegenwärtig in diesem Monolog nach Beckers Rückkehr von der Beerdigung, den Blumenstrauß, den er aufs Grab legen wollte, noch in der Hand. "Man macht's ja auch nicht so oft", ist seine Entschuldigung, mit der er Friedhofsstimmung verbreitet, die nur von kurzen Lachern des Publikums unterbrochen wird. Dabei ist manches, was er sagt, gar nicht lustig und für Diskussionen nach der Aufführung geeignet. Die Sache mit dem Organspenderausweis zum Beispiel oder Klarheit über das, was mit Menschen und ihrem Besitz nach dem Tod passieren soll. Becker denkt öffentlich über seine Jahre mit Hilde nach: "Erinnerungen sind, wie wenn man in die Zukunft guckt, nur in die andere Richtung", um nach einer Denkpause und unter Beifall zu erklären, dass es bei vielen Jahren Ehe ja auch schöne Erinnerungen gibt. Dabei ist er nicht mal in der Lage, seinen Bierkonsum mit dem Vorrat im Kühlschrank in Übereinstimmung zu bringen oder sich eine frische Unterhose aus dem Schrank zu nehmen.

Selten ist jemand so mit seiner Rolle verwachsen wie dieser Kabarettist. Auch als er mitten im Beifall vor den Bühnenvorhang tritt, sieht man nicht den Gerd Dudenhöffer, sondern Heinz Becker. Das angedeutete Lächeln kann nicht darüber hinwegtäuschen: Gerd ist der in die Jahre gekommene Heinz. Dod-sicher. Auch wenn mit Greta, Trump, Spahn und ein paar anderen aktuelle Bezüge ins Drehbuch geflossen sind, wird Altbewährtes konserviert. Brahms' am Ende gespieltes Schlaflied "Guten Abend, gut Nacht" wird so manchem den ganzen Abend lang nicht mehr aus dem Kopf gegangen sein.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.