Mitdenken heißt Mitsprache

You only live once - du lebst nur einmal: Fikret Abdic definiert diesen Satz auf seine Weise. Wahlweise auch in Englisch - da ist der Reichenbacher Sachsens bester Oberschüler.

Reichenbach.

Fikret Abdic lernt nicht nur in der Weinhold-Oberschule. Der Neuntklässler nennt auf Nachfrage wie aus der Pistole geschossen den Vornamen genauso wie die Verdienste des bedeutenden Bildungsreformers Carl Bruno Weinhold. Aufhorchen lässt Fikret jedoch, wenn er den Bogen von der Industrialisierung Reichenbachs zu den großen Linien des 20. Jahrhunderts schlägt und nicht nur dessen tragische Dimensionen beleuchtet. "Das 20. Jahrhundert, das war auch ein gewaltiger Schritt hin zum Besseren", sagt der 14-Jährige: "Nehmen wir nur den Rassismus oder die Unterdrückung von Minderheiten. Da sind wir heute weiter. Die Entwicklung dahin kam im vorigen Jahrhundert bedeutend voran", sagt Fikret und redet über die schwere Geburt der Demokratie auf deutschem Boden. "Aus dem Scheitern von Weimar und dessen Folgen lässt sich viel lernen. Die Demokratie ist im Gegensatz zu jeder Diktatur die beste Staatsform, die wir kennen. Sie garantiert ein Leben in Freiheit und den Schutz von Minderheiten. Aber obwohl das so wichtig ist, kommt das im Alltag viel zu kurz."

Überhaupt und im Schulalltag. Zumindest für Fikret Abdic. Zwei Wochenstunden Geschichte, die letzte davon in der siebten Stunde am Freitag. "Für mich ist das viel zu wenig." Für manch andere Schüler ist das anders. "Sie interessieren sich nicht für Herkunft und Zukunft. Sie leben in der Gegenwart." Doch wer sein Leben mitgestalten will, muss auch mitdenken. Der junge Mann mit den bosnischen Wurzeln kann das ziemlich gut. In Geschichte steht er auf einer glatten Eins. In Englisch sowieso. Erst kürzlich hat Fikret Abdic die Englisch-Olympiade auf Landesebene gewonnen.


Im Schulhaus hat Barbara Dreyer diesen Triumph mit einem Aushang herausgestellt. Tenor: "Simply the best". Für die Englisch-Lehrerin ist Fikret mehr als das gute Beispiel. "Es macht ungeheuren Spaß mit ihm zu arbeiten. Er hat einen großen Wortschatz, er spricht und schreibt wie ein Muttersprachler. Er versteht es zu nuancieren und Ironie einzusetzen." Auf der sechsstufigen Skala des europäischen Referenzrahmens für Sprachen verortet ihn die Lehrerin ganz oben. "Die C1 würde er locker schaffen." Und den Ritterschlag gibt's von Willow Sommer aus einer Stadt auf Long Island, die bis Schuljahresende als Fremdsprachenassistentin an der Schule lehrt: "Fikret ist wie ein guter amerikanischer Schüler. Eine absolute Ausnahme hier."

Nicht ohne Grund also war der junge Mann von den Olympia-Anforderungen in Dresden überrascht. "Um ehrlich zu sein, das war schon einfach. Aber ich freue mich über den Sieg. Und dafür möchte ich auch ein Dankeschön loswerden. An meine Eltern und vor allem an Frau Dreyer. Bei ihr lerne ich die korrekte Anwendung der Grammatik, alles andere lerne ich zu Hause."

Und zwar am PC. Am PC? "Nein, ich habe nichts zu tun mit diesen dummen Trends auf Youtube", erklärt Fikret Interessen seines Jahrgangs. Da ist nicht nur in Reichenbach zum Beispiel Bottle Flip angesagt: Bei gekonnten Würfen landet dabei eine teilweise mit Wasser gefüllte Plasteflasche auf ihrem Boden und bleibt stehen. Fikret hat bei einer Klassenfahrt kürzlich sogar miterlebt, wie ein Schüler einen Cap Flip hinbekommen hat. Dabei kam die Flasche auf dem Verschluss zu stehen. Bottle Flip und andere Spiele und Spielchen laufen bei den Teens unter Yolo - "you only live once". Fikret deutet diesen zur Verzettelung einladenden Gemeinplatz anders.

Vor dem Bildschirm sitzt der Schüler nach der Schule, um mit Leuten aus aller Welt Online-Spiele zu spielen. Die Konversation dabei läuft überwiegend auf Englisch. "Das reicht vom Alltäglichen und driftet manchmal ab bis hin zu heißen Diskussion zum Beispiel über Politik. Da ich kaum richtige Gesprächspartner in meinem Alter finde, kommuniziere ich meist mit über 20-Jährigen. So habe ich mein Englisch geschult. Mittlerweile verstehe ich ziemlich jeden Slang."

Auf den Geschmack gekommen war Fikret mit Beginn des Englisch-Unterrichts in Klasse drei. "Da habe ich gemerkt, dass ich da doch etwas begabt bin." In jener Zeit beherrschte er bereits zwei Sprachen ganz gut. Serbokroatisch und Deutsch. Fikrets Familie stammt aus einer Stadt in Westbosnien, die in den 90ern die Flucht vor dem Balkankonflikt erst nach München, dann nach Reichenbach verschlagen hat. Fikrets Eltern betreiben einen Fahrzeughandel an der Zwickauer Straße. "Sie haben viel Wert darauf gelegt, dass ich zweisprachig aufwachse. Mit ihnen unterhalte ich mich auf Serbokroatisch", erzählt Fikret und lacht: "Deutsch habe ich dann doch eher vor dem Fernseher gelernt."

Und jetzt? Klasse zehn. Dann das Abitur. "Und dann möchte ich Anwalt werden. Alle reden über Rechte und Pflichten, aber kaum einer kennt sie. Das ist für mich ein spannendes Thema. Ich denke, gute Juristen werden gebraucht. Aber erst mal sehen, ein bisschen Zeit ist ja noch." Und bis dahin erledigt Fikret Abdic jede Aufgabe weiter so gut es geht. Wie jüngst bei einem Praktikum in der Jürgen-Fuchs-Bibliothek. Da war auch Bibliotheks-Pädagogin Melanie Schönhoff hin und weg: "Unglaublich, was er schon kann. Und vor allem, was er schon weiß."

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