Muslimisches Leben als Thema

Neugierige Reichenbacher konnten im Ratssaal aus erster Hand erfahren, was Religion bedeuten kann. Zwei Menschen aus dem Nahen Osten berichteten.

Reichenbach.

Zur so genannten Fischbowl-Diskussion wurde am Mittwochabend im Ratssaal des Reichenbacher Rathauses aufgerufenen: Das Diskussionsformat, bei dem Stühle wie in einem Fischglas platziert sind und Anwesende auf Gaststühlen im zentralen Podium mitreden können, war den meisten Teilnehmern neu.

Als Thema stand "Miteinander leben - Muslimische Lebenswelten in Deutschland und Sachsen" auf dem Programm. Rathausmitarbeiter Dirk Prager meinte angesichts zahlreicher leerer Stühle: "Das Thema wird wohl eher am Stammtisch diskutiert." Die Veranstaltung entstand aus den Feierlichkeiten zum Deutschlandtag am 3. Oktober. Damals war das mobile Café "Hoffnung" in Reichenbach. Ruben Enxing von der Katholischen Akademie des Bistums Dresden: "Bei der Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen ist mir besonders der Satz 'Wir wollten alles dafür tun, dass es friedlich bleibt' in Erinnerung geblieben."

Enxing moderierte das Gespräch mit zwei Muslimen. Miriam Taani stammt aus Jordanien, lebt seit 20 Jahren in Deutschland, davon mehr als vier Jahre in Dresden. Die selbstständige Ingenieurin entspricht nicht dem Klischee, deshalb zielte eine der Fragen auf das Tragen des Kopftuches. Sie erklärte, dass sie noch nie in der Öffentlichkeit ein Kopftuch getragen habe und das auch bei Aufenthalten in Jordanien nicht tue. An Deutschland schätze sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Lebensqualität und die Möglichkeiten der freien Entfaltung. Verglichen mit Jordanien vermisse sie Gelassenheit und Zufriedenheit. "Und dass Gott in der Gesellschaft nicht sichtbar ist", erklärte sie: "Unsere Kinder waren in einem evangelischen Kindergarten. Mir war wichtig, dass sie Gott und Religion kennenlernen, egal ob als Jesus oder als Moses in einem jüdischen Kindergarten."

Muawia Dafir sprach zu den Strömungen im Islam. Gewalttaten, wie sie zum Beispiel in Syrien geschehen, sind für ihn Straftaten. Anders als Miriam Taani geht Muawia Dafir kaum in die Moschee, sieht sich aber trotzdem als Muslim. Er kommt aus Syrien und kam über den Deutschen Akademischen Austauschdienst nach Sachsen. Zuvor hatte er in den USA studiert. Jetzt steht er kurz vor der Promotion im Fach Maschinenbau und ist eingebürgert. Beide sprachen sich für eine Trennung der Religion Islam von der Politik in muslimisch geprägten Ländern aus. Auf Aussagen des Korans in Sachen Gewalt angesprochen, verwiesen sie auf historische Hintergründe und betonten, dass der Islam eine friedliche Religion sei.

Beide brachen eine Lanze für die Mehrfrauen-Ehe. Sie verhindere Prostitution sowie Fremdgehen und sei in muslimischen Ländern für viele Frauen die einzige Möglichkeit einer Beziehung mit Versorgungsanspruch. Jedoch sei vorgeschrieben, dass der Mann jede seiner Familien gleich behandeln müsse, was bisweilen an Möglichkeiten scheitere. Aufgrund der Gesetze sei Polygamie in Deutschland jedoch kein Thema. Die Feststellung einer Besucherin, dass muslimische Männer in Deutschland die Kultur zu achten und mit Frauen respektvoll umzugehen haben, konterte Miriam Taani mit der Gegenfrage, ob alle deutschen Männer das tun. Später wurde an Stehtischen weiterdiskutiert. Unter den Besuchern waren einige, die in islamischen Ländern gearbeitet und gelebt hatten und spezielle Kenntnisse einbringen konnten.

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