Rätselraten am Blauen Haus: Figur vom Trabi-Denkmal fehlt

Nur das Auto aus Sandstein steht noch im Reichenbacher Neubaugebiet. Der lässige Fahrer mit der Schiebermütze wird vermisst. Die Polizei fahndet.

Reichenbach.

Am Trabi-Denkmal am Blauen Haus im Neubaugebiet West wird die Bronzefigur vermisst. Ein Anwohner griff deshalb zum Hörer und rief am Donnerstag beim Lesertelefon der "Freien Presse" an. "Mein Enkelsohn hat das bemerkt. Das war vor zwei Tagen. Die Halterungen im Stein und im Boden sind einfach herausgerissen worden", berichtete er.

Jetzt herrscht Rätselraten: Wo ist die Figur? Wie lange ist sie schon weg? Hat sie jemand geklaut? Oder ist sie gerade zur Reparatur?

"Bei uns in der Stadtverwaltung weiß keiner, was da vorgefallen ist", sagte Stadtsprecherin Heike Keßler. Diplombildhauer Berthold Dietz aus Lichtentanne, der das Kunstwerk vor 25 Jahren geschaffen hatte, konnte zumindest sagen, dass keine Restaurierung laufe. Er verwies auf den Eigentümer des Blauen Hauses, dem auch das Kunstwerk gehöre. Vermögensverwalter Maurice Perez Kolb von der Verifort Capital Asset Management GmbH Tübingen erklärte gestern, bis dato sei ihm nichts über einen Diebstahl bekannt gewesen, allerdings sei der vor Ort zuständige Hausmeister gerade im Urlaub. Die Polizeidirektion Zwickau ließ gestern wissen: "Der Diebstahl der Figur wurde uns aktuell noch nicht angezeigt." Dennoch schaute sich Bürgerpolizist Ralf Schlegelmilch mit einer Kollegin am mutmaßlichen Tatort um und machte Fotos. Der Kriminaltechnische Dienst sei zur Sicherung von Spuren verständigt.

"Freie Presse" sah sich den verwaisten Sandstein-Trabi an und kam mit Bürgern am Blauen Haus ins Gespräch. "Ich gehe fast jeden Tag hier entlang. Das war mir aber noch gar nicht aufgefallen", sagte eine ältere Dame. So ging es den meisten Passanten. Ein Herr meinte: "Es war zu befürchten, dass jemand irgendwann die Figur stiehlt. Jetzt sie sie weg, echt?!" Ein Ehepaar wusste: "Wir kommen seit voriger Woche für eine Therapie hierher. Da stand keine Figur mehr."

Das Trabi-Denkmal war am 24. März 1993 eingeweiht worden, zusammen mit dem neuen Geschäftshaus in der Albert-Schweitzer-Straße 1, das wegen der Farbe des Außenputzes Blaues Haus genannt wird. "Der Architekt hatte das damals vorschlagen. Ein Kunstwerk mit einem Trabi. Die Wende war noch nicht lange her, viele hatten noch die endlosen Autoschlangen im Kopf, die gen Westen rollten", erklärt Berthold Dietz. Das mag auch der Grund sein, warum der mit überkreuzten Beinen und Schiebermütze am Trabi stehende Fahrer exakt nach Westen schaut.

Das Reichenbacher Kunstwerk ist übrigens der kleine Bruder des Trabi-Denkmals, das 1998 - und damit fünf Jahre später - im Rahmen des Internationalen Trabantfahrer-Treffens in Zwickau eingeweiht wurde. Über drei Millionen "Duroplastbomber" waren in der Muldestadt gefertigt worden. Dort finden sich neben dem Mann mit der Schiebermütze auch Mutter und Tochter in Bronze. 2014 wurde das Zwickauer Trabi-Denkmal vom Georgenplatz zum August-Horch-Museum umgesetzt. Grund: Vandalismus.

Das Kunstwerk am Blauen Haus in Reichenbach musste bereits Ende der 1990er-Jahre einmal saniert werden, wurde aber immer wieder mit Farbe beschmiert und verdreckte. Zuletzt war es 2013 gereinigt und aufgefrischt worden. Ein Schild, das auf den Schöpfer und das Einweihungsdatum hinweist, fehlt indes bis heute. Den Wert der entwendeten Skulptur beziffert Berthold Dietz auf 10.000 Euro. Der Materialpreis liegt weit darunter. Sollte die Bronzefigur verschollen bleiben, so ist nicht alles verloren. Dietz sagt: "Das Modell habe ich noch. Man könnte den Guss nachfertigen ..."

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