Reichenbacher zeigen Menschlichkeit in finsterer Zeit

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Reichenbacher Unternehmen immer mehr Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt. Mancher Bürger zeigte sich solidarisch.

Reichenbach.

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges wurden auch in Reichenbach immer mehr Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in den Betrieben eingesetzt. Eingepfercht in Lagern, schlecht verpflegt und gekleidet, sollten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der damaligen Sowjetunion, aus Frankreich, Italien und England, die in den Krieg eingezogenen Deutschen ersetzen. Es gehört noch heute zum hoch anzuerkennenden Verhalten von Reichenbachern, die sich unter Gefahr für das eigene Leben, hilfreich zu den ausländischen Arbeitskräften verhielten.

Das Zeichen der Menschlichkeit war vor allem der Grund, der den kriegsgefangenen französischen Lehrer Moise Andre Saal aus Nimes in Südfrankreich veranlasste, seine Erlebnisse in Reichenbach während seiner Gefangenschaft aufzuschreiben und 1946 zu veröffentlichen. Es erschien der Roman "Vertrauliches an meine Patin". In diesem Buch würdigt er einen Reichenbacher Bürger, der sich human und solidarisch während dieser dunklen Zeit verhalten hat. Sein Name ist Alfred Seidel. Er arbeitete als Schuppenheizer im Reichenbacher Bahnbetriebswerk.

Geboren wurde Alfred Seidel 1904 in Oberreichenbach. Er wuchs in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie auf, wo ihm ein ausgesprochener Gerechtigkeitssinn anerzogen worden war. Er und seine Frau leisteten tatkräftige Hilfe für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, versorgten sie mit Essen und Kleidung. Der junge Franzose Moise Andre Saal, mit dem Seidel zusammenarbeitete, war sprachlich begabt. Er konnte sich auch schnell Russisch-Kenntnisse aneignen, um so auch gefangene Russen über den Vormarsch der Roten Armee informieren zu können. Um Moise Saals jüdische Abstammung zu verschleiern, kamen die Seidels auf die Idee, dass er sich nun mit Vornamen Moritz nennen sollte. In seinem Buch benennt er auch die damals 19-jährige ukrainische Zwangsarbeiterin Lydia Jemifenko, die wie andere Zwangsarbeiterinnen von den Seidels mit Essen und Kleidung versorgt wurden. Das alles war höchst gefährlich, denn die Nazis bedrohten Deutsche für ihr solidarisches Verhalten gegenüber Zwangsarbeitern mit härtesten Strafen.

Eine Leipzigerin hat die Passagen aus dem Roman von Saal, die die Familie Seidel betreffen, übersetzt. 1965 kam es zu einer herzlichen Begegnung von Lydia und Moise in Reichenbach. Unbekannt gebliebene Reichenbacher Bürger verhielten sich trotz hoher Gefahr für sich auch so human wie Alfred Seidel. Als sowjetische Kriegsgefangene die Müllabfuhr leisten mussten, wurde ihnen heimlich Essen zugesteckt. Das wurde möglich, weil die Mülltonnen aus dem Hof auf die Straße getragen werden mussten. Im Kellergang konnte so Nahrhaftes hinterlegt werden.


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