Schloss gibt Geheimnisse häppchenweise preis

Geschichte wiegt schwer. Wie schwer, erlebten Besucher in Neumark bei einer Zeitreise durch die Jahrhunderte. Manche Dinge sind für immer verloren. Gerade deshalb lohnt der Blick nach vorn.

Neumark.

Rund 900 Besucher strömten gestern ins kleine Neumark um sich vom Hauch der Geschichte - die weder immer schön, noch immer gerecht war - umwehen zu lassen. Eingeladen hatte die "Freie Presse" und das Gut Neumark, um unentdeckte Orte, in diesem Fall das Schloss, die Schlosskirche und die Familiengruft, kennenzulernen. Vor allem mittlere und ältere Jahrgänge schlossen sich einer der drei Führungen an, die durch das unter Denkmalschutz stehende Schloss führten.

Beim Blick von außen auf das schnörkellose, graue Gebäude ahnt der Besucher nicht, wie viele Jahrhunderte Geschichte hinter den Mauern schlummern. Benno und Dorothee von Römer sind seit Jahren damit beschäftigt, diesem steinernen Zeitzeugen seine Geheimnisse zu entlocken. Sie tun das durch Sanierungsarbeiten, Spurensuche und Ahnenforschung. Immer wieder gewähren sie Einblick in ihre Erkenntnisse, die oft ein Stück Geschichte ans Tageslicht holen, die kaum in einem Geschichtsbuch stehen und die in keiner Ausstellung Niederschlag finden.

Die Rede ist von der Vertreibung und Enteignung der Adligen, der Gutsbesitzer nach dem Zweiten Weltkrieg. Benno von Römer, sagt, er möchte nicht bemitleidet werden. Er weiß, ein Großteil des Familienbesitzes ist für immer verloren und in alle Winde zerstreut ist. "Es geht uns um die richtige Darstellung der Ereignisse." Dazu gehöre die Deportation der ehemaligen Gutsbesitzer in Viehwaggons auf die Insel Rügen, die bei Todesstrafe ausgeschlossene Rückkehr in die alte Heimat und die Unmöglichkeit, verlorenes Eigentum zurückzubekommen.

Benno von Römer hat den Besitz seiner Vorfahren erst nach der Wende kennengelernt. "Ich nutze solche Tage wie heute auch, um irrwitzigen Gerüchten, die immer noch kursieren, entgegenzutreten", sagt er. Das Gut Neumark musste er als Alteigentümer zurück kaufen, viele Jahre Zeit habe er mit diesem Kampf verloren. "Wäre ich woanders nur als Investor aufgetreten, hätte ich es leichter gehabt." Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung wirkt die Geschichte an allen Ecken und Enden nach. Nicht nur, dass kurz nach Kriegsende das dann herrenlose Haus geplündert wurde und es keine brauchbare Inventarliste und nur drei Fotos von der Inneneinrichtung von damals gibt. Auch die Nachnutzung hat ihre Spuren hinterlassen. Das schlimmste Kapitel ist aus von Römers Sicht die Nutzung als kinderpsychiatrische Einrichtung, die er noch selbst Anfang der 1990er Jahre als menschenunwürdig kennengelernt und empfunden hat. "Neumarker durften hier nicht rein, das weiß ich aus Gesprächen im Ort", sagt er. Nur ein älterer Herr widerspricht: "Doch, ich durfte rein. Ich hab die Post gebracht." Manchmal tauchen zufällig alte Einrichtungsgegenstände auf. Doch selbst, wenn der Rückkauf gelingt, komplettieren können von Römers kein einziges der Zimmer mehr.

Der Blick nach hinten nimmt für von Römers viel Raum ein, versperrt dem Paar aber nicht den Blick nach vorn. Ziel sei es, einen Teil des Schlosses der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. In einem anderen Teil möchten von Römers eine Wohnung für sich einrichten und Privatsphäre für die sechsköpfige Familie herstellen. "Wir freuen uns über das große Interesse der Menschen für diesen Ort. Und wir sind froh, dass sich die Direktvermarktung und unser Veranstaltungskonzept so gut entwickeln", so Benno von Römer. "Aber ab und zu brauchen wir auch ein bisschen Freiraum für uns, Sonntag Zeit für die Kinder, ohne das Besucher neben unserm Kaffeetisch im Garten stehen."

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